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Hier finden Sie die Predigten, die ich zuletzt in Starnberg oder einer der benachbarten Kirchengemeinden gehalten habe.

Zwei Sammelbände mit Predigten habe ich zudem im Fromm Verlag veröffentlicht:

  • „Nach der Kraft, die in uns wirkt“ (Epheser 3,20). Starnberger Predigten, 2017
  • „Du tust mir kund den Weg zum Leben“ (Psalm 16,11a). Lied- und Psalmenpredigten, 2018

Bitte melden Sie sich, wenn Sie daran Interesse haben: Tel.: 0173 2646401 oder E-Mail: stefan.koch(@)elkb.de


Predigt über Ex 13,20-22

(gehalten am 31. Dezember 2020, in der Friedenskirche Starnberg)

Zeit, Neues Jahr, Sylvester

Liebe Gemeinde,

der letzte Abend dieses Jahres beginnt, es stehen uns die eigentümlichen Stunden zwischen 20 und 21 bevor. Eigentlich passiert wenig Neues: In diesem Jahr erst recht, da wir uns auch im Hineinfeiern beschränken. Zudem viele, die sonst auch hierher in die Kirche gekommen wären, sich lieber in Sicherheit daheim wähnen. Freilich, unsere Jungen treffen sich trotzdem zum Feiern und sie empfinden keine Freude an fehlenden Böllern. Auch wir Ältere haben uns angewöhnt, am Datumswechsel mit Blick zum Himmel innezuhalten. Als Kinder dachten wir, man darf den Abend nicht verpassen und der Opa muss einen doch aufwecken, wenn man verfrüht einschläft. Heute wissen wir, der Übergang ist fließend.

So erleben wir erneut einen Altjahresabend in einem Leben zwischen feststehen und aufbrechen; Tradition und anders neu anfangen, mit freudigem Erwarten und ängstlichem Harren, was kommen mag in einem Jahr, das wir mit einer schnellen 21 abkürzen können. In wenigen Stunden beginnt der Januar, der seinen römischen Namen vom zweigesichtigen Gott hat, der zugleich zurück in die Vergangenheit und nach vorne in die Zukunft zu spähen vermag. Als Janus um die Zeitenwende das Monatsregiment übernahm, wechselte der Jahresbeginn vom März, im Frühling, in den Winter, Ende Dezember. Seitdem schaut man zwischen Dezember und Januar zurück und vor. Und will wenigstens ein wenig nach den Sternen greifen.

Kaum jemand wird morgen noch zurückblicken wollen auf 2020, zumal diese Rückschau seit dem März vielfach so unerfreulich ausfällt. Ich muss mich bemühen, den vergangenen Monaten insgesamt etwas abzugewinnen mit bleibender Bedeutung fürs Land. Wir haben zusammengehalten, heißt es. Wir werden stärker, wenn wir getestet werden, verlauten die US-amerikanischen Freunde, die es nach der Biden-Wahl wohl wieder sind, wie immer im Brustton der Überzeugung. Überwiegend freilich war es aber doch für die verwundbaren Menschen unter uns, also für uns alle, ein schlimmes Jahr. Wir mussten es erleben, als wären wir wieder eine Kriegsgeneration: sterbenskranke Menschen und Pflegepersonal hinter Folie, Sargmengen, maskierte Gestalten allenthalben, Einsamkeit hinter Heimfenstern. Vieles wird im Rückblick von solchen Bildern geprägt, zuletzt nun von den Hoffnungsschnappschüssen der sehr bedächtig beginnenden Impfungen, die irgendwann auch zu unserer eigenen Erfahrung werden, wenn wir dann die Schulter freimachen dürfen und die Nadel dort oben einsticht, wo wir als Kinder gegen alles Mögliche gefeit wurden.
Zu diesen schaue ich auch meine persönlichen Bilder. Wege, die ich gegangen bin oder gegen meinen Willen geschickt wurde. Viele Zugfahrten. Das herrliche Laufen, als im Juli endlich einmal ein kurzer, aber entscheidender Urlaub möglich war. Viele Abschiede, mehr als mir gut getan haben. Freunde, die ich verloren habe, Friedhofsgänge. Rund um Sylvester drängen sich in Grußkarten und Gesprächen am Telefon die Fragen nach der persönlichen Zukunft in den Vordergrund, die ich so langsam besser beantworten kann. Viel Ungewissheit ist dabei, die persönlich auszuhalten bleibt: Krankheiten von lieben Menschen, die einen bedrücken. Aber auch so viel Gutes: Geburten, die sich anzeigen, nachgeholte Hochzeitsfeiern …

Wir sind unterwegs zwischen gestern und morgen, an Sylvester wird man dessen besonders inne. Alle Jahreswege, die wir gegangen sind, können wir heute Abend mit Hilfe eines kleinen Textes aus dem zweiten Buch der Bibel noch einmal von einer anderen Warte aus betrachten. Und damit kann ich mich zugleich lösen von schweren oder schönen Themen, kann hören, welchen Blick auf das Leben uns der Text aus dem AT bietet. Wir schauen auf die Perspektive, die Gott uns öffnet, wenn wir auf ein altes Wort horchen um eine neue Zeit zu begreifen. Der Predigttext für den Altjahresabend steht im zweiten Buch Mose/Exodus im 13. Kapitel:

So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht von dem Volk.

Man denke sich, wer da unterwegs ist: es ist das Volk Gottes, das sein Ägypten verlassen darf. Nun startet eine neue Etappe auf dem Weg Israels aus der Sklaverei in die Freiheit, die Freiheit des Bundes mit Gott. Sie tun allererste Schritte auf das verheißene Land zu, in der Hoffnung, dort dann in Frieden wohnen zu dürfen. Unser Text erzählt vom Aufbruch am Anfang. Die Menschen Gottes folgten dem Ruf und wanderten weg aus der oberägyptischen Baustellenstadt Ramses, sie ziehen zunächst nach Sukkot. Noch lässt Ägyptens Pharao sie einfach gehen, das ändert sich dann. Die Verfolgung ihres Zuges durch die Militärmacht vom Nil und der Durchweg durchs Schilfmeer samt Ersaufen von Wagen und Ross Ägyptens folgen bald. Gott führt sein Volk aus Ägypten und bringt sie zunächst nach Etam, an den Rand der Wüste.

Der hebräische Name des Ortes heißt übersetzt "Grenzbefestigung". Man ist noch vor ihr, man könnte noch zurück! Das Gewohnte daheim bleibt in Sichtweite – liminal nennt man diese Perspektive, nach den römischen Grenzwällen der germanisch-raetischen Region zwischen Rhein und Donau und seit Hadrian im Norden von Britannien. Ein Blick zurück? Mag sein. Der Weg zurück? Nein, es gibt nun keinen Richtungswechsel mehr! Gott geht vor seinem Volk her am Tag in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, um Tag und Nacht in ihre Zukunft zu laufen.

So wie Israel diese Glaubenserfahrung diesseits und dann jenseits der Grenze gemacht hat, dass nämlich unser Gott und seine guten Mächte treu mit seinem Volk unterwegs sind, dass Gott Israel nicht nur einmal, sondern immer wieder befreit von allem, was es zu lange festhält, die gilt auch für uns: Gott leitet uns auf allen Übergängen, vom Alten ins Neue, das wir heute und morgen bewältigen. Gott ist das helle Licht auf unserem Weg, der seelische Sonnen- und Regenschutz nicht nur bei Tag. Gott geht mit in den Tag- und den Nachtzeiten unseres Lebens; und im Grauen des Alltags am Morgen auch. Wir können unsere Erschöpfung vor Gott bringen, unsere unaufgeräumten Ecken, ebenso unsere lethargische Langeweile. Unsere guten Gespräche daheim, aber auch die Stunden, in denen wir nichts getan, die Zeit verdaddelt haben.

Entscheidend ist, dass wir das Vertrauen spüren, das Gott uns ermöglicht. Das Urvertrauen: Gott geht mit uns sogar in die Wüste und später auch noch mitten durchs Meer, es kommt in der biblischen Geschichte ganz selbstverständlich daher. Man mag fragen, woher glaubende Menschen wie wir die Gewissheit nehmen, dass diese Zusage Gottes denen damals wie uns heute, Israel und der Kirche, Moses und mir, gilt. Ein Jahresrückblick 2020 könnte ja in religiös-theologisch-kirchlicher Hinsicht auch als ein Krisenstenogramm rund um den Gottesdienst und den Bedeutungsverlust von Kirche erfolgen – wenn sogar der eigene Landesbischof von Weihnachten, das wir vor Ort mühsam, aber getreu aufrechterhalten, quasi entschuldigend als etwas spricht, was wir ja eigentlich nur wegen der Schwachen unter den Schäfchen machen …

Aber nicht die Kirche ist es, der wir vertrauen sollten, müssen oder könnten. Gott ist der Bezugspunkt. Er zeigt sich nicht als Allmächtiger, der wie ein Blitz von oben her alles ausleuchtet und mit überirdischer Energie hie (die andren) straft und dort (uns) belohnt. Gott wird deutlich als Weggenosse, Vertrauter, der sogar in ihrer Not die Nähe der Menschen sucht, mitleidet und am Ende dafür stirbt, dass es für uns nie nicht ganz aus ist, dass Wege auch in Sackgassen offen bleiben. Unser Gott ist der, der mitgeht gerade auf dem Weg durch die Wüste, in elender Einsamkeit und eremitischer Einsiedelei, selbstgewählt oder aufoktroyiert. Überall geht dieser Gott mit, auch wo es im biblischen Erzählszenario für das Gottesvolk mancherlei Anlass für Vorwärtsdrang hindernde Zweifel und rückwärtsgewandte Klagen gibt. Gott ist mit auf dem Weg, er geht uns voran. Er geht voran, um uns mit sich zu ziehen. Unser Gott will auf Erden wirken durch unsere Energie und unser Weggeleit, zu dem wir uns durch ihn anstiften lassen. Sein Vertrauen sollen wir weitergeben wie einen Schluck Wasser in der Wüste.

Wir wissen alle, dass wir noch nicht in verheißenem Land angekommen sind. Gott ruft uns heute auf den Weg, damit wir morgen aufbrechen und uns auch vom Blick in die Wüste und sogar auf tosende Meereswogen nicht entmutigen lassen. Gott zieht uns heute Abend ins Vertrauen, damit wir morgen erleben, wie unser Vertrauen ins Laufen kommen kann, wo wir es wagen und selbst schenken. Vertrauen wächst und verfestigt sich zur Zuversicht, wo wir erleben, dass es liebevollen Grund unter suchenden Füßen ertastet und mutig werden darf.

Wer in das neue Leben an Gottes Seite aufbricht, hat womöglich auch einmal eine Wüste vor sich. Natürlich warten Probleme und Gefahren von außen auf uns, die bewältigt sein wollen. Ein gewisses Virus mutiert vermutlich noch oft, Impfstoffe wirken nicht immer zu 95%, sind knapp und es dauert, bis wir dran sein werden. So könnten uns Zweifel im Innern beschleichen, die wir miteinander überwinden müssen und überwinden werden, gemeinsam mit Gott.

Es mag sein, dass wir heute noch nicht ahnen, wo genau die Menschen um uns herum, die es am meisten brauchen, neues Vertrauen hernehmen, und wie wir es ihnen aus unserem Vorrat auftanken. Aber "niemals wich die Wolkensäule bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht von dem Volk". Gott ist beständig dabei. Gott leitet Israel und uns auf dem Weg in die Zukunft, Tag und Nacht. Und wir gehen mit, schauen nicht dauernd zurück, sondern vertrauen Gott.

Liebe Gemeinde, im zweiten Teil der Bibel, in unserem Neues Testament, wird unser Gott, der die Not der Menschen aufsucht, um sie zu lindern, der in Wolken- und Feuersäulen mitgeht, und der mit den Durstigen und Bekümmerten mitleidet, nicht mehr vom Auszug aus Ägypten, sondern beständig von der Geschichte Jesu her begriffen. An den Weihnachtstagen haben wir es in dieser Kirche lebensgroß dargestellt, dass im Krippenkind Gott in Person und mit ihm die Freude in unsere Welt kommt. Gott sucht die zwischenmenschliche Nähe, begibt sich persönlich ins Leiden der Menschen hinein. Wer Gott sucht, wird Gott an seiner Seite finden, wo er aufs eigene Herz hört und auf die größeren Wege im Leben schaut. Gott will, dass wir wissen und damit rechnen, dass er in seinen guten Mächten an jedem Abend und jeden Morgen persönlich mit uns ist. Von daher können wir das persönliche Maß auch für unser Vertrauen und für unsere Liebe zu dem Menschen nehmen, dem wir sie täglich neu schenken wollen.
Erfahrungsgemäß - auch das zeigt die lange und ereignisreiche Geschichte vom Auszug Israels aus Ägypten – ist der Weg Gottes mit uns nicht gradlinig. Immerhin zeigt Gott die Richtung an. Er zieht auf dem Weg voran, das wandernde Gottesvolk folgt. Es wäre nicht der Weg Gottes, wenn wir uns als Nation erneut verengten, als Landkreis und Stadt uns entzweiten, als Kirche uns durch Abgrenzung definierten, als Gemeinde nicht auf alle Teile achteten, als Diakonie mehr streiten würden als helfen, als Pfarrer uns in den Vordergrund drängten, als Gemeindeglieder die Flinte ins Korn werfen würden und wegblieben. Der Weg Gottes ist hingegen Verständigung, Solidarität, Ökumene, Einheit der Glieder, Einigkeit in allem Unterschied, die Sichtbarkeit des Evangeliums, das Mittun da, wo wir gebraucht werden, so wie wir sind.

Der Weg Gottes ist – auch das kann man bei Jesus besonders deutlich sehen – konkret immer ein Weg an der Seite derer, die Not leiden und in Bedrängnis sind, unverdient oder verschuldet. Das bedeutet für das wandernde Gottesvolk, dass wir von Gott lernen sollten, nicht nur um unserer selbst, sondern auch um der Armen und Bedrängten willen aufzubrechen. Gottes Vorliebe für die Armen, Unterdrückten, Ausgegrenzten gibt die Richtung des Weges vor. Daran will der erste Geschichtsschreiber der hebräischen Bibel gemahnen, dem wir wohl sogar die gesamte, so groß ausgreifende Erzählung von der Planung des Auszugs aus Ägypten (Ex 3) bis zum Durchzug durch den Jordan ins gelobte Land (Jos 6) über fünf biblische Bücher hinweg verdanken. Aufgeschrieben wurde diese Geschichte in der Zeit staatlicher Sicherheit im Lande Juda unter großen Königen wie David und Salomo. In einer Zeit, in der sich die eigene militärische Macht, der königliche Reichtum, ein traditionsbewusstes Beamtenwesen, das politische Ansehen und die wirtschaftliche Sicherheit für die Herrschenden im Land etabliert hatten.

In dieser Situation, in der man zufrieden auf das schauen kann, was man erreicht hat, nun an den Aufbruch aus den Ketten des Gewohnten zu erinnern, in einer solchen Situation danach zu rufen, Gott an die Seite der Armen zu folgen, war damals ein mutiger Entwurf eines seiner eigenen Zeit dadurch kritische Impulse gebenden Denkers. In unserer Situation ist die Entsprechung dafür das radikale Vertrauen, dass wir, wo Gott es will, im kommenden Jahr ebenso aus Gewohntem aufbrechen, vielleicht ohne heute schon zu wissen wohin genau und konkret. Zu sicher fühlen wir uns derzeit zwar nicht. Leicht fällt ein Aufbruch mit Gott den meisten Menschen dennoch nicht, weil viele Erreichtes für zuverlässiger halten als zu sehen, wohin Gott führt. Wenn wir nun Gott folgen und aus unserem derzeitigen Ägypten aufbrechen, in welche Richtung gehen wir? Wir lagern heute hier, um uns klar zu machen, dass der Blick zurück zu den bisherige Fleischtöpfen und in die dortige Ruhe nicht mehr unsere Orientierung ist. Wir alle wissen um die Nachtzeiten im Leben. Wenn man schon nicht einschläft, dann auch noch wiederholt aufwacht und erst gut zu schlafen beginnt da die Helligkeit sich zeigt – es gibt derart dunkle Verhältnisse in dieser Welt, die einem manchmal sogar den Glauben an die Gegenwart Gottes schwer machen könnten. Die Bibel und unser Predigttext und viele der lieben Lieder der heutigen Altjahresgelegenheit wollen uns vergewissern: Gott geht mit uns am Tag und eben auch in der Nacht, am Abend und am Morgen, und seien sie in Schmerzen, Kummer oder Liebesleid durchgewacht. Es wird – neben all den überoptimistischen Ausblicken auf ein Jahr 21, in dem angeblich alles Gute nachgeholt wird, was zuletzt entfallen musste – es wird Nachrichten geben in der kommenden Zeit, die uns durchschütteln werden. Todesfälle und Abschiede, die wir nicht haben kommen sehen. Veränderungen, die uns wehtun. Kompromisse, die schmerzen. Unnötige Fehler. Überhöhte Erwartungen, mühsam abgehobelt. Es wird genug Gelegenheiten geben, um persönlich, miteinander und als Gesellschaft charakterlich unter Schubschmerzen zu wachsen. Aber Gott führt uns nicht nur an, sondern auch durch die Wüste, Gottes treue Mächte begleiten uns immer wunderbar und bis ins gelobte Land.

Wir durften uns im vergangenen Jahr vielfach sehr unverhofft auf Gottes neue Wege rufen lassen, aufbrechen aus Ägypten, hinter uns lassen, was träge machen und niederdrücken wollte. Wir durften mitgehen an der Seite derer, die Not leiden und deren Not wir erkennen. Wir durften uns selbst dabei neu entdecken und ich habe begriffen, dass Gottes mich verändern kann. Wir sollen nun erneut mitgehen, dorthin wo Gott uns behutsam oder beharrlich leitet, indem er sein Vertrauen in uns legt, damit wir dieses Vertrauen weitergeben an Menschen ohne Zuversicht. Ich kann Ihnen heute nicht sagen, vor welche Herausforderung Gott uns persönlich und auch uns gemeinsam stellt, ich weiß es ja von mir selbst nur in recht groben Zügen, manche Idee dafür habe ich im Blick auf unsere Gemeinde schon einmal veröffentlicht.

Ich bin mir für Sie und für uns und für mich persönlich aber ganz gewiss, dass wir mutig sein dürfen. Und dass wir uns keine Sorgen um uns selbst zu machen brauchen, um unser Glück und die Sterne, nach denen wir Ausschau halten, um nach ihnen zu greifen. Wo her diese Sicherheit, ja diese Gewissheit? Unser Gott ist auch im kommenden Jahr bei uns, von Anfang an, ab dem ersten Schritt, am letzten Abend des Jahres heute und am ersten Morgen des neuen Jahres, ganz gewiss, und an jedem neuen Tag. Isso.

Amen.


Predigt über Sach 9,9-10

(gehalten am 29. November 2020, in Starnberg)

esel

Liebe Gemeinde, die Aufgabe unserer Gottesdienste in diesen Tagen ist eine nicht ganz einfache. Es geht um die Rettung der Welt, nicht weniger. Und die Weltrettung ist ja schon eine große Aufgabe. Sie ist etwas für mutige und verwegene Frauen mit viel Lebenserfahrung und zu allem entschlossene Männer mit genug Freizeit, ist das Richtige für echte Heldinnen und Helden des Alltags eines Seniorenwohnhauses, am liebsten – man ahnt es wohl schon – für Menschen mit einem ausreichenden Lebensalter sicherlich jenseits der Pensionsgrenze und des Ruhestands.

Und zugleich ist die Aufgabe der Rettung der Welt besonders etwas für Esel. In Wahrheit ist es tatsächlich so, dass Gott für seine Weltrettung vor allem Esel braucht! Ausgerechnet genau solche Esel, über die wir täglich stöhnen, weil sie die Zeitung mit aufs Zimmer nehmen, auf unseren Straßen viel zu schleppend vor uns dahinzuckeln und mir garantiert die Garage zuparken, wo ich schnell los will, nur weil sie im Gemeindehaus eine Pflanze zum Tausch anbieten wollen oder einen gebrauchten Anzug abgeben müssen. Aber eben auf dem Rücken solcher Esel und vor ihren Augen entfaltet unser Gott das große Szenario seiner Weltrettung.

Beim einem der zahlreichen Auftritte eines Esels in Gottes Rettungsplan – es gibt einige davon im Alten Testament, wir konzentrieren uns heute auf den Eselsritt, von dem das Buch des Propheten Sacharja in seinem 9. Kapitel schreibt – ist zu bedenken wie schwierig die Zeit ist, die man gerade durchmacht. Die kaum zurückliegende Katastrophe und der anhaltende Kriechgang der Hoffnung auf eine schnelle Besserung der Lage sind in den Köpfen und Herzen der Menschen in Israel noch gegenwärtig.

Damals wurde die Zerstörung Jerusalems zur traumatischen Erinnerung derer, die sie überlebt haben, und auch zum narrativen Schrecken ihrer Kinder und Enkel. Heute sind es die Erfahrungen einer Einsamkeit um der Gesundheit willen, die uns schwer stöhnen machen. Zwar leben die Nachkommen der (kurz vor der Zeit Sacharjas) in die Fremde Deportierten Israels nun wieder in Jerusalem, auch der Tempel ist wieder aufgebaut. Aber weiterhin sind die Menschen religiös nicht frei, fühlen sich politisch gedemütigt und werden sozial erniedrigt. Weiterhin gelten für uns Bestimmungen, die eine unbeschwerte Zukunftshoffnung viel zu viele Monate aufschieben und uns damit trösten wollen, Weihnachten erst in einem Jahr wieder normal feiern zu können, als ob wir so lange durchhalten würden. In diese Zweifel hinein schreibt nun der biblische Prophet Sacharja das Gotteswert, das ihm im Traum zuteilwurde:

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. Denn ich will die Wagen vernichten in Ephraim und die Rosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis ans Ende der Erde.

Aber wäre in einer infektionspolitisch unklaren Situation jemals ein sanftmütiger König auf einem Esel ein Grund zum Jubeln gewesen? Ist das erstaunliche Bibelbild von dem Friedenskönig auf dem Esel eine reale pazifistische Alternative zu den erstarkten Militärmächten unserer Tage, ob sie nun USA oder China oder doch wieder Russland oder gar Türkei heißen? Hätte der Friedenskönig gegen echte Terroristen eine Chance den Zünder eines Fanatikers mit Tunnelblick zu entschärfen? Und doch möchte sich das Bild vom Esel und seinem Passagier in meinem Herzen einnisten, es könnte so meine Sehnsucht wach halten nach einer echten Alternative zum Kräftemessen der Gerüsteten, nach spürbarem Frieden in den gebeutelten Familien unseres infektiösen Distanzjahres …

Die Sehnsucht, von der Sacharja weiß, treibt die Menschen seiner Zeit um. Aber auch noch mehr als ein halbes Jahrtausend danach leidet Jerusalem unter Fremdherrschaft, Römer sind es diesmal. Unter der berüchtigten pax romana ist für ein sanftmütiges Friedensreich kein Platz. Roms Adler bringen Frieden durch Legionen, vor denen gekuscht oder gestorben wird. In Mitten dieser Szenerie der Zeitenwende vor mehr als 2020 Jahren trägt nun ein Esel eine schwangere Frau. Dieser Esel steht neben der Szene und ist doch ganz Ohr, als das Kind der jungen Frau geboren und in seine Futterkrippe platziert wird. Der Esel wird Zeuge, als härenere Hirten kommen, weil sie von elegischen Engeln gerufen wurden, und später kundige Könige, weil sie einem Stern folgten. Und wenn der kommende König auf dem Esel seit Sacharja ein Bild aus einer anderen Welt ist, so stellt der nackte Neugeborene in Windeln und in einer Krippe, in Armut, ohne Obdach, mit einem Esel als Zeugen seiner Macht ganz gewiss ein zwar eigentümliches, aber zugleich sehr irdisches Gegenbild dar zu den mächtigen Narrativen jeder Zeit. Ein Esel wird erneut zum trottenden Unterbau eines Bildes, das sich ins Herz senkt, das Hoffnung aufkeimen lässt; Hoffnung, die nicht von dieser Welt ist, schräg und vermessen. Eine Eselei eben, nicht weniger …

Und der Neugeborene im Stall liefert dann gut 30 Jahre später als gerade erwachsener Mann den nächsten Klang zu diesen Bildern und das nächste Futter für solche Hoffnungen. Der Eselsreiter holt die Sehnsucht vom gemütlich auf dem Lasttier dahinschreitenden Friedenskönig aus den kahl gewordenen Hinterköpfen und den Falten unserer Herzens und unserer Haut. Der Mann aus Nazareth, wie er trotz seiner Verheißungsgeburt in Bethlehem genannt wird, hatte zuvor schon die Unverfrorenheit zu predigen: was ihr alle, was Israel, was die Menschheit seit Jahrhunderten ersehnt und erhofft, erwartet und erträumt: jetzt wird es erfüllt! Heute & hier, vor euren Augen und Ohren, durch mich! Jesus antwortet in seiner allerersten Predigt in der bleibend skeptischen Stadt seiner Kindheit und Jugend auf die verständlichen, ungläubig staunenden Fragen und konzediert, woran man es bitte ermisst, das der Esel berechtigt schreit: die Lahmen gehen, die Blinden sehen, den Armen wird die beste Nachricht der Welt ausgerichtet, die Gefangenen kommen endlich frei. So beginnt Gott damit, sein Königreich zu errichten.

Und schließlich reitet Jesus, nachdem er kurz vor seinem viel zu frühen Tod von seiner Heimat in Galiläa in die aufregende und aufgeregte Hauptstadt Jerusalem gezogen ist, doch wirklich und wahrhaftig auf einem Esel in der Stadt ein, um ihn herum eine schauende, staunende und trotzdem (oder deswegen?) schreiende Menge, die in spöttischen oder ehrlichen Jubel ausbricht, die ihn – in einem durch infantile Selbstbegeisterung entstandenen oder von Gottes Geist inspirierten Freudentaumel? – begrüßt, so als könnte er es sein und wäre er tatsächlich womöglich nicht weniger als ihr versprochener und sehnsüchtig erwarteter König und Retter!

So viele Reitszenen und Grautiersequenzen mit ikonenhaftem Glanz – und jedes Mal ist unser Esel die Basis, ohne die nichts vorangehen würde! Freilich, wir wissen, Jesus reitet auf dem Asinus direkt in die Katastrophe des Untergangs wenige Tage später, eine Woche nach dem Einzug, wenn man der Chronologie des ältesten Evangeliums, dem nach Markus folgt. Gottes Verheißung erfüllt sich – endlich! Aber tatsächlich so abstürzend schrecklich? Selbst Jesus wird im Gebet im Garten darum ringen, in diesen Weg Gottes einstimmen zu können.

Auch heute scheint es, dass Gott seine Verheißung irgendwie an uns erfüllt – und sie uns sogleich wieder entzieht, sobald wir jedenfalls an Morgen oder Übermorgen denken müssen. Erst am österlichen Ende (bei Jesus erst dann, bei uns hoffentlich nicht erst in einem halben Jahr) geht der am Kreuz Gescheiterte aus der Katastrophe und dem Grab als Sieger hervor. Selbst der Tod muss dann auf die Knie gehen, paradoxerweise, angesichts des Sanftmutes, dieser Ohnmacht und Hilfsbedürftigkeit erst eines Säuglings, dann eines Toten, in die Knie angesichts von Gottes Gegenwart und Intervention für das Sanfte, Ohnmächtige und Hilfsbedürftige. Dann erst freilich ist die Welt tatsächlich gerettet, versöhnt, befriedet und frei. Dann hat Sacharja doch mit Blick auf die ganze Welt recht, aus der Sicht seiner Zeit viele Jahrhunderte zu spät.

Unser Gott erfüllt seine Zusagen an uns gewiss. Manchmal aber erfüllt Gott sein Wort unter uns so, dass aus dem, was er an großartigem, die Welt veränderndem an uns tut, erst noch einmal eine weitere Sehnsucht und Erwartung erwächst, bevor endlich die Fülle manifest wird. Gott geht sozusagen den Eselsweg mit uns, der manchmal nicht so ganz leicht auszuhalten ist, wenn wir nicht in uns die Gewissheit verankert haben, dass es wegen Gott mit uns am Ende sowieso gut gehen wird. Es ist mit unserem Gott eben anders als mit menschlicher Erwartung und homosapientieller Vorfreude. Bei Gott gilt trotz jeden Zweifels und auch in jeder Erfüllung, die einem immer auch heute schon von einem liebenden Menschen geschenkt werden darf: das Beste kommt noch! Und bis dahin, bis das Beste unübersehbar für alle Welt kommt, bis dahin errichtet Gott sein Friedensreich auf dem Rücken eines Esels und bringt es so unter uns voran.

Gott baut sein Reich schon heute aus Trümmern, Ohnmacht und Scheitern, immer weiter auf dem Rücken der Esel, die es ertragen. Gott baut sein Reich tatsächlich auch mit uns Eselinnen und Eseln, die wir so lauthals über halbvolle Gläser und verschworene Menschen klagen und über Nichtigkeiten wie Sitzordnungen bis auf Messer und Blut streiten können. Gott baut sein Reich mit den verbohrten Eseln die meinen, die Herrinnen und Herren der Welt oder zumindest ihres eigenen Lebens zu sein, und die doch am Ende vor Jesus, dem Christus selig und bekehrt ihre Knie vor dem einzig wahren Herrn der Welt beugen werden. Gott baut sein Reich mit all den sturen Eseln, die nicht so recht wahrhaben wollen, dass die Versöhnung eine reale und unendlich starke Macht ist. Gott baut das Reich mit allen beschränkten Eseln, die so schwer begreifen, dass Jesus wenn dann bevorzugt durch Menschen in der Welt handelt.

Gottes Reich ist bereits heute eine echte Wirklichkeit in dieser Welt, und Gottes Reich beginnt nun wieder zu leuchten. Und wir Esel sollen staunend mitmachen, sei es als Lasttiere, Kulissenschieber oder auf unsere Art davon zeugende Randfiguren. Noch der letzte Esel gehört bei Gott dazu, sobald es wieder Advent wird und die Lichter von der Zukunft der Welt leuchten. Sie gehören dazu. Wir gehören dazu. Du gehörst dazu. Und I-A.

Amen.


Predigt über I Kor 15,35-38.42-44a

(gehalten am 22. November 2020, in Starnberg)

Auferstehung

Es könnte aber jemand fragen: Wie werden die Toten auferstehen und mit was für einem Leib werden sie kommen? Du Narr: Was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht stirbt. Und was du säst, ist ja nicht der Leib, der werden soll, sondern ein bloßes Korn, sei es von Weizen oder etwas anderem. Gott aber gibt ihm einen Leib, wie er will, einem jeden Samen seinen eigenen Leib … So auch die Auferstehung der Toten. Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich. Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Schwachheit und wird auferstehen in Kraft. Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib.

Liebe Gemeinde, den Satz ich glaube "die Auferstehung der Toten" spricht die Gemeinde der Friedenskirche Sonntag für Sonntag, bei vielen Gottesdiensten gehört er zum guten Ton, gibt sich als Grundbestand unseres Glaubens und gehört in jede Taufe egal ob Kind oder Erwachsener. Wir bekennen dabei freilich nicht, dass wir an eine Auferstehung glauben, sondern dass wir die Auferstehung glauben, sie also für uns erwarten, sie für alle erhoffen, erst recht für unsere Verstorbenen in den Gräbern. Wir glauben die Auferstehung, nicht wir glauben an sie – die Auferstehung ist kein Götze, den wir anbeten, sondern die Konsequenz der Ewigkeit Gottes, in die wir seit der Taufe hineingehören und an der wir mit dem Tod Anteil bekommen. Vielleicht können sich Ältere noch erinnern, dass es früher im Glaubensbekenntnis sogar hieß: ich glaube "die Auferstehung des Fleisches", was im NT vor allem das Joh betont.

Wie nun mir die "Auferstehung der Toten" oder gar eine "Auferstehung des Fleisches" vorstellen, die auch unsere Verstorbenen wieder lebendig werden lässt, die lieben Menschen, von dem und von der wir uns verabschieden mussten und mit denen wir in den vergangenen Monaten manchmal mit arger Mühe einen Weg gefunden haben, sie und ihn zu vergegenwärtigen? Die Abschiede, die ich begleiten durfte, gingen nicht alle ohne verstörende Begleitumstände in der Pflege davor oder beim Familienzwist danach vonstatten, von manchen traurig wirkenden Feiern in zu großer Corona-Distanz ganz zu schweigen.

In seinem ersten Brief an die Gemeinde in der Hafenstadt Korinth, dort im großen Auferstehungskapitel 15 denkt der Apostel Paulus zunächst einmal zurück an den Ostermorgen und an die Botschaft von der Auferweckung Jesu. Von da aus gelangt er theologisch-bildlich-gedanklich dann zur Auferweckung aller Toten, der dann ihre Auferstehung folgt. Man kann richtig merken: auch Paulus sucht wie wir nach Bildern, um sich und seiner Gemeinde irgendwie zu erklären, was er selbst nicht erlebt hat, aber für theologisch grundlegend hält. Paulus will jedenfalls diese Hoffnung auf eine Zukunft unserer Toten nicht untergehen lassen in gedanklichen Verwirrungen über Wiedergeburt oder Verwehen oder gar im Tagesgeschäft des Vergessens, dem wir uns so schnell anheimgeben, weil es manchmal ja auch hilft, Trauer zu verdrängen. Das Bild, das Paulus für den Tod und das Leben in Zukunft findet, nimmt er aus der Alltagswelt, die Jesus in seinen Gleichnissen so gerne bemüht hat, weil sie den Menschen mit ihren Gesetzmäßigkeiten vertraut ist, aus der Erfahrung von Saat und Ernte.

Deutet man also die Natur unseres Lebens und der Welt in der wir es leben, theologisch und konsequent auf Leben und Sterben hin, dann kann man unsere Zukunft bei Gott und ihre Logik so umschreiben: Was du säst, wird nicht lebendig gemacht, es erwacht nicht zu neuer Frucht, wenn es nicht zuvor stirbt und im Humusboden vergraben wird. Ohne Beerdigung keine Zukunft. Und wenn du säst, säst du nicht den Leib, der werden soll, die säst nicht die kommende Frucht, sondern ein bloßes Korn. Gott aber gibt dem Korn einen neuen Leib. Ohne Verwandlung kein neues Leben. Was stirbt und im Tod zu begraben ist, das ist die Vergangenheitsform unseres Leben, als Frucht kommt daraus dann die Zukunftsform unserer Existenz, verbunden mit einem neuen Leib, der in Ewigkeit besteht und nicht mehr so vergänglich ist wie wir jetzt. Ohne solchen Tod nur Tod, das Leben muss durch den Tod hindurch. Auch das Leben unserer Verstorbenen musste in den Tod. Und auch wir werden den Weg dereinst gehen.

Nicht wahr, sagt der Apostel, das kennt ihr doch, selbst wenn ihr Städter seid: bei der Saat verschwindet der Samen in der Erde als ob er begraben wird. Und doch wisst ihr genau, auch wenn ihr das nicht mit eigenen Augen nachvollzieht (wie wir Modernen in der Schule es im Schulfilm im Zeitraffer gezeigt bekamen): aus dem ausgesäten Samen entspringt neues Leben, es wächst ein neuer Keim, erst unterirdisch, dann formt sich im Licht der Sonne oder des Mondes eine neue Pflanze und steht auf zu neuer Größe. So ähnlich geht es mit der Auferstehung: Der Leib wird begraben und er verwest, sobald der Tod eingetreten ist. Und daraus wird Gott einen neuen Leib ins Leben rufen, und im Licht der Ewigkeit wird dieser neue Leib sich kräftig strecken und grünen und blühen und Frucht bringen …

Für die Zeit nach der Auferstehung haben wir noch keinen Zeitraffer und keine Schulungsfilme, ich stelle es mir so vor: Wie an den ersten sechs Schöpfungstagen, als mit der Welt auch die Zeit und das Licht ins Leben gerufen wurde, so wird Gott erneut sein schöpferisches Wort sprechen, dieses unmittelbar wirksame "Es werde!" So war es auch vor dem Ostermorgen im Grab des Joseph von Arimathäa, als keine menschlichen Zeugen zugegen waren. Jesus wurde nicht reanimiert, er lag nicht scheintot da vom Gift eines Apothekers wie Romeos Julia. Offenbar wurde in die Grabesruhe hinter dem Türfelsen hinein ein göttliches "es werde" gerufen. Und später – für diese Erscheinung gibt es Augenzeugen – ist dann am anderen Ort Jesus seinen Jüngern in anderer Gestalt als vorher erschienen. Freilich so anders an Gestalt, dass die Jüngerinnen und Jünger Jesus erst gar nicht wiedererkannten oder für ein Gespenst im Nachthemd hielten. Erst als er sie ansprach, konnten sie ihn neu und zugleich erinnernd begreifen.

Was mir im Blick auf meine Toten in den letzten Monaten tatsächlich viel bedeutet: Der Apostel Paulus vergleicht den sterbenden und gestorbenen Menschen nicht mit etwas Elendem, zerstört wirkenden, unkenntlich gewordenem, sondern mit einem Samenkorn voller Potenzial. Im Blick auf den Leib unserer Toten, im Blick auf unseren eigenen, dem Tode entgegenlaufenden Leib sagt er durchaus: "Was gesät wird, ist verweslich". Und im Hoffnungsblick auf unsere Zukunft streicht er heraus "was auferweckt wird, ist unverweslich". Was gesät wird, kann armselig und hinfällig und gebrochen wirken, wie unsere Toten es ja auch waren. Was auferweckt wird, wird herrlich sein. Was gesät wird, ist schwach, das erleben wir ja auch selbst, mindestens wenn es ans eigene Sterben geht. Was auferweckt wird, ist stark, das ist unsere biblisch fundierte Hoffnung. Gesät wird ein irdischer Leib, auferweckt ein überirdischer Leib.

Tatsächlich wird auch mein irdischer Leib vergehen als die irdische Weise meiner Gegenwart und als Mittel der Welterfahrung während meiner und unserer irdischen Zeit. Nicht aber vergeht der von Gott geliebte und gerettete Mensch in der von Gott über die Zeit hinweg gewollten und in Ewigkeit erhaltenen Gestalt, in der mein "Ich" gründet. Natürlich bin ich auch mein Körper und seine Erfahrung, die süßen und salzigen Gefühle von Lust und Ekstase ebenso wie die bitteren des Scheiterns und Versagens. Aber was davon bleibt, das bin "Ich", weil es meine Erfahrung ist und meine Erinnerung an mich, der liebt und lebt und stirbt. Der Leib vergeht, das Ich bleibt. Und gewiss nicht mehr vergeht die uns zugeeignete Gnade in Christus, die uns den Sprung über den Leben-Tod-Leben-Abgrund schaffen lässt. Unsere wahre Identität sind wir als der Mensch, den Gott nicht vernichtet und den er im Tode nicht der Vernichtung preisgibt, sondern der durch den Tod das irdische Wesen abstreift und dann erneuert wird.

Viel früher haben unsere theologischen Mütter und Väter davon nur scheinbar einfacher von der "unsterblichen Seele" gesprochen, die übrig bleibt, wenn der Leib stirbt. Die Seele bleibt vor Gott – in einem ewig lebendigen Gegenüber zu Gott, so haben sie sich das ausgemalt. Unsere katholischen Brüder haben an dieser Redeweise festgehalten und an der Vorstellung eines reinigenden Feuers, in dem arme Seelen büßen, bis sie geläutert sind. Weil davon nichts in der Bibel steht, hat Martin Luther dies als theologische Spekulation rubriziert und schnell verabschiedet, wenngleich sich die Drohung mit dem Fegefeuer manchmal noch lange in den Köpfen der Menschen, halb verstaubt und oft mit der Hölle verwechselt, erhalten hat. Luther fand, der Tod als Zeit bis zur Ewigkeit sei etwas, was wir heute einen gefahrlosen Sekundenschlaf nennen würden: man stirbt, schläft kurz und erwacht zum ewigen Leben.

Stellen Sie sich statt einer Seele – auf alten Gemälden ist das manchmal ein kleiner geflügelter Mensch – eine Pianistin vor, eine begnadete Klavierspielerin wie man nur eine kennt. So ein Mensch kann in der Gabe, die ihm geschenkt ist, natürlich Mozart spielen, Schubert, Brahms, oder Rachmaninow – oder die Goldberg-Variationen von Bach. Was wir Zuhörerinnen und Zuhörer in die Ohren bekommen, ist das sehr differenzierte Anschlagen oder auch nur zarte Aufsetzen von Filzhämmerchen auf den gespannten Saiten im Korpus des Flügels. Jede und jeder von uns wird dazu aber doch sagen, dass wir gehört haben, dass Mozart gespielt wurde.

Unsere Pianistin hat die Töne, die sie erzeugt, im Lauf des Spieles im Konzerts im Kopf, sie kennt jede Note und könnte das ganze Werk auswendig summen oder mit den Lippen pfeifen; das Konzert "lebt" in ihr auch ohne Klavier. Um das Stück zu spielen, braucht sie einen guten Flügel. Sie kann die Stücke darauf so gut reproduzieren, wie sie das Instrument beherrscht und das Instrument gut gestimmt ist. Selbst bei höchster Qualifikation käme ein bedauerliches Ergebnis heraus, wenn sie ein verstimmtes, heruntergekommenes Instrument zur Verfügung hätte wie in einem Saloon oder in einer Wirtshauskaschemme, in das bei entsprechender Stimmung und Laune auch schon mal ein Glas Bier geschüttet wurde.

Diese Pianistin ist quasi die Seele, die auf der Klaviatur des Lebens das Stück spielt. Sie ist zu unterscheiden vom Leib und vom Geist. Sie ist "die im Menschen lebendige Strebekraft der Übereinstimmung mit sich selbst" (Christof Gestrich). Die Seele steht für das Ich, für die einmalige Identität der menschlichen Person. Ihre Existenz reicht über den Tod hinaus, sie ist aber auch dieselbe vor und nach dem Tod, in jedem ihrer Leben. Die Seelen unserer Toten sind vor Gott, und auch unsere Seelen werden einmal vor Gott gelangen. Und auf diesem Weg sorgt Gott – beginnend mit der Idee unserer Eltern, dass es uns geben soll, unserer Entstehung in der Mutter, unserer manchmal schrecklichen Geburt, unseres manchmal berauschend schönen irdischen Lebens und unseres manchmal nicht so leichten Todes am Ende dieser Zeit – auf diesem Weg sorgt Gott für die Vollendung unserer Seele bis zum Tag der Auferstehung und dem Tag der Neuschaffung des Himmels und der Erde und des neuen Leibes für uns, von dem Paulus zu berichten weiß, dass er uns schon mit Jesu Tod zugestanden wurde, als wir von Gott versöhnt "neue Schöpfung" (II Kor 5) wurden …

Unsere Seele, die unsere Identität wahrt, soll am Ende auch zu einer neuen Leibhaftigkeit kommen, zu einer anderen Leiblichkeit, zu einer neuen, ganz anderen Materialität, die nicht mehr angefochten und verseucht oder pandemisch wird in einer Welt wachsender Gesundheitsrisiken, sondern die in Ewigkeit gut bleibt. Bis zur eigenen und aller Auferstehung sind unsere Seelen (und die Seelen der vor uns Gegangenen) bewahrt von Gott. Niemand wird Pein leiden, ein Fegefeuer war eine allzu durchsichtige, früher sogar eine schlimme Erfindung einer verfehlten Kirchenpädagogik. Wir sind und bleiben auch im Tod schlafend lebendig und sind immer in Gottes Obhut, liegen ganz und gar in Gottes liebender Hand.

Säen in Schwachheit und das Auferwecken in Stärke, wovon dem Paulus im korinthischen Briefgleichnis spricht, dem entspricht das Überwechseln der Pianistin vom unbrauchbar gewordenen Wirtshausklavier zu einem herrlichen, vollkommenen Flügel a la Steinway. Wenn da der erste Ton erklingt, der Raum atmet und lebt, denkt da noch irgendjemand an das alte Wirtshausklavier? Wer käme auf die Idee es zu reparieren angesichts des neuen Instruments? Die Pianistin bleibt sie selbst und auch ist ihr Spiel so grandios wie zuvor. Aufgrund ihres neuen Instrumentes freilich klingt alles schöner, leuchtend, strahlend, in neuer Gestalt.

So stelle ich mir die Auferstehung von den Toten vor: Mein neuer Leib ist wie der neue Flügel. Das Wirthausklavier, mein alter Leib, durfte abgetakelt werden. Dahin ist die tote Gestalt, am Ende ihrer irdischen Tage verbrannt und begraben. Bleibend ist der Mensch, das Ich, zwischenzeitlich auch einmal ohne Leib, vorübergehend aber nur. Und unsere Seele ist das Kontinuum zwischen alt und neu. Sie schläft nach dem irdischen Tod vor dem Angesicht Gottes, und sie bleibt in der Gegenwart Gottes bis zum Tag der endgültigen Auferstehung, an dem Gott erfüllen wird, was er versprochen hat, einen neuen Himmel und eine neue Erde. Die Seele erwacht dann in einer neuen, wunderschönen, anderen Leiblichkeit, wie Jesus in "anderer Gestalt" auferstand und den Jüngern erschien.

So bildhaft stelle ich mir das mit der Unsterblichkeit der Seele und der Auferstehung tatsächlich vor. Und sofort gestehe ich, dass dieses nur ein bedingt gutes Beispiel bleibt, das schnell an Grenzen stößt. Nicht wir sind es, die vom alten zum neuen Klavier wechseln, Gott wird es sein, der uns neues Leben aus dem Tod schafft. Gott Wort wird dazu erklingen, sein "es werde", das mächtiger ist als die Negation des Todes. Was an dem Bild aber vielleicht ja auch stimmt: Wir werden wieder da sein, wir werden es sein, so wie unsere Verstorbenen, die wir heute erinnern, verändert wieder da sein werden, sodass es keine Mühe mehr sein wird mit ihnen und nur noch die reine Freude auf Dauer. Auch der Gekreuzigte und sein gebrochener Leib – will ich es weiter in diesem Bild zu begreifen versuchen – war anders und doch identisch mit dem gekreuzigten Leib und der lebenden Seele. So auch wir: Unsere sterblichen Leiber, unsere bewahrten Seelen; anders und doch identisch mit dem alten, gereinigt nur um das, was wir besser hinter uns lassen und was an uns und an anderen Menschen zum Vergessen war und ist. Gott hat in Jesu Auferweckung am dritten Tag (den Kartag des Todesfreitags mitgezählt) des Gekreuzigten gedacht. Und um Jesu willen gedenkt er auch unser, ruft uns bei unserem Namen, hat uns lieb und wird auch uns dem Tod nicht überlassen, sondern uns aufwecken aus dem Schlaf, des Todes Bruder.

Das also ist es mit der Auferstehung der Toten, die wir im Glauben bekennen. So denke ich es mir und bitte darum, sich die Hoffnung auf das Jenseits und sein besseres Leben nicht ausreden zu lassen! Auch wenn meine Worte nur arme, vorläufige und unzureichende Worte sind, unsere geglaubte Zukunft zu beschreiben. Denn natürlich auch von meinen Worten, von allen Vorstellungen, von unseren Bildern und auch von den biblischen Gleichnissen gilt, was Paulus im Blick auf ihre irdische Vorläufigkeit schreibt: "Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich. Es wird gesät in Unehre, es wird auferweckt in Herrlichkeit; es wird gesät in Schwachheit, es wird auferweckt in Kraft" (15,42f). So sei es.

Amen.


Predigt über Lk 16,1-8

(gehalten am 15. November 2020, in Starnberg)

das jüngste Gericht

Er sprach aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein. Da sprach der Verwalter bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde. Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und sprach zu dem ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? Der sprach: Hundert Fass Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig. Danach sprach er zu dem zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Der sprach: Hundert Sack Weizen. Er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig. Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte. Denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts.

Liebe Gemeinde, Jesus redet häufig durch Beispielgeschichten, hier spricht von den Verhältnissen seiner Heimat Galiläa, in der es häufig vorkam, dass ein Reicher, der im Ausland lebte, seinen Besitz durch Verwalter beaufsichtigen ließ. Nun wird ein Verwalter beschuldigt, er verschleudere den Besitz. Wenn man etwas von einem Verwalter erwartet, dann dass er das Eigentum seines Herren zu mehren sucht. Wenn an einer solchen Beschuldigung nur das Kleinste dran ist, kann das nur auf die Entlassung und Schadenersatzforderungen hinauslaufen. Und der Verwalter verteidigt sich gar nicht, offensichtlich weil die Beschuldigungen wahr sind.

Der ertappte Verwalter weiß, jetzt muss er schnell handeln, die Zeit ist knapp. Da fällt er eine Entscheidung, derentwegen Jesus ihn anschließend als klug bezeichnet. Ist es, weil er schnell einen Überblick über die Lage gewinnt, sie illusionslos beurteilt und dann den rettenden Einfall bekommt? Er entwickelt die Idee, sich mit dem Geld, das nicht seines ist, über das er aber zurzeit gerade noch verfügt, neue Freunde zu machen. So bietet er denen, die seinem Herrn etwas schulden an, diese Schuld zu senken. Wie viel bist du schuldig, Hundert Eimer Öl? Dann schreib 50. Wieviel bist du schuldig, 100 Sack Weizen. Dann schreib 80. Und über dieses Vorgehen heißt es in unseren Predigttext: "Und der Herr – im Gleichnis der Reiche im Ausland – lobte den ungetreuen Verwalter, weil er klug gehandelt hatte; denn die Kinder dieser Welt sind unter ihres Gleichen klüger als die Kinder des Lichts" (Lk 16,8).

Muss man sich Jesus mit einem Schmunzeln im Gesicht vorstellen, da er dieses Gleichnis erzählt? Inhaltlich geht es um ernste Dinge, um das Gericht als eine Art große Schlussabrechnung am letzten irdischen Tag. Der dazugehörige Wochenspruch für diesen Sonntag lautet ja: "Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi" (II Kor 5,10). Es geht um Verantwortung, wir sollen Antwort geben, wenn Gott von uns Rechenschaft fordert. Und was haben wir zu antworten? Wir kommen alle aus Gottes Hand und gehen eines Tages auch wieder in Gottes Hand zurück. Gott wird uns fragen, was wir mit unserem Leben gemacht haben. Der Verwalter ist gefordert. Und es ist wichtig zu begreifen, dass das Gericht nicht nur das Gericht über andere ist, sondern auch über uns geurteilt wird.

Jesus fragt mit seinem Gleichnis: Seid ihr auf die Schlussfrage eingestellt? Lernt von den Kindern dieser Welt, klug zu antworten. Jesus demonstriert uns diese Klugheit, Geistesgegenwart und Zielstrebigkeit nicht an einem moralisch korrekten, untadeligen Menschen, er stellt uns einen Betrüger als beispielhaft hin, wo der unehrliche Verwalter eine Gelegenheit nutzt, die er eigentlich gar nicht mehr hat; in den Augen des Richters ist es eigentlich schon zu spät.

Wenn Gott von uns Rechenschaft fordert, dann gibt es doch Dinge im Leben, mit denen wir vor der kritischen Frage vielleicht nicht bestehen können. Zu tief haben sich die Furchen der Schuld in mir eingegraben. Nun kommt Jesus von Nazareth auf den Plan und verändert die Schuldfrage und damit auch unsere Antwort. Durch ihn sollen wir beten "vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben (haben) unsern Schuldigern!" Denn die entscheidende Gerechtigkeit, die Jesus vertritt und an uns übt, heißt Barmherzigkeit. Das Verhalten, das Jesus von uns erwartet, heißt Verzeihen – das, was der ungerechte Verwalter zur Hälfte oder zu Teilen tut, weil der die Schulden zur Hälfte oder zu guten Teilen erlässt. So sollen auch wir handeln: vergeben. Wir sollen es von ganzem Herzen tun und mindestens so klug sein wie ein ungerechter Verwalter. Jesu Botschaft ist pure Barmherzigkeit, wie sie aus dem Lied Philip Friedrich Hillers spricht, das im Gesangbuch steht: "Mir ist Erbarmung widerfahren, Erbarmung, derer ich nicht wert; das zähle ich zu dem Wunderbaren, mein stolzes Herz hat’s nie begehrt. Nun weiß ich das und bin erfreut, und rühme die Barmherzigkeit" (EG 355,1).

Jesus erzählt seine Beispielgeschichte vom Verwalter, der die Schulden erlässt, jedenfalls zum Teil. Wir sollen uns daran ein Beispiel nehmen, und mehr! Wir sollen ganz vergeben, weil uns vergeben wurde. Wir haben einen Vater im Himmel, der uns nicht verurteilt, sondern uns vergeben hat. Jesus stirbt für diese Vergebung unserer Sünden. Der Sohn des himmlischen Vaters setzt sich selbst als Unterpfand der Erlösung ein. Jesus wird so zur Sackgasse des Bösen. Und durch seine Auferweckung nach dem Tod, an Ostern können wir mit den Jüngern damals begreifen: hinter Jesu Vergebung steht Gott. Das, was nach den Maßstäben dieser Welt unmöglich ist, macht Gott möglich. Was an Barmherzigkeit möglich ist, wie notwendig ist, um uns zu vergeben, das macht Jesus real, damit wir vergeben können und vergeben. So wird aus der Geschichte vom ungerechten Verwalter, der aus lauter Verzweiflung seinen Schuldnern vergibt, die Geschichte unseres Lebens, in dem uns seit unserer Taufe von Gott vergeben ist, sodass wir vergeben können und sollten, und zwar nicht nur zur Hälfte oder zu guten Teilen, sondern ganz!

Normalerweise liest man in den Evangelien viel Kritik an Geld und Reichtum, auf dem Höhepunkt der Bergpredigt sagt Jesus sogar "selig, ihr Armen, wehe, ihr Reichen!" (Lk 6,20-24) Die Kritik kommt daher, weil die Bibel befürchtet, dass dieser Reichtum von Gott ablenkt. Schnell kann Geld zum Götzen werden und Lebenskräfte binden! Man würde nun erwarten, dass die Folge solcher Gedanken in der Bibel die Warnung vor dem Geld als solchem wäre, im Sinne eines "Hände weg!" Aber es geht Jesus doch wohl eher darum, das Geld richtig zu benutzen. Mit den Worten, die dem Predigttext unmittelbar folgen, die unsere Geschichte noch einmal steigernd auf den Punkt bringen: "Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wenn er zu Ende geht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten" (Lk 16,9). Offensichtlich ist es möglich, mit irdischem Besitz etwas für das Ewige zu tun, ohne sich die Ewigkeit dadurch zu erkaufen.

Auf meinem Schreibtisch lagen in diesem Jahr schon Spendenbescheinigungen über 20.000 und 50.000 €, dafür sollte ich Dankesbriefe schreiben. Zugegebenermaßen kommen solche hohen Spenden auch bei uns in Starnberg nicht jeden Tag vor. Und keine Spende, auch nicht in dieser Höhe, lässt eine Seele in den Himmel springen. Aber eine solche Spende macht möglich, dass wir in der Gemeinde sorgenfrei etwas Großes anpacken und voranbringen. Die Kirche ist ein Zuhause für Gottes ewiges Wort. Jede Kirche ist in unseren Dörfern und Städten eine Erinnerung an Gott. Die Menschen, die ihr Geld zur Verfügung stellen, könnten es natürlich auch für ganz andere Dinge gebrauchen. Es diese Menschen haben offensichtlich – gut betucht bleiben sie ja auch nach der Spende – die Möglichkeit, sich nicht nur verbissen an den eigenen Besitz zu klammern, sondern im Leben etwas weiterzugeben, und dann mit dem so anders eingesetzten Geld etwas zu bewirken. Sie sind vielleicht ein wenig wie positive Beispiele für den ungerechten Verwalter …

Jesus stellt uns mit diesem heutigen Predigtwort auf ungewöhnliche Weise vor das Angesicht Gottes. Fast ein wenig wie mit dem Humor eines Kabarettisten vermittelt Jesus uns eine ernste Botschaft: eigentlich ist unser Leben verwirkt. Das zeigt sich am Umgang mit dem Geld. Aber so, wie wir mit Gottes Barmherzigkeit rechnen dürfen, so können auch wir untereinander barmherzig sein. Und wenn wir Gott und Gottes Gnade erst einmal am eigenen Leib erlebt haben, werden wir sie auch bei anderen anzuwenden wissen. Ohne Barmherzigkeit wären wir alle verloren. Durch Jesus gilt, dass wir gnädig und begnadigt gerettet wurden, damit wir helfen, andere zu retten; dass uns vergeben wurde; nicht damit wir unbarmherzig bleiben, sondern um anderen zu vergeben. Damit lasst uns nun auch noch heute beginnen …

Amen.


Predigt über Daniel 7,1-3.13-18.27

(gehalten am 01. November 2020, in Starnberg)

die Gnade Gottes frisch gebacken
Die Gnade Gottes jeden Morgen frisch gebacken

Liebe Gemeinde, die Menschen, die ich derzeit anrufe, weil ich sie nicht besuchen darf, stellen mir oft knifflige Fragen. Die besten Antworten darauf fallen mir in der Regel zwei Tage nach unseren Gesprächen ein. Und tiefe theologische Fragen kommen oft aus einem Kindermund: Was macht Gott in der Nacht? Am Tag beschützt er uns und sorgt für uns, aber in der Nacht schlafen wir ja, da muss er nicht so viel auf uns aufpassen wie am Tag. Was macht Gott dann in der Nacht, wenn er mehr Zeit hat? Eine junge Dame im Kindergottesdienst wusste es, ganz klar, "in der Nacht macht Gott Gnade". Und so heißt es doch in der Bibel: Seine Gnade ist jeden Morgen neu. Für mich ist das eine erfrischend neue Einsicht: Gnade wird Nacht für Nacht neu gemacht wie frische Brötchen, wie der Sauerteig und die Körner, die lange einweichen. Gottes Gnade ist jeden Morgen neu, wenn wir schlafen macht Gott Gnade.

Im Predigttext für den heutigen Sonntag ist von einer solchen Nacht die Rede, in der Gott Entscheidendes macht: nicht Gnade, sondern einen besonderen Traum formt Gott im Gemüt eines berühmten Schläfers. Im Buch, das nach ihm heißt, wird erzählt, wie der junge Daniel als Teenager aus seiner Heimat Jerusalem nach Babylon verbracht wurde. Man kann vermuten, dass er da 15 Jahre alt ist. Er wird in dreijähriger Ausbildung zu einem höheren Verwaltungsbeamten geschult, deren Beste damals dort lebten, wo man viel früher eigens für die Verwaltung die Schrift erfunden hatte. Daniel findet seinen Arbeitsplatz in der Kanzlei des damaligen Großkönigs Nebukadnezar. Zwar galten die hohen Verwaltungsarbeitsplätze an einem orientalischen Hof oft als Schleudersitze, aber unser Daniel arbeitete dort Jahrzehnte lang, bis dann die Perser das babylonische Reich erobern und beerben. Daniel freilich ist ein gefragter Fachmann, er bleibt auf hoher Ebene in der Regierung tätig; wir würden sagen, als Abteilungsleiter im Ministerium, wo das wirkliche Wissen sitzt, das auch bei jedem Chefwechsel im Haus bleibt. Als die Bibel das letzte Mal von Daniel erzählt, sind 70 Jahre seines Lebens vergangen, Daniel ist am Ende 85 Jahre alt, wir schreiben das Jahr 536 vor unserer Zeitrechnung. Also spielt diese ganze Geschichte im 6. Jahrhundert vor Christus.

Dieser Daniel kennt seinen jüdischen Glauben. Also weiß Daniel etwas von Gottes Gnade auch in Nächten des Umbruchs und der unsicheren Zukunft. Er hat sein Elternhaus verloren, seine Heimat hinter sich gelassen, seine Freiheit eingebüßt. Aber trotz seiner neuen Umgebung vertraut Daniel dem Gott der jüdischen Mütter und Väter, Tag, Nacht, wach und im Traum. Und er ist, das belegt sein Buch, ein Medium. Er empfängt von Gott Visionen. In allen Träumen dreht es sich darum, wie es jetzt inmitten der Verwerfungen in der Welt mit dem kleinen Volk Gottes weitergeht. Noch einmal zur Verortung: die jüdische Hauptstadt Jerusalem ist zerstört, der Tempel dort verbrannt, alles, worauf sie in der Theologie und in der Architektur einmal bauten, liegt in Trümmern. Ein Neuanfang steht nur in den Sternen, oder?

Im ersten Jahr Belsazars, des Königs von Babel, hatte Daniel einen Traum und Gesichte auf seinem Bett; und er schrieb den Traum auf: Ich, Daniel, sah ein Gesicht in der Nacht, und siehe, die vier Winde unter dem Himmel wühlten das große Meer auf. Und vier große Tiere stiegen herauf aus dem Meer, ein jedes anders als das andere … Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht. Ihm wurde gegeben Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende. Ich, Daniel, war entsetzt, und dies Gesicht erschreckte mich. Und ich ging zu einem von denen, die dastanden, und bat ihn, dass er mir über das alles Genaueres berichtete. Und er redete mit mir und sagte mir, was es bedeutete. Diese vier großen Tiere sind vier Königreiche, die auf Erden kommen werden. Aber die Heiligen des Höchsten werden das Reich empfangen und werden es immer und ewig besitzen … Aber das Reich und die Macht und die Gewalt über die Königreiche unter dem ganzen Himmel wird dem Volk der Heiligen des Höchsten gegeben werden, dessen Reich ewig ist, und alle Mächte werden ihm dienen und gehorchen.

Das Traummeer ist das Völkermeer, ihm entsteigen vier Raubtiere, vier damals bekannte Imperien und mächtige Reiche. Das vierte Traumtier hat buchstäblich ein großes Maul, mit dem es lästerlich redet, das Volk Gottes zerstört und alles plattmacht. Dieses Unheil währt aber nur, bis Gottes Stunde gekommen ist. Kameraschwenk, da kommt der lebendige Gott in den Blick, lebendig und uralt. Uralt will sagen: es gab ihn schon immer.
Wieder eine neue Szene, Blende in ein Gericht: Traumbücher werden geöffnet, es liegt Beweismaterial vor. Die Mächte der Geschichte müssen sich vor Gott verantworten, die politischen Reiche, die wirtschaftlichen Imperien, die Ideologien der Welt. Geurteilt wird über sie nach der Tat, nicht nach der vermeintlichen oder schändlich behaupteten Absicht.
Da tritt eine Figur auf, die aussieht wie ein Mensch. Sie kommt nicht aus dem Völkermeer hoch, ist kein ‚Aquaman‘, sondern sie erscheint mit den Wolken des Himmels, von oben, aus der Traumdimension Gottes, der scheinbar durchsichtigen, in Wahrheit unendlichen Bläue über uns. Dieser geheimnisvollen Figur gibt Gott im Traum die Macht in die Hände. Alle Völker und Sprachgruppen auf Erden werden ihm dienen. Das Wort für "dienen", das hier im aramäischen Bibeltext steht, hat in dieser alten Sprache den Beiklang "anbeten". Alle Völker werden ihn verehren. Wer ist dieser geheimnisvolle Menschensohn? Und hätte er sich in der Geschichte zur Zeit des Daniel oder danach auch gezeigt und die Perser in die Schranken gewiesen? Im Judentum wartet man bis heute auf sein Erscheinen, erwartet ihn als Gesandten Gottes, als "Messias". Wir Christen beten ihn am Heiligen Abend im Kind in der Krippe an.
Großer Zeitsprung, wieder befinden wir uns in einer Nacht mit wenig Licht. Es ist die Nacht vor dem Karfreitag. Jesus ist verhaftet worden und steht im Jerusalemer Hohen Rat vor dem geistlichen Gericht seiner Zeit. Der vorsitzende Richter und Hohepriester fragt nach seiner Identität. Wir werden in den Evangelien Zeugen eines existenziellen Streitgesprächs, es geht um Leben und Tod. Die entscheidende Frage, in dem Wortlaut, den der Evangelist Markus für uns festhält, lautet: Wer bist du, Jesus von Nazareth? Bis du der Sohn Gottes? Der Retter Israels? Der wahre König im Land? Ein neuer Prophet, Gottesdienstreformer, Tempelkritiker, Sozialrevolutionär, Frauenfreund, strenger Rabbi? All das könnte Jesus sein, so wie er auftritt …

Unter allen möglichen Fragen nach Jesu Identität wählt der Hohepriester diese eine Antwort aus: "Bist du der Christus, der Sohn Gottes?" Und Jesus? Antwortet zielgerichtet darauf mit einem klaren Ja, und mehr: "Ich bin’s; und ihr werdet sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen mit den Wolken des Himmels" (Mk 14,62). Nach dem Wort aus seinem eigenen Mund ist Jesus der geheimnisvolle Menschensohn, den der lebendige Gott zum Herrscher der Welten einsetzt, die Traumfigur als Daniels Nachtgesicht! Aufgrund dieser Aussage wird Jesus unmittelbar danach zum Tod wegen Gotteslästerung verurteilt. Der schon länger alarmierte Hohe Rat hat die Bedeutung dieses Satzes gewiss unmittelbar erfasst, man weiß, was in diesem Anspruch steckt. Wenn das stimmte, müsste das gesamte Gremium augenblicklich vor Jesus auf die Knie fallen und anbeten: "mein Herr und mein Gott". Aber wir wissen ja, wie der Prozess Jesu weitergeht …

Unsere Zeit, liebe Gemeinde, war, mindestens bis Corona kam, Kind einer Strömung, die nun mehr und mehr zerbröckelt. Die fast alles verdauen konnte, alles zum Ziel eines Freischusses erklärte, was ihr religiös vor die Flinte kam. Einen solchen postmodernen Relativismus kann man auf Dauer gut denken, aber man hält ihn religiös nicht durch, man kann so nicht dauerhaft leben, erst recht nicht in einer Gesellschaft, die seit Jahren um ihre Werte ringt und nach Integration strebt und fragt, wo sie sich das Beispiel hernimmt. Im Anspruch Jesu steckt freilich ein Wahrheitsanspruch, der aufs Ganze geht. Ein islamistischer Attentäter sticht um sich, ruft den Namen dessen, den er für seinen Gott hält, der ihn vermeintlich beauftragt hat zur Gewalt, und reißt Unbeteiligte mit in den Tod. So jemand ist ein Mörder, kein Märtyrer. Man muss ihm widerstehen, ein Staat wird das notfalls mit rechtserhaltender Gewalt tun. Wenn es nämlich um Tod oder Leben geht, um die Frage von Gut und Böse, um den Erhalt des Lebens oder seine Zerstörung, dann komme ich nicht darum herum, Stellung zu beziehen und für meine Überzeugung einzustehen. Mir jedenfalls stellt sich dann die Frage nach der Wahrheit, nach Jesus, nach der Wahrheit immerhin, für die ich stehe und eintreten möchte mit aller notwendigen Konsequenz.

Jesus von Nazareth, den der lebendige Gott zum Herrn aller Völker eingesetzt hat, hat seinen Jüngern in der Nacht seiner Verhaftung aber auch gesagt: Lasst das Schwert beiseite, wer das Schwert nimmt, kommt durchs Schwert um. Er blieb wehrlos, wurde verspottet, gefoltert, angespuckt, gequält und gekreuzigt, er ist gestorben und wurde begraben. Und in den beiden Nächten zwischen Karfreitag und Ostern hat Gott Gnade gemacht. Denn danach ist das Unglaubliche geschehen: Gott hat Jesus von den Toten auferweckt, rein aus Gnade.

Diese Auferstehung war keine Wiederbelebung eines Leichnams, der dann irgendwann wieder stirbt, sondern der Einbruch der Ewigkeit, der Durchbruch zum ewigen Leben, das Licht in der Nacht, das nicht mehr verlischt. Und mit der Auferweckung hat Gott gnädig besiegelt, was Jesus zu Lebzeiten über Gott neu gedacht, in seinen Gleichnissen von Saat und Ernte über das Reich Gottes verkündigt und in ersten Zeichen wie Brot und Wein auf dem Tisch schon umgesetzt hat. So war der Tod Jesu nicht das individuelle Ende eines umstrittenen Märtyrers oder auch nur eines religiös getriebenen Gutmenschen. Am Tag der Auferweckung hat Jesus nicht privat Ostern gefeiert und war der Überraschungsgast beim Ostereiersuchen seiner ernüchterten Jünger. Sondern was durch den Menschensohn geschehen ist, was Gott mit Jesus gemacht hat, wovon zuallererst Daniel geträumt hatte, das ist geschehen, damit es uns heute noch erreicht und zur Gnade gereicht. Zur Gnade, denn gibt nun einen Ort, an den wir mit aller verborgenen oder offenkundigen Schuld unseres Lebens hingehen können, um Vergebung zu empfangen: das Kreuz Jesu Christi.

Ja, in den beiden Nächten zwischen Karfreitag und Ostern, als Jesus tot war und die Jünger unruhig schliefen, weil sie dachten, dass Gott schlecht auf Jesus aufgepasst hat, da hat Gott Gnade gemacht. Und diese Gnade ist seitdem am Werk und in Geltung. Es gibt seitdem diesen Weg, der über Tod und Grab und Gericht durch Gottes Gnade zum ewigen Leben führt. Es ist der Blick auf das Kreuz, der Taufkontakt mit dem Auferstandenen und der Schritt an den Tisch des Herrn im Heiligen Mahl mit dem Kelch Christi und seinem Blut, der Gnadenstuhl, wie Luther ihn im Blick auf den Römerbrief (Röm 3) nennt. Oder wie das Joh Jesus sagen lässt: "Wer an mich glaubt, der hat schon das ewige Leben, auch wenn er stirbt" – an Corona oder an etwas anderem, ganz egal. Wer mit dem Blick auf das Kreuz stirbt, stirbt in die Gnade Gottes hinein, aus der ihn nichts herauslösen kann …

Schlussszene. Jesus tritt als Auferstandener in Galiläa zu seinen Jüngern. Er lebt nicht mehr in dieser dreidimensionalen Welt, sondern in der vielfachen Dimension Gottes, in der gnädigen Ewigkeit. Seine Worte, die wir vorhin zur Taufe gehört haben, klingen wie eine Regierungserklärung: "Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden" (Mt 28,16). Der Menschensohn ist wieder oben angekommen, nachdem er erst zu uns herab musste. Mir ist sie gegeben, das heißt, der ewige Gott hat sie ihm verliehen. Jesus holt sie sich nicht wie eines der kleinen und großen Raubtiere in der Geschichte, die eine Spur der Verwüstung hinterlassen, wohin sie sich in ihrer Macht- und Zerstörungslust auch wenden, verbal oder militärisch. Ein anderes Licht ist nun in der Welt, das wir weitertragen sollen, wo es noch nicht scheint.

Denn dann überträgt Jesus seinen Auftrag an die Jünger damals, heute also an uns, die wir nun ihn auf Erden vertreten sollen, Menschensöhne und Menschentöchter, Gotteskinder, die wir sind. "Geht hin, macht zu Jüngern alle Völker". Dass Menschen aus allen Kulturen und Sprachen vor Jesus die Kniebeuge machen und fröhlich sagen: mein Herr und mein Gott, darauf zielt das Licht, dazu sollen wir den Menschen leuchten! Dass sie den wahren Gott anbeten, verehren und ihm dienen.

In den Nächten der Passion hat Gott Gnade gemacht. Gnade sogar für Islamisten, Gnade für postmodern Unentschlossene, Gnade für die hasserfüllten Herzen der Verschwörungstheoretiker, Gnade für die Maskenverweigerer, Gnade für unsere Alten, Gnade für unsere Konfirmanden, Gnade für unsere Toten, Gnade für uns als Gemeinde im Ausnahmezustand, sogar Gnade ganz privat für dich und auch für mich.

Und das ist eben nicht unsere, sondern Gottes Gnade, jeden und alle Morgen neu. Gnade für uns, ganz frisch gemacht. Ist noch warm und duftet.

Isso. Amen.


Predigt über Eph 4,22-32

(gehalten am 18. Oktober 2020, in Starnberg)

Gemälde von Marc Chagall
Gemälde von Marc Chagall

Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen und gebt nicht Raum dem Teufel. Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann. Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören. Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung. Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

Liebe Gemeinde, niemand, den ich kenne, mich selbstredend eingeschlossen, lässt sich gerne einen Katalog von Ermahnungen entgegengehalten. Nach dem ersten Eindruck, dass da viel von einem verlangt wird und dass man das genau so wahrscheinlich nicht hinkriegt, steigt rasant die Gefahr des Abschaltens. Ich kann mir aber vorstellen, dass diese Worte dennoch aktuell und hilfreich sind. Mit dem Impuls, den alten Menschen anzulegen und den neuen Menschen anzuziehen beginnt es. Gemeint ist tatsächlich das Ablegen von Kleidung. Mit dem Bild vom Umziehen beschreibt der Eph, was für das Leben jedes Christenmenschen wichtig ist.

Vielleicht haben wir es in der Kirche manchmal bei der Taufe einfach zu eilig. Da kommen die Kinder schon in Weiß, statt vor dem Gang ans Taufbecken die alten Kleider abzulegen und nach der Taufe erst das weiße Kleid zum Zeichen angelegt zu bekommen, dass mit der Taufe auf den Namen des dreieinen und dreifaltigen Gottes ein radikal neues Leben begonnen hat. Auch der verlorene Sohn, von dem Jesus (Lk 15) als ein Gleichnis für die Kinder Gottes erzählt, bekommt nach seiner Rückkehr aus dem Schweinetrog ins Haus seines Vaters ein neues Kleid und einen Ring als Ausdruck für das neu geschenkte Leben.

Nun aber den alten Menschen ablegen, den neuen Menschen anziehen wie ein Kleid, das ist nicht ganz so einfach wie bei der Taufe neu überkleidet zu werden (oder den weißen Talar anziehen). Langjährig Mitglied unseres Bibelkreises bin ich ja ein Freund davon, diese alten Texte sorgfältig zu lesen. Und das muss ich über die Geschichte der Wirkung unseres Bibeltextes schon feststellen: Die Redeweise vom "neuen Menschen" war lange anfällig für viele Ideologien, die den makellosen, den idealen Menschen schaffen wollen. Der Epheserbrief hingegen macht sich Sorgen um den "alten Menschen", der sich aufreibt in "trügerischen Begierden". Es geht um jemand, der verkommt und es nicht merkt. Dieser Mensch wähnt sich unabhängig und frei, er verbraucht sich selbst und die anderen in der Sehnsucht danach, aus der Welt das Möglichste herauszuholen – wie der verlorene Sohn das Erbe zum Verleben und Prassen verschleudert hat. Der neue Mensch wiederum ist keine Neugeburt aus dem Mutterleib, sondern der von Gottes Güte ein für alle Mal in der Taufe völlig neu geschaffene Mensch. Dieser Mensch gehört ganz auf Gottes Seite, wie der verlorene Sohn ins Haus seines Vaters gehört. Niemand kann dem Sohn – und genauso einer Tochter, die diesen Weg geht – das streitig machen. Und gewiss wird der Rückkehrer sich jetzt anders verhalten als früher. Vielleicht wird er wieder mal in alte Verhaltensmuster zurückfallen. Doch er gehört ins Haus seines Vaters und diese Zugehörigkeit wird ihn verändern, wird ihn langsam aber sicher verwandeln.

Wir sind durch unsere Taufe neue Menschen. Und auch wir sind aufgefordert, unseren Geist und unseren Sinn zu erneuern und als erneuerte Menschen zu leben. Ein solches Leben ist offensichtlich ein fortwährender Prozess, der ein Leben lang dauert. Er kennt aber auch Schwellen, die man einmal überschreitet und dann in diesem Prozess drin ist.
Hoffnungsvoll daran finde ich heute besonders, dass der notwendige und gewünschte Wandel und die erforderliche und intendierte Veränderung immer möglich sind. Niemand unter uns wird auf seine alten Verhaltensweisen festgelegt, als gäbe es nur sie. "Werde, was du bist – in Christus" – so hat es der Schweizer Theologe Karl Barth einmal formuliert und hat damit ein altes liberales Motto konsequent auf das Kreuz Christi hin interpretiert. Durch Gott kommt zum Vorschein, wer wir in Wahrheit sind, deshalb können wir werden, was wir immer sein sollten. Und wir werden es auch, weil Gott seinen Segen auf unser Werden legt.

Bei diesem Werden wird von uns nicht verlangt, dass wir in Sachen Sünden fehlerfrei und bei Verfehlungen teflonartig resistent werden. Sondern wir sollten uns ermutigen lassen zu Veränderung, offen bleiben für hilfreiche Hinweise, dürfen uns vergeben lassen und sollten zuvor anderen vergeben haben. Wenn wir aus dieser Haltung heraus noch einmal die Aufzählung anschauen, wozu wir ermahnt und ermutigt werden, wirkt sie auf mich nicht mehr nur streng.

"Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen" – manchmal könnte ein gelinder Zorn eine notwendige seelische Reaktion auf erlittene Kränkungen und Verletzungen sein. Vielleicht ist Zorn ist auch angemessen, wenn wir Unrecht bemerken, das andere trifft. Möglicherweise wäre gut gepolter Zorn zunächst ein Aufschrei, eine Weigerung, eine Kraft, die man nutzt, um Verletzungen zu verarbeiten, um neue Lösungen zu finden, um Situationen zu verändern. Das Alte Testament hat freilich – je länger, je mehr – eine Allergie auf menschlichen Zorn, die sich darin ausdrückt, die Berührung mit dieser ansteckenden Krankheit nicht nur der damaligen Zeit möglichst zu vermeiden. Man kann fast die biblischen Texte in Schubladen stecken, wie sie im Zorn des Menschen ein immer röter werdendes Tuch entdecken …

Und es stimmt schon, leider geschieht häufig das durch den Zorn aufgerufene andere, dass Menschen die Kraft der Empörung zerstörerisch ausleben und sich und anderen schaden. "Zürnt ihr, so sündigt nicht" vermittelt der Eph. Wenn ihr tatsächlich zürnt, sucht immer das Gute, das, was hilft, mit aller Kraft. So könnte vielleicht wirklich mit der Kraft, die aus dem Zorn kommt, es möglich sein, eine Veränderung zu verwirklichen, dann würde sie uns und anderen zum Segen werden. Dann werden wir uns auch nicht in einen Zorn hineinsteigern, in eine ohnmächtige, aber umso heftigere Wut, in eine Verschwörungstheorie, eine Anfeindung die jemand zum Tier statt zum Menschen erklärt.

Wir müssen nicht stehen bleiben bei der Verurteilung anderer (und unserer selbst), sondern sollen stattdessen eine Lösung suchen. "Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist", also hören wir bitte auf mit bösen Worten, sondern reden die Guten, die denen, die sie braucht, stärken, und dem, der es hört, Nutzen bringt. Manchmal muss man sich selbst nur einmal reden hören als wäre man ein Fremder; manchmal muss man nur begreifen, dass man es selbst ist, der so redet, dann erschrickt man gehörig. Jürgen Klopp, dem heutigen Manager des FC Liverpool scheint es einmal so ergangen zu sein, als er selbst die auch ihn verstörenden Bilder von einem seiner Ausraster an der Seitenlinie des Fußballfeldes sah und hörte, was er da schrie, hat er angefangen nachzudenken, ein gewisses Maß noch immer zu halten …

Zu dem griechischen Philosophen Sokrates, heißt es, kam jemand aufgeregt gelaufen. Die Geschichte ist zwar nicht wahr, aber gut, dass es sie gibt, obwohl sie nicht in der Überlieferung des Sokrates zu finden ist. Sie zeigt, wie nahe sich unter den frühen Christen die Theologen und die griechischen Philosophen waren, sodass der eine und der andere das Gleiche aussagen konnte. Zum Philosophen kam jemand aufgeregt gelaufen "Höre, das muss ich dir erzählen, wie dein Freund" ... "Halt ein", unterbricht ihn der Weise, "hast du, was du mir sagen willst, durch die drei Siebe geschüttelt?" Drei Siebe, fragt der andere verwundert. "Das erste Sieb ist die Wahrheit. Hast du, was du mir erzählen willst, geprüft ob es wahr ist?" „Ich hörte so erzählen" … "Aber sicher hast du es mit dem zweiten Sieb geprüft. Es ist das Sieb der Güte. Ist das, was du mir erzählen willst, wenn schon nicht als wahr erwiesen, wenigstens gut?" Zögernd sagt der andere: "Nein, gut ist es nicht, im Gegenteil." "Dann", so unterbrach der Weise sein Schweigen, "lass uns fragen, ob es notwendig ist, mir das zu erzählen, was dich so erregt." Der wiederum: "notwendig nun gerade nicht." Da lächelte der ‚Sokrates‘. "Wenn das, was du mir erzählen willst, weder wahr noch gut noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit".

Freilich gibt es auch Menschen, die so schnell nicht durch einen klugen Rat aus einer Verbitterung herausfinden. Diese Bitterkeit schadet ihnen zwar anhaltend, denn wenn ich bitter würde, wäre ich nicht mehr empfänglich für Dankbarkeit und Freude. Bitterkeit ist oft die giftige und vergiftende Folge von erlittenen Verletzungen, von Unrecht, von Schicksalsschlägen, die in ihrem verletzenden Ausmaß nicht genügend gewürdigt wurden. Manchen Menschen fehlt ein Ort für die Klage, vielen Menschen fehlen die Mitmenschen, die mitfühlen und uns bestätigen, dass das, was wir erleiden, schlimm ist. Zuweilen fehlt sogar uns die Möglichkeit, etwas intensiv und lebendig zu betrauern – und dann weiß sich die Seele nicht anders zu helfen, als bitter zu werden. Wer bitter geworden ist, wurde wohl zu wenig gesehen.

Unsere interessierte Aufmerksamkeit füreinander, dass wir uns gegenseitig zuhören bei unseren Geschichten - das kann helfen. Gott sieht jede Verletzung, die ein Menschenkind erleidet, und er sieht sie im ganzen Ausmaß und fühlt mit. Wir Menschenkinder müssen hier tatsächlich wohl am meisten noch lernen und ganz neu aus unserer Taufe herauskriechen als erneuerte Menschen, die einen Sinn dafür haben, Bitterkeit wegerzählen zu lassen.

Am Ende des Textes werden wir zu gegenseitiger Vergebung ermutigt. Es ist natürlich leichter, jemandem zu vergeben, der sein Verhalten bereut, als jemandem, der unberührt ist von den Folgen seines Tuns. Und es gibt Situationen, wenn jemand mein Vertrauen so grob missbraucht hat oder sogar ein Verbrechen begangen hat, da ist es oft eine Überforderung, vergeben zu müssen. Mir hilft dabei zu bedenken, wie viel mir schon vergeben werden musste und von unglaublich großherzigen Menschen – echten Freundinnen und Freunden – vergeben wurde. Wenn Gott genauso zu vergeben vermag (und darum bete ich in jedem Vaterunser), sehe ich Licht am Ende dieses Tunnels … und es ist nicht der auf dem gleichen Gleis entgegenkommende Zug, der mir da erscheint.

Amen.


Predigt über Mk 8,1-9 II

(gehalten am 4. Oktober 2020, zum Erntedanksonntag, in Starnberg)

Aquarell von Helmut Schneider, Erntedank
Aquarell von Helmut Schneider, 2020, Erntedank

Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Mich jammert das Volk, denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen. Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen. Seine Jünger antworteten ihm: Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen? Und er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie sprachen: Sieben. Und er gebot dem Volk, sich auf die Erde zu lagern. Und er nahm die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, dass sie sie austeilten, und sie teilten sie unter das Volk aus. Sie hatten auch einige Fische; und er sprach den Segen darüber und ließ auch diese austeilen. Und sie aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll. Es waren aber etwa viertausend; und er ließ sie gehen.

Liebe Gemeinde, wieder ist eine Menge Menschen zusammengekommen, um Jesus zu hören. Wieder frisst Hunger Löcher in Bäuche. Vielleicht sind Jesu Jünger noch damit beschäftigt, die Speisung der 5000 zu verdauen, die das Evangelium kurz zuvor (Mk 6,30-44) berichtet hat? So merken sie gar nicht, dass es schon wieder so weit ist. An die Elisa-Geschichte (II Reg 4,42-44) denken sie erst recht nicht. Und erneut kommt kein Partyservice in Sicht, keine Cateringfirma bietet sich an, nicht mal eine Hilfsorganisation mit Care-Paketen lässt sich aufstöbern und regnet praktischerweise alles vom Himmel wie damals die Schokolade über Berlin. Ein Festival mit 4000 Leuten, die seit drei Tagen nichts mehr zu essen haben, die muss man erst mal satt kriegen; und in Corona-Zeiten erst, wo vielfach darauf verzichtet wird, Essen am Buffet auszugeben, weil die Hygieneauflagen jedes Wunder schon im Ansatz torpedieren …

Heutzutage kleiden sich Hungergeschichten für uns vielfach in Kriegs- und Nachkriegsgeschichten, wie sie meine Großmutter noch erzählte, weil sie die fünf Kinder ohne Opa durchbringen musste. Nur wenn ich aus eigener Dummheit vergesse auf einer Wanderung, die sich zieht, genug Wasser und Brot einzusacken merke ich, wie sehr die Entkräftigung zupackt, wie man auch auf ebenem Weg hungrig schnell ins Stolpern kommt und das eigentlich erreichbare Ziel sich am Horizont verliert und mit ihm der Mut sinkt. Da wünscht man sich dann, dass ein Wunder nur für einen selbst geschieht und das Ziel unvermittelt vor einem steht – aber ich weiß ja aus Erfahrung, dass das unerfüllbar bleibt. Nun haben unsere Kinder im Kindergarten freilich ihre eigene Art, mit unerfüllbaren und unmöglichen Wünschen umzugehen …

Meine persönliche Hungergeschichte ist jetzt 33 Sommer her. Nach dem Abitur mit 17 Jahren habe ich schnell mit dem Studium begonnen und in Erlangen Sprachen und fünf Semester lang die Grundlagen gelernt. Es folgte ein Jahr, in dem ich in Münster in Westfalen für katholische Theologie eingeschrieben war, während meine Freundin in Jerusalem studierte. Danach würden wir beide dann weiter Evangelische Theologie studieren und uns verloben, so war es geplant. Zwischenzeitlich besuchte ich sie für ein Semester im Heiligen Land, wo mir deutlich wurde, dass es schon einen anderen gab, der passenderweise auch Stefan hieß. Für die nächsten 8 Wochen nach der Trennung zog ich alleine durch Israel, um das Land kennenzulernen und mich daran zu gewöhnen, solo zu sein. Zu Fuß und per Autostop war ich über Stock und Stein und Straße und Weg unterwegs, oft hatte ich abends nichts zu essen, manche Tage hungerte ich ganz, einmal auch, weil es am Sabbat natürlich nichts zu kaufen gab. Ich lernte, wie wunderbar Wasser schmeckt, frisch erst recht, aber auch anderes. Und ich lernte, wie warmes Brot, nur kurz aus dem Ofen, fladenweise in der Brotfabrik zu bekommen ist. Bis heute liebe ich Brot und kann es zu jedem Essen brauchen.

"Wovon lebt der Mensch?" fragt Bertold Brecht in der Dreigroschenoper. Und als Refrain lässt der Dichter dort diesen Kehrvers erklingen: "Denn wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frisst. Nur dadurch lebt der Mensch, dass er so gründlich vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist." Weshalb Jenny – die unwahrscheinliche Stimme der Moral im Stück bei Brecht, logischerweise eine Frau, ihr klingt dieser Refrain in den Ohren – im Blick auf die Armen der Gesellschaft es auf die bis heute noch bekannte, traurigrichtige Maxime bringt: "Erst kommt das Fressen, dann die Moral", konkret gesagt, damit man es nicht missversteht: "Zuerst müsst ihr uns was zu fressen geben, dann könnt ihr reden: damit fängt es an." Und genau aus diesem Grund werden im NT die Speisungsgeschichten erzählt, die wir heute noch dort lesen und an Erntedank beherzigen sollen.

Darum sollte man diese Speisungsgeschichten über die Fülle bei Gott, über den Hunger nach guten Worten und Broten und über das rundum Sattwerden auch unter dem Gesichtspunkt lesen, der aufblitzt, wenn man auf die Blickrichtung des kurzen Dialog zwischen Jesus und seinen Jüngern beherzigt. Die Jünger fragen Jesus, woher sie hier in der Einöde Brot nehmen sollen. Und Jesus fragt zurück: Wie viele Brote habt ihr selbst? Jesus ist es nicht um ein Wunder zu tun, das die Jünger nicht bewerkstelligen. Sondern Jesus fordert die Jünger auf, zu tun, was sie können, und alles das einzubringen, was sie haben.

Und das ist ja auch die tiefste Bedeutung des Wunschautomats der Kinder unseres Kindergartens. Die Tüte Gummibären, die zu Demonstrationszwecken erwünscht wurde, die konnten wir voraussehen und sie besorgen, sodass eine schnelle Erfüllung möglich war zum nur scheinbar überraschenden Beleg, dass der Apparat auch funktioniert. Bei allen anderen, vor allem bei den wichtigen Wünschen freilich geht es darum, in den Wünschen der Kinder ihre eigenen und unsere Möglichkeiten und Grenzen zu entdecken. Kinderwünsche sind Beziehungsbotschaften. Und in diesen Wünschen ist zu ersehen, was die Kinder von sich selbst erwarten, was sie sich selbst zutrauen, und wo sie unsere Hilfe brauchen.

Darum ist mein Blick auf unser Leben heute an Erntedank nicht eine Frage der persönlichen materiellen Bilanz plus minus trotz Corona-Pandemie. Sondern unser Erntedank in diesem Jahr sucht für mich eine Antwort auf die Frage, ob wir in diesem Jahr unsere Möglichkeiten aktiviert haben, oder ob wir auch in diesem Jahr an immer den gleichen persönlichen Grenzen stehengeblieben sind, statt sie hinauszuschieben und uns mit Gottes Hilfe weiterzuentwickeln und zum Besseren zu verändern. Ob wir die Selbstheilungskräfte in uns gefunden haben, die in uns stecken, oder ob wir in der Lehmschicht des Selbstmitleids steckengeblieben sind.

Und so frage ich Euch: Wie seht ihr auf euer persönliches Erntejahr? Ist euer Korb eher voller Erfahrungen, Erfahrung gewiss mit beidem, eigenem Können und eigenem Scheitern, beide Erfahrungen sind bedeutsam und wichtig. Oder ist der Erntekorb eher leer, weil dir der Mut ausging? Wieder einmal oder erstmals, egal! Ist euer persönlicher Erntedankaltar reich geschmückt mit der Erfahrung, mit sich selbst im Gespräch darüber gewesen zu sein, welche Anlagen und Fähigkeiten Gott dir anvertraut hat, ob ich mit meinen Talenten gewuchert habe, oder ob ich sie vergrub im Boden, aus dem nichts wuchs? Es ist eine Frage der Lebenseinstellung, ob nicht nur bei anderen das Wasserglas halb voll ist oder halb leer, sondern ob mein Wasserglas als Gefäß dient, meinen und anderer Durst zu löschen.

Der Blick der Jünger vor der Speisungsaufgabe nimmt den Mangel ins Visier und geht dadurch ins Leere: Woher nehmen wir Brot in der Einöde? Sei es die Einöde des Landes um uns herum oder die innere Einöde der Seele. So oder so sind für diese Jünger die Möglichkeiten sehr eng begrenzt, sie konstatieren bei sich leere Körbe und leere Taschen und beweisen leere Herzen. Diese Jünger bejammern nicht das hungrige Volk, sondern sie prognostizieren ihr eigenes Versagen, sie bejammern sich selbst. Nur ist die Welt, in der wir leben, nicht nur mangelhaft. Nicht alles ist brotlose Kunst und wir können nicht alles sofort, aber vieles noch in diesem Jahr zu ändern beginnen. Wir müssen nicht Mal für Mal an unserer eigenen Hilflosigkeit scheitern, wie uns das Jesu Jünger vorführen. Wir können etwas tun, das hilft, anderen und uns.
Das habe ich jedenfalls nicht erst im Corona-Jahr erneut erlebt: je besser es den Menschen geht, umso unzufriedener und undankbarer werden sie, umso neidischer schauen sie in ihrer inneren Leere nach dem, was sie nicht haben, umso scheeler blicken sie auf das, was andere können in der Angst, zu kurz zu kommen. Es muss schon eine seltsame Lust dabei sein, immer auf das Fehlende, das nicht Perfekte zu schauen oder auf das, was und wie wir gerne wären, aber nicht sind und niemals sein werden. Und dort, wo keine andere Erklärung mehr hinreicht, die eigene Unlust zum Helfen dadurch zu kaschieren, dass man sich in Verschwörungen verstrickt vermutet, statt an einer besseren Welt mitzubauen, wie sie heute möglich ist.

Aber es gibt eben noch einen anderen Blick aufs eigene Leben, Tatsächlich einen gesegneten Ernteblick, mit dem es sich sogar leichter und besser, zufriedener und dankbarer leben lässt. Der Blick stellt sich ein, wenn Jesus die Jünger fragt: Was habt ihr? Wie viele Brote habt ihr dabei? Jesus lässt die Seinen auf das schauen, was da ist an Gaben, an Haben, an Fähigkeiten. Was vorhanden ist, das soll erst einmal offen gelegt werden. Wir haben doch nicht nichts. Wir sind doch nicht nichts. Jesus ermuntert uns zur Inventur der Möglichkeiten. Die Antwort auf die typische, eher resignative Frage, was wir schon tun können, lautet bei Jesus tatsächlich: den ersten Schritt könnt ihr tun!

So wie die Kinder uns mit ihrem Wunschautomat auf das aufmerksam machen, was ihnen ein Bedürfnis ist, von uns zu bekommen. Kinder wünschen sich keine Wunder von uns, sie wünschen sich uns und sie haben längst begriffen, dass wir immer nach unseren Möglichkeiten handeln und unsere Grenzen haben. Gerade auch mit unseren Grenzen sind wir den Kindern recht, sie erwarten nichts anderes von uns. Aber so, wie wir können, mögen wir dann bitte auch handeln und bis an unsere Grenzen gehen und nichts zurückhalten. Kinder wünschen sich manchmal die Quantität von Gummibären, meistens aber die Qualität unserer Zuwendung und Liebe und unser da sein für sie.

50 Jahre gibt es unseren Kindergarten. Wir haben bewusst auf eine Leistungsschau vergangener Großtaten verzichtet und auf Festakte mit geladenen Gästen auch. Wir wollen Ihnen heute zum Jubiläum ganz bewusst an Erntedank die notwendige und mögliche Antwort auf die Wunschfragen der Kinder vermitteln. Tut so viel wie möglich. So viel, wie da ist, Mamma. Mach, was Du kannst, Papa. Mit Kinder- und Jesusaugen gesehen ist das viel mehr als du denkst. Dein Leben ist nicht leer. Geh durch die Reihen deiner Tage und Jahre und Jahrzehnte. Sammle, was da ist: tief empfundenes Glück am Gipfel und unvermutete Sonnenstrahlen im Tal, lautes Kinderlachen und zwitschernder Vogelgesang, die große Liebe und eine warme Vollmondnacht, das gemeinsame Feiern mit den Liebsten und mit Fremden. Kindergeheul und Freudentränen. Kraft aus der Stille und Mut aus der Gemeinschaft. Ein Bibelwort, das immer noch trägt und ein Segen, der spürbar wird, sodass Du innerlich erglühst wie ein Torffeuer, wenn du dir den Luxus erlaubst, deinen eigenen Glauben nicht für mickrig, sondern in Gott gut begründet zu betrachten.

Und dann lässt Jesus die Menge auf den Boden setzen. Was den Jüngern eine Sicht nach vorne und auf die eigenen Möglichkeiten versperrt hat, löst sich auf. In der Nachfolge Jesu bekommt man einen Überblick, und wo man etwas überblickt, wo man sich erkundigt, nachfragt, sich informiert, da verliert sich ganz oft dann auch die Angst vor dem eignen Versagen. Die Ausgangslage bleibt, aber sie lähmt nicht mehr. Eine komplizierte, unübersichtliche Welt ist so lange bedrohlich, wie sie einen zu beherrschen scheint. Das ist das Versprechen der christlichen Religion, das einzulösen, in Erfahrung zu gießen, wir uns als Gemeinde stets bemühen.

Die vorhandenen Gaben sind damals wie heute immer begrenzt. Die Menge der Brote bleibt übersichtlich. Aber sichtbar ist eben auch das Potential, das in den Menschen steckt. Schaut doch nur, was unsere Kinder aus 50 Jahren Kindergarten gemacht haben: einen Wunschautomat haben sie gebaut, um uns zu zeigen, dass sie sich uns wünschen. Und Bilder haben sie dazu gemalt, die man nachher draußen betrachten und interpretieren und so die Predigt fortsetzen möge. Was für ein Potential steckt darin, wenn wir das alles zu unserem Erntedankaltar hinzulegen! Es ist wirklich genug da in unserem Land und in unserem Leben, an materiellem Gut, aber eben auch an Beziehungsreichtum und Familienqualität. Wir mögen es bitte sichtbar machen, zusammentragen und fruchtbar auch für andere werden lassen, indem wir es in unsere Kinder pflanzen.

Jesus dreht den Blick der Seinen weg von den Defiziten hin zu den Stärken, weg vom natürlich immer auch einmal zu konstatierenden zwischenzeitlichen Bankrott hin zum bei Gott ewigen Reichtum des Lebens. So viel ist uns gegeben. So viele Wünsche sind erfüllbar, weil sie gut sind. Und an den unerfüllbaren Wünschen bilden wir den eigenen Charakter. Alle können und alle sollen satt werden. Hierzulande ist es auch in Starnberg tatsächlich nicht daran gelegen, wie Martin Luther das einmal sagt, "ob man viel habe, sondern an dem Segen unseres lieben Herrn Christ". Es liegt nicht daran, ob viel da ist, mögen das manche, die zu viel haben, auch glauben. Vor Gott essentiell ist, sondern ob Segen darauf liegt. Schaut auf euer Leben und sucht diesen Segen. Und erkennt ihn darin, dass ihr aufgefordert seid, auch den Charakter eurer Kinder zu bilden, und sei es daran, wie ihr mit ihren unerfüllbaren Wünschen umgeht.

Amen.


Predigt über Act 6,1-7

(gehalten am 6. September 2020 in Starnberg)

Die Apostel Jesu
"The twelve apostles" Port-Campbell-Nationalpark, Victoria, Australien

In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen. Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst. Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia. Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf. Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.

Liebe Gemeinde, wann wäre das gewesen, dass Gemeinde so wuchs, dass neu Hinzukommende die mit den Stammplätzen im Gottesdienst an den Rand gedrängt hätten? An Weihnachten kommt das in den Kirchen noch vor – und wir werden erleben, was die Menge der Besucher das in diesem Jahr für Gottesdienste mit Abstandsregeln bedeutet. Heute wie damals waren christliche Gemeinden vielschichtige Gebilde. Man kann das Christentum gewiss von Anfang multikulturell nennen, es gab jedenfalls in Jerusalem in der frühen Kirche neben hebräisch-sprachigen Mitgliedern, die den Glauben an Jesus Christus angenommen hatten und sich manchmal auch noch als Juden verstanden, auch einen griechisch-sprachigen Gemeindeteil. Auch diese Gemeindeglieder hatten sich vorher zur jüdischen Gemeinde gehalten. Alle gemeinsam wurden von draußen betrachtet „Christen“ genannt und waren es ja auch.

Leider liegen kultureller Unterschied soziale Ausgrenzung zu oft zu nah beieinander. Alleinstehende ältere Frauen waren unter den damaligen sozialen Bedingungen – sie sind es oft auch heute – auf mehr Unterstützung angewiesen. Doch nicht nur damals haperte es mit der Gleichbehandlung. Während hebräische Witwen in Not an einer Mahlzeit der jungen Gemeinde teilnehmen konnten, wurden die griechischen Frauen offensichtlich nicht gesehen, hatten keine Fürsprecher und keine einflussreichen Lautsprecher, obwohl auch sie in Not waren.

Der tiefste Konflikt hinter dem Geschehen war freilich kein ethnischer oder religiöser, sondern ein theologischer: der Konflikt betraf den angeblichen Widerstreit zwischen der sozialen und der geistlichen Versorgung in der Gemeinde. Das zeigt sich aus dem Rückblick, wie uns erzählt wird: die Apostel kommen nicht mehr nach, alle Gemeindeglieder in ihrer jeweiligen Notlage gerecht und vor allem gleich gerecht zu behandeln. Es geht freilich nicht nur darum, für Mahlzeiten und Armenspeisungen zu sorgen, sondern es kam darauf an, darüber das Wort Gottes nicht zu vernachlässigen.

Beides ist von zentraler Bedeutung, das eine – die soziale Fürsorge – lässt sich nicht gegen das andere – die Verkündigung des Wortes Gottes als Brot des Lebens – aufrechnen. Wer im Vaterunser um das tägliche Brot bittet, kann niemand hungern lassen. Aber wer sich, damals wie heute, in der Fürsorge um das tägliche und wöchentliche Brot des Nächsten verzehrte und dann keine Zeit mehr für das Wort Gottes hätte, der muss begreifen und beherzigen, dass der Mensch auch nicht vom Brot allein lebt. Es braucht einen Weg, auf dem beides zusammenbleibt: die Sorge für die Seele und die Sorge für den Leib, weil beides zusammengehört und sich gegenseitig stärkt, Gottes lebendiges Wort und das Brot für den Nächsten.

In der Apostelgeschichte (Act 6) wird in dieser Situation der scheinbaren Alternativen eine Lösung gefunden, die vordergründig auf dem Prinzip der Arbeitsteilung beruht. Neben die Apostel, die Verkündiger des Wortes Gottes, treten die Diakone, die auf die leibliche Not der Menschen achten und sich darum bemühen, dass sehr konkret alltäglich wirksam geholfen wird. Diese Arbeitsteilung (sie ist nicht streng oder hierarchisch gemeint, auch Diakone sind durch ihr Tun Verkündiger und auch Verkündiger müssen diakonisch wirken) sollte vor allem dabei helfen, dass nichts Wichtiges und vor allem niemand vergessen wird. Von diesem doppelten Modell, nicht so sehr von der Arbeitsteilung, lebt unsere Kirche noch heute. Die Verkündigung des Evangeliums vollzieht sich insgesamt und gemeinsam in Wort und Tat, durch Gottesund Nächstendienst. Unsere Kirchengemeinde und ihr Diakonieverein bürgen für die Einheit von Zeugnis und Dienst in der Ausrichtung dessen, was Gott von uns erwartet. Aber auch der Diakonieverein hat Anteil an der Verkündigung des Wortes Gottes. Und die Kirchengemeinde ist im Herzen diakonisch, hilfsbereit.

Damals war es die notwenige Versorgung der Hungernden, die dazu führte, dass man sich in der Kirche mehr besonders berufene Mitarbeitende wünschte, die auf alle sehen. Der Schwerpunkt heute liegt für mich an einer anderen Stelle, so sehr mich auch die konkrete Not von Menschen berührt und wir helfen, wo wir können. Aktuell geht es für mich eher darum, den Menschen mehr vom Wort Gottes weiterzusagen, das viele gar nicht mehr kennen und begreifen, so sehr sie auch die soziale Arbeit in der Gemeinde und ihrer Diakonie unterstützen. Gar nicht so wenige Menschen suchen nach neuer Klarheit im Blick auf Sinn und Halt für ihr Leben. Vielerorts kann man eine neue Offenheit für den Inhalt des christlichen Glaubens und die mit ihm verbundene Gewissheit für das eigene Leben beobachten.

Deshalb betone ich: Wir brauchen Orte und Gelegenheiten, in und an denen wir mit den Menschen auch und verstärkt über ihre Fragen nach Sinn und Glauben reden. Und diese Orte und Gelegenheiten müssen zum Verweilen eingerichtet sein, um dem suchen, zweifeln und vertieft zu glauben eine Sprache zu schenken, auch die der Musik. Es wäre nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgten und darüber das Wort Gottes vernachlässigten. Womöglich haben wir uns in den letzten Jahrzehnten angewöhnt, Gelegenheiten zur Begegnung mit Gott vor allem im Praktischen zu suchen; in diakonischem Handeln, im politischen Engagement, in gesellschaftlicher Präsenz. Die frühe christliche Gemeinde in Jerusalem unterstreicht durch ihre konkrete Entscheidung für den Blick auf die Not der Einzelnen und damit aufs Ganze die Notwendigkeit der Verbindung von Handeln und Spiritualität, von Liebe und Glauben.

Wir kämen unserem kirchlichen Auftrag nicht nach, würden wir das Eintreten für Gerechtigkeit in unserem Land unterlassen, uns nicht in der Pflege von Kranken und Alten engagieren, keine besonderen Angebote für Kinder und Jugendliche bereithalten, nicht für Flüchtlinge um Aufmerksamkeit bitten. Zu Recht fordert und sucht man bei unserer Kirche in sozialen Fragen Rat, Sachverstand und erwartet unsere vorrangige Option für die Armen. Aber unser Auftrag umfasst ebenso geistliche Orte der Begegnung mit Gott. Wo unsere Gemeinde lebendig bleiben will, muss es Menschen geben, die sich auch dies zu ihrer Aufgabe machen und mit ihrer aktuellen Aufgabe verbinden. Wir sollen ganz beim Helfen und zugleich beim Dienst des Wortes bleiben. Ein solcher Dienst des Wortes ist nötig, damit Menschen im Vertrauen auf Gott fröhlich leben und getröstet Abschied nehmen können und die Familien und Freunde unserer in Gott hinein Gestorbenen am Friedhof erleben, wie wir unsere Toten in großer Würde begleiten und für die Ewigkeit bereiten.

Zu jeder Zeit in der Geschichte der Christenheit hat sich der Dienst am Wort Gottes auch kultureller Zeichen und Ausdrucksmittel bedient. Eindrucksvolle Passagen in den Briefen des Apostels Paulus kamen zustande, weil er formschöne Gedichte zitiert, in denen die Christen ihren Glauben zusammenfassten und so weitergaben. Die Lieder von Paulus Gerhardt sind nichts anderes. Und soweit unser Wissen zurückreicht, haben christliche Gemeinden im Gottesdienst gesungen. Vom theologischen Denken der frühen Christen außerhalb des NT in den ersten Jahrhunderten haben wir Kenntnis, weil sie die Sarkophage, in der sie ihre Toten bestatteten, künstlerisch mit Noah- oder Jona-Motiven ausschmückten, um die Rettung durch den Tod hindurch zu verkünden. Auf diese Weise erreichten Dichtung, Musik und bildende Kunst in der Kirche immer wieder neue Höhepunkte – am schönsten dort, wo sie indirekt zugleich dem Gebet und dem Dienst des Leibes verpflichtet waren.

Es gibt viele gute Gründe dafür, das auch heute so zu machen. Auch heute entsteht eine Verwurzelung im christlichen Glauben nicht mehr von selbst, neue Wege sind nötig, auch neue kulturelle Wege. Wir brauchen nicht zuletzt die ganz modernen Künste, damit der christliche Glaube eine heute verstehbare, aktuelle Sprache findet. So wie die Witwen in der christlichen Gemeinde zur Zeit der Apostelgeschichte das Wort Gottes nicht ohne ihre alltägliche Versorgung erhalten konnten, so können wir heute Glaubensfragen nicht losgelöst vom Lebensalltag thematisieren. Und umgekehrt.

Die Menschen fragen derzeit ja, was der christliche Glaube mit ihrem Alltag in Zeiten von Corona zu tun hat. Wenn uns die Weitergabe des Glaubens wichtig ist, müssen wir uns deshalb auch für diese Seite der Menschen interessieren, auch wenn sich die Antworten auf solche Fragen – wie weite Teile der Jugendkultur – in steigendem Maß in virtuellen Welten vollzieht. Auch dort soll die Kirche Orte und Gelegenheiten der Begegnung mit Gottes Wort schaffen. Und die Kirche muss diese Orte im weltweiten virtuellen Netz dann unbedingt auch in Häusern wie diesen hier zugänglich machen. Wo wir das mit vollem Herzen versuchen, können wir darauf vertrauen, dass sich auch bei uns erfüllt, was sich in früher christlicher Zeit ereignete: Die reale Not der Menschen wurde gesehen und gelindert, so gut es immer ging. Und das Wort Gottes breitete sich aus und die Zahl der Menschen, die Gott vertrauten und ihrem Glauben einen lebendigen Ausdruck verleihen konnten, wurde ebenfalls größer, in Jerusalem, in Starnberg, in Söcking und in vielen weiteren Orten und Gemeinden.

Amen.


Sommerpredigt über Gen 7,1-5.10-20*; 8,1-4.20-22

(gehalten am 9. August in Starnberg, am 16. August in Seeshaupt und Penzberg, am 23. August in Berg und am 30. August 2020 in Tutzing)

Die Arche strandet am Berg Ararat
Die Arche strandet am Berg Ararat

Liebe Gemeinde, bei allem Bedrohlichen der Erzählung, damit wir durch die Geschichte nicht eigene Tiefen eröffnen, in die zu stürzen uns nicht gut tut: Gott hat sich mitten in der Flut entschlossen, indem er der Menschen in der Arche gedachte, in jeder Zukunft, auch in unserer Gegenwart, das Überleben der Menschheit unverbrüchlich und ohne jede weitere Naturkatastrophe zu garantieren. Just den Fluch der Sterblichkeit, der Arbeit und der Geburt, den der Mensch sich im Paradies zugezogen hat, den setzt Gott bei Noah außer Kraft. Auch wir sind seiner ledig und frei, wir müssen nicht vor der Zeit sterben, nur unter Mühen arbeiten und schmerzhaft Kinder zeugen und gebären! Das ist die Bedeutung der Berggeschichte in der Fluterzählung, deshalb landet sie Arche oben am Ararat. Das soll uns ermuntern, fürs Leben den steten Segen Gottes zu erwarten und den Mut nie auf den tiefsten Grund sinken zu lassen.

Die hier stark geraffte Erzählung der Sintflut hat die Phantasie strenger wie angewandter Wissenschaft und Kunst immer wieder beflügelt. Man hat nach Spuren der Arche und Hinweisen auf eine Flut überhaupt gesucht und ward auf manchmal kreative Art fündig. Hat sich mit der Frage beschäftigt, auf welchem Berg genau der Kasten aufsetzte, als die Wasser wichen, der in der Bibel als Ararat (Gen 8,4 *1) bezeichnet wird, und ob es Überreste von dem Kahn geben könnte. Wie einst Heinrich Schliemann die Dichtung Homers als Kompass für die Suche nach Troja nutzte, werteten Forscher einschlägige Passagen der Erzählung aus, um neben dem Alter der Erde besonders den Platz des Rettungsschiffes auf einem wegen der Grenzlage zwischen Türkei und Armenien, zwischen Ost und West und deshalb, einen kalten Krieg lang, auch zwischen NATO und Warschauer Pakt unzugänglichen Berg Ararat zu entdecken *2.

Vor einigen Jahren konnte die Geologie mit Entdeckungen aufwarten. Es sei das Schwarze Meer ein vom Mittelmeer völlig getrennter, tiefer liegender Süßwassersee gewesen. Ein katastrophaler Durchbruch des Mittelmeeres durch die beide Meere trennende Landbrücke – erdgeschichlich datierbar auf die Epoche um 6.700 vor Christus – sei eine Naturkatastrophe unvorstellbaren Ausmaßes gewesen, jahrelang habe sich ein tosender Wasserschwall aus dem Mittel- in das Schwarze Meer ergossen und besiedelte Gebiete überschwemmt *3. Und auch Literatinnen und Literaten hat die Story der geretteten, und mehr noch womöglich vergessener Archeflüchtlingsarten interessiert. Geschichtenfabulierer haben versucht unbeschriebene Erzählstränge der Story über vergessene Arten und – besonders kindgerecht – den ungeklärten Verbleib der Dinosaurier und andere Ausschmückungen des Narratives zu inszenieren *4.

Und das wird in Gen 6,5-9,17 *5 in vielfach verschachtelter Schilderung über die Flut berichtet: Im 600. Lebensjahr Noahs, am 17. Februar, als das „Ende allen Fleisches“ (6,12) durch das beginnende Prasseln des Regen eingeläutet wird, wird eine Familie und Getierpaaren in einen Zypressenholzkasten eingewiesen, den er eigenhändig nach allerhöchsten Bauanweisungen gezimmert hat, 150 Einheiten lang, 25 hoch, 15 breit. Was dann um die Arche herum mit der Welt passiert, heißt in der Bibel erst seit Martin Luther „Sündflut“. Die Hebräer sagten dazu „Himmelsozean“ wie für das Wasser über dem Firmament, der sich durch Gitterfenster, sonst verschlossen, auf die Erde entleert; zudem quillt das in der Schöpfung gebändigte unterirdische Urmeer, seiner Fesseln erneut ledig, durch klaffende Erdspalten hoch; Wolken regnen dazu 40 Tage und Nächte einen Monsun; so kollabiert die Weltenarchitektur unter dem Wasserdruck. Was durch die Erschaffung der Erde beherrscht und geteilt wurde, Wasser und Chaos, vereinigt sich wieder mit katastrophalen Folgen für das Land und seine Bewohner. Die Schöpfung versinkt, es ist erneut ein Tohuwabohu. Das Ganze dauert nur nicht Wochen oder 40 Tage, die es freilich ununterbrochen regnet, sondern (vereint man die verschiedenen Zeitangeben im Text) insgesamt *6 ein Jahr und 10 Tage: Ergebnis: finis terrae ...

Doch Gott will es mit der Welt und vor allem mit uns Menschen nicht gar aus sein lassen. „Gott gedachte an Noah“ (8,1). Eine in ihrer inhärenten Menschlichkeit so gewagte Formulierung wie diese kurze Notiz liest man selten in der Bibel, sie gehört in die eine und selbst Kategorie wie das „lasst uns Menschen machen“ (1,26) und steht zusammen mit dem Wandeln Gottes in der Abendkühle des Paradieses (3,8), wo der schöpferische Flaneur dann Adam und Eva nach dem verbotenen Abendessen aufstöbert. So soll mitten in der Geschichte der einstürzenden Ordnung die Freiheit Gottes hochgehalten werden.

Auf der einen Seite kann Gott das, was er mit der Schöpfung anstellt, indem er sie dem Wasser zum Fraß vorwirft, das er nicht mehr in Schach hält. Aber Gott kann eben auch das machen: mitten im losgelassenen Chaos ereignet sich eine Wende, die von nicht anders begründbar ist als dass Gott an die Menschen in der Arche denkt. Gott gebietet den Gewalten Einhalt, bevor sie auch Noah und die Seinen, die gerettete kleine Menschheit, die landtierliche Ersatzschöpfung und die Arche erwischen. Und im Augenblick dieses Gedankens, durch den unmittelbar folgenden, konsequenten Rückgang der ersten Flutwellen bekommt der Rettungskasten wieder festen Stand auf der Erde und steht die Menschheit vor ihrer Zukunft.

Der Name „Noah“ kommt vom Wort „ruhen“ und nun passiert eben dies, als Gott des Noah und mit ihm der Menschheit gedenkt: die Arche „ruht“ (Gen 8,4) auf dem höchsten Berg, wo sie aufgesetzt hat. Das gesammelte Wasser stand ja 15 Einheiten (Luther: „Ellen“) über, die Arche durfte bei den 25 Einheiten ihrer gesamten Höhe als höchstens 15 Einheiten Tiefgang haben … sie konnte beim Höchstwasserstand soeben über das Gebirge Ararat hinwegschaukelt und setzt beim ersten Fallen der Wasser dort dann auf. Bis die Flut verschwunden ist, vergehen noch Monate. Aber die Arche ist sicher, die Zukunft der Menschheit und der durch die mitgenommenen Tiere bald wiederhergestellten Schöpfung auf der Erde sowieso, und darauf kommt es in Zeiten globaler Verlustkatastrophen an. Und auch wir sind damit gerettet ...

Liebe Gemeinde, diese Sintflutgeschichte will einzig – sie treibt großen Aufwand dafür –und alleine Gottes Macht und die nur Gott gegebene Freiheit bezeugen, die geschaffene Welt wieder im Chaos versinken zu lassen. Die Bibel des AT zeigt uns Gott, der die Sünde der Menschen richtet. Am Anfang der Geschichte der Menschheit, noch vor aller historischen Zeit, steht der Hinweis auf Gottes schnaubenden Zorn über eine Sünde, die durch die menschliche Freiheit zur eigenmächtigen Entscheidung für gut oder böse in der Schöpfung Einzug gehalten hat.

Es gibt natürlich viele mögliche Einwände gegen diese Redeweise von Gott: warum muss man von Strafe, Zorn, Sünde und Tod berichten, wo die Menschen heute durch genug eigene Erfahrungen beladen und belastet sind? Würden wir uns freilich irgendeine alternative Flutgeschichte einer anderen altorientalischen oder sogar mittelamerikanischen Religion vergegenwärtigen, angefangen beim ältesten sumerischen oder beim babylonischen Schöpfungsmythos im Gilgamesch-Epos (in dem Schöpfung und Flut ähnlich eng verklammert sind), wir wären sogar noch in größerer Theologenpression, weil es sonst nicht einmal eine Arche und erst recht keinen menschlichen (sondern nur einen göttlichen) Noah (vgl. bei Gilgamesch: „Enkidu“) gibt, weil der Ton nur im AT auf dem Überleben der Menschen liegt.

Zudem lernen wir im ersten Buch der Bibel eine tiefer liegende Begründung kennen, weshalb unser Gott so sichtbar gemacht werden muss in seiner Macht. Es soll dadurch das Wort von Gottes Gnade zu unserem Heil vor jeder denkbaren Verharmlosung geschützt werden. Gottes Gnade wird durch den desaströsen Flutnarrativ als echtes Wunder unterbaut. Alles Heil aus Gott entspringt seinem menschenliebenden Herzen und ist gerade nicht die Laune eines Götzen, der zu besänftigen wäre durch Opfer, oder Mammon, der auch nicht im Ringen um die Weltherrschaft theologische Rivalen durch das Ersaufen aller Erdbewohner bekämpft. Sondern Gottes Gnade ist Gottes pures Gedenken an die Arche, die Menschen darin, das Wild und die Tiere. Deshalb verdient die Flut Erinnerung, weil wir in ihr an Gottes Gnade gewiesen werden.

Und diese reine Gnade Gottes ist nicht nur die Vergangenheit der Welt, sie ist auch unsere Zukunft. Es wird, wie in der Vorzeit qua Flut, auch am Ende der Zeit und der Welt ein Gottesgericht daherkommen. Und auch da werden Noahs Kinder bewahrt, weil wir getauft sind, weil wir in der Sintflut des Taufwassers ersoffen durch Gottes Gnade aus dem Taufbecken herausgezogen und mit dem Kreuz Christi gesegnet wurden. So haben die ersten Christen Noah gedeutet und ihn sich angeeignet, denn wir sind auf Jesu Tod getauft (Röm 6,3). Damit die Gnade Gottes großgemacht werden kann, dazu wird die Flut so überbordend geschildert, unter der sogar die höchsten Berge dieser Welt verschwinden, damit aus den Fluten dann der Ort ersteigen kann, an die hin Gott seine Menschheit rettet, in der Flut der Berg Ararat, vorausschauend ein heimlicher Kalvarienberg wie der einstige Vorstadthügel Golgatha.

Die Gnade Gottes ist als Segen seit Noah bis heute in Kraft. Am Ende der Flut, gedanklich noch hoch oben am Ararat, steigt man als Zuhörer der Fluterzählung nämlich noch einmal höher hinauf. Wir gelangen in der Story bis in die Unmittelbarkeit der Gedanken des göttlichen Herzens und stehen vor Gottes eigenen Plänen und Gedanken, ja hören sogar Gottes eigene Worte. Diese Worte bleiben, die erzählerische Ausschmückung als Flut versinkt im Mythos der Kulturen und ist schwer akkurat historisch zu erhellen. Eine Arche war bisher nicht zu finden, das Sedimentgestein hütet seine Geheimnisse stumm, viele die Szenerie ausschmückende Gemälde in den Pinakotheken wollen wohl zur Tugend mahnen, erfreuen sich aber heimlich mehr der Dramatik als der Weisheit. Die netten Geschichten der Schriftsteller sind schön zu lesen.

Die Worte Gottes am Ende der Flut, die gelten. Gott hat sich während der Flut entschlossen, indem er der Archenmenschen gedachte, in jeder Zukunft die Menschheit unverbrüchlich und ohne jede weitere Naturkatastrophe zu begnadigen. Verhältnisbestimmungen wie „wenn … dann“ taugen hier nicht, zumal der Mensch noch nie zu einem konsequenten „dann“ als Antwort auf Gottes Anrede und Gebot als „wenn Du“ fähig war. Das liegt natürlich daran, dass der Mensch in seiner und ihrer angebliche Freiheit, nach der man im Paradies unter dem Schatten des Baumes des Lebens suchte, sich mit dem Essen vom Baum der Erkenntnis selbst einen Fluch aufgeladen hat, der in der Bibel mit der Metapher von der Mühe und dem Schweiß bei der Arbeit, mit dem Geburtsschmerz und dem Tod als Schicksal am Lebensende (vgl. Gen 3,16-19) umschrieben wird. Und just diesen Fluch, den der Mensch sich durch die angeblich gottgleich machende Tat in Eden zugezogen hat, den betrachtet Gott in seinem Herzen seit Noah als wirksam aufgehoben. Gott hebt das selbstverschuldete Schicksal des Menschen auf, obwohl er ihn kennt, der sich herzlich wenig bis gar nicht geändert hat, das ist die alleine zu bedenkende geistige Bedeutungsdimension des Ararat, unseres Berges heute.

Theoretisch könnte Gott uns mit täglich Sintfluten strafen, aber er entscheidet sich angesichts der allerersten und Gott sei Dank auch allerletzten Flut für seine bergende und verschonende Gnade, für den Segen und gegen die zweifellos gerechtfertigte perpetuierte Pest ungebundener, im Anspruch gottgleicher menschlicher Freiheit. Es sieht fast so aus, als würde Gott nachgeben angesichts der dauernden Sünde des Menschen. Tatsächlich musste sich unser Gott auf der Menschen andauernde Sündhaftigkeit einstellen. Gott schafft das durch Stabilität, die er verleiht, indem er der Welt ihren und uns unseren elementaren Rhythmus garantiert. Das verlässlich-beständig wechselnde Klima als Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter drückt Gottes unveränderliche Zuwendung zur Menschheit seit Noah aus. Woran freilich deutlich wird, was wir heute zu verspielen begonnen haben, wo diese Jahresszeiten sich einerseits weiter ins Extreme verschieben und zugleich zu verschwinden beginnen.

Verschwände darüber dann womöglich auch einmal die tragende Geduld Gottes? Die Bibel kann sich das nicht vorstellen. Wir Menschen könnten die Welt Gottes nicht endgültig zerstören, so sehr wir das auch fürchten sollten. Noch in der Sünde besteht die Ordnung, soweit sie von Gott ist, durch Gottes Gnade im Segen weiter. Darauf mögen wir uns verlassen. Darauf können wir bauen, wo wir in eine eigene Archen steigen müssen, die Gott uns von Zeit zu Zeit zu zimmern auffordert, damit wir unsere analogen und digitalen Fluten unversehrt überleben und als wir selbst wieder festen Boden unter den Füßen gewinnen. „Gott gedachte an Noah“, das ist der zentrale Satz der Sintfluterzählung der hebräischen Bibel. „Gott gedenkt Deiner“ ergänzt Jesus im Neuen Testament, weshalb er seinen Jüngern bis in unsere Zeiten hinauf die Taufe als Heilszeichen aufträgt, weswegen mancher Taufstein auch die Insignien der Arche trägt, um dem Wasser, das hier über dem Menschen ausgegossen wird, das Vorzeichen der reinen Gnade Gottes zu geben.

Amen.

Legende:
*1 Vgl. auch II Reg 19,37; Jer 51,27 als Name eines Landes.
*2 BERLITZ, CHARLES: The lost Ship of Noah. – in Search of the Ark at Ararat, 1981.
*3 HAARMANN; HARALD: Geschichte der Sintflut. Auf den Spuren der frühen Zivilisationen, 2003.
*4 HUB, ULRICH: An der Arche um Acht. Mit Illustrationen von Jörg Mühle, 2007.
*5 Vgl. zu den folgenden Einzelheiten GERHARD VON RAD, Das erste Buch Mose, ATD 2/4, Göt-tingen 1972, S. 95f.
*6 So jedenfalls die vermutete, angeblich jüngere Pentateuchquelle „Priesterschrift“. Nach dem „Jahwisten“, waren es 61 Tage.


Predigt über Mt 11,25-30

(gehalten am 21. 06. 2020)

Jesus sagt: Ich werde euch Ruhe verschaffen!
Jesus sagt: „Ich werde euch Ruhe verschaffen!“

Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Liebe Gemeinde,
wenn auch einiges im heutigen Predigttext auf den ersten Blick nicht sehr einfach zu verstehen sein mag, eines spricht mich sofort an, wenn ich es höre. Jesus sagt: „Ich werde euch Ruhe verschaffen!“ Dieser Satz klingt wohltuend und verheißungsvoll, vielleicht auch deshalb, weil wir gestresste und gehetzte Zeitgenossen irgendwie die Anziehungskraft eines ganz anderen Lebens spüren: ohne permanente Anstrengung, ohne ein Image aufrechtzuerhalten und sich und anderen etwas vorzuzeigen, womöglich vorzuspielen; ohne den geheimen Zwang, ständig groß & stark, beliebt & bedeutend und erfolgreich zu sein. Es ist die Aussicht, einmal in Ruhe gelassen werden, wo doch nur der in Ruhe gelassene Mensch in Ruhe ein gelassener Mensch werden .kann, wie es heißt ...

Und auch wenn genug Menschen derzeit unter Einsamkeit leiden, dem ständigen Lärm der Zeit zu entfliehen und zur Stille zu finden ist ein treuer Wunsch vieler Menschen, seitdem die Zeiten der Quarantäne und Beschränkungen sich zu häuten beginnen – auch solcher Menschen, die schon wissen, dass es ihnen unter normalen Umständen nicht gegeben sein wird, viel Selbständiges mit sich selbst zu veranstalten. Auch wer unter der aktuell auferlegten Einsamkeit im Altenheim leidet, sehnt sich nicht nur nach neuer Ablenkung, sondern – so meine Erfahrung aus den Gesprächen – nach tiefgehenden Begegnungen statt stumpfer Ablenkung. Nicht jede Bespassung, auf die wir gerade verzichten müssen – und falle sie auch unter die großen Rubriken „Kultur“ und „Unterhaltung“ – gehört mein Vermissen.

Bei vielen Menschen um uns herum ist es eher so, dass sie gleichzeitig die wirkliche Stille vermeiden, wo es geht, weil die einem durchaus auch Angst machen kann. Schon vor Jahrzehnten hat der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung diesen Zweispalt in einem Brief beschrieben: „Der Lärm gibt uns ein Sicherheitsgefühl, er schützt uns vor peinlichem Nachdenken, er zerstreut ängstliche Träume ... Die Stille würde den Menschen zum Nachdenken veranlassen, und es ist gar nicht auszudenken, was einem dann alles zum Bewusstsein käme. Die meisten Menschen fürchten die Stille, darum muss immer irgendetwas getan, muss gepfiffen, gesungen, gehustet oder gemurmelt werden. In der wohl nicht zu Unrecht so genannten Totenstille wird es uns unheimlich, was wir dabei aber am meisten fürchten, ist das, was aus unserem eigenen Inneren hervorkommen könnte: all das eben, was wir uns durch den Lärm vom Halse halten“.

Dass da wirklich etwas dran ist, bestätige ich gerne, nicht nur für all die Leute, bei denen selbst die Freizeit zum Stress wird, weil sie nicht mehr das beherrschen, was Hermann Hesse einmal die „Kunst des Müßiggangs“ genannt hat. Gerne auch für mich selbst, denn auch ich habe eine hilfreiche Hand gebraucht, die mich hinunter geleitet hat als den engen Turmtreppenstufen bis hin zu den Fragen, um die es in meinem Leben heute wirklich geht: wie will ich leben? Wie will ich lieben? Wie will ich arbeiten? Der Lärm der täglichen Selbstbeschäftigung ist gar nicht so leicht abzustellen, dies weiß ich selbst gut genug. Und ich bin ja doch wohl ein Musterbeispiel.

Denn mancher Mensch sieht ja sogar das religiöse Leben, sofern man es für sich überhaupt zu brauchen meint und pflegen will, als eine Leistung an. So vielleicht auch die Pharisäer und die Schriftgelehrten zurzeit Jesu, wie sie uns jedenfalls im Mt – historisch nicht stimmig, eher plakativ, abziehbildhaft überskizziert – beschrieben werden und unsere Phantasie zur Übersteigerung anregen. Diese vermeintlich Klugen und Weisen scheinen den Menschen einen Weg zu Gott zu versprechen, allerdings nur denen, die auch fähig sind, das mosaische Gesetz mit seinen 613 Einzelgeboten halten. Unter der Hand wird aus christlicher Sicht durchaus nicht ohne Neid im Blick auf die Pharisäer der Zeit Jesu suggeriert: wer es ernsthaft auch nur versucht, so gewissenhaft nicht nur in den eignen vier Wänden und am Feiertag, sondern auch im Alltag zu leben, dem bleibe nebenbei eigentlich gar keine Zeit mehr, auch mal ruhig und beschäftigungslos dazu sitzen. Die große Schar derjenigen, denen ihre Arbeit und ihr tägliches Leben es unmöglich machen, nach diesen vielen Vorschriften zu existieren, die sind, so scheint es, in den Augen der überfleissig Frommen letztlich doch wohl von Gott Verstoßene, sind religiöse Nullen, und man nennt sie „die Sünder“ und schaut auf sie herab.

Auch wir selber stehen womöglich ein wenig in der Gefahr, zu solchen Weisen und Klugen zu werden, dann nämlich, wenn wir meinen bestimmen zu sollen, wie andere leben; und wenn schon nicht das, so doch jedenfalls ganz genau wissen, wie Gott sein muss, sodass durch unsere Vorstellungen kein Platz dafür bleibt, dass die Menschen ebenso so anders sind, wie sie sind, und sogar Gott immer auch anders ist, als wir ihn oder sie oder es denken. Auch wer glaubt, dass es für ein religiöses Leben ausreicht, wenn wir uns die Leistung abringen, am Sonntag zum Gottesdienst zu gehen, und dass Gott uns diese schier übermenschliche Anstrengung bitteschön positiv anrechnen wird, der tickt letztlich so, oder? Schauen Sie doch mich an, ich tue ja nichts andres, als fromm sein zu sollen, und den Glauben und den Gottesdienst zu organisieren wie ein Pharisäer – was meinen Sie, wie‘s mir geht, wenn ich einmal keine Kirche besuche?

Aber ausgerechnet Jesus selbst stellt mir und uns die große Alternative zum religiösen Leistungsdenken vor Augen. Er ist der große Freund und Fürsprecher derer, die sich abmühen und plagen, die zusammenbrechen und scheitern, und die oftmals gar nicht mehr fähig sind, irgendwas zu leisten, geschweige denn etwas Vorzeigbares. Ein Freund der Ausgedörrten, der Vergeblichen, der Erschöpften, Überlasteten, zu Langsamen, Zittrigen, Unsicheren, Zweifelnden. Das ist das eigentliche Evangelium, die gute Nachricht für alle, auch für diejenigen, die das schlecht hören können, weil sie lieber nicht still sein wollen: In Jesus begegnest Du einem, der sich, ohne irgendeine Vorleistung zu verlangen, all denen zuwendet, die mit der Last ihres Lebens nicht mehr fertig werden. Und er blickt nicht hochmütig auf sie herab, sondern ruft ihnen in der Demut seines Wesens zu: Lauft nicht vor euch selbst und eurem Mangel davon, sondern kommt mit allem, was euch bedrückt, zu mir! Kommt zu mir, ich werde dafür sorgen, dass in jedem Fall der Notausgang offenbleibt. Und ich schenke euch die Ruhe des Herzens. Wer in meine Nähe kommt, kann wieder atmen, der kann seine Last abwerfen! Daran erkenne man die Botschaft Jesu, sie drückt nicht nieder, sie richtet auf, diejenigen zuerst, die das nicht für sich reklamieren, weil sie dazu nicht mehr in der Lage sind oder es noch nie waren.

Wie das geht, sich von Jesus für das eigene Leben etwas abzuschauen, das entdecken oft einfacher die einfachen Leute, die nicht in erster Linie oder gar ausschließlich mit dem Kopf arbeiten, sondern die mit ihrem Herzen sehen, so, wie zum Beispiel Kinder das noch können, bis Erwachsene und in ihrem Kielwasser dann auch die Kinder sich selbst irgendwann abgewöhnt haben. „Mach es“, so schreibt Franz von Sales, ein katholischer Heiliger, der mir oft genug eine Inspiration ist, „mach es so wie die kleinen Kinder: mit einer Hand halten sie sich an ihrem Vater fest und mit der anderen pflücken sie Erdbeeren oder Brombeeren am Waldrand. So halte du dich ebenso mit der einen Hand an deinem Vater im Himmel fest, während du mit der anderen Hand das sammelst, was du zum Leben brauchst. Wende dich Gott von Zeit zu Zeit zu, um zu sehen, ob es ihm recht ist, was du tust und wie du es machst! Und achte darauf, dass du seine Hand nicht zu lange loslässt nur weil du meinst, dann vielleicht mehr zusammenraffen und einsammeln zu können. Wenn du gewöhnliche Aufgaben und Beschäftigungen hast, die keine dringliche Aufmerksamkeit verlangen, dann solltest du mehr auf Gott schauen als auf die Aufgaben. Wenn die Aufgaben sehr wichtig sind und sie deine ganze Aufmerksamkeit beanspruchen, damit du sie gut erfüllen kannst, dann blicke wenigstens von Zeit zu Zeit auf zu Gott. Und sei sicher: so wird Gott mit dir arbeiten, in dir und für dich, und deine Arbeit wird dir zum Trost werden!“

Liebe Gemeinde, sich plagen und die Lasten des Alltags tragen ist Teil dessen, dass wir Menschen eben Menschen sind. Wir Menschen leiden auch oft genug, haben schnell manche Dinge über, wollen nicht mehr oder können nicht mehr oder ärgern uns, dass wir trotzdem müssen. Mensch sein heißt in christlicher, weil biblischer Sicht auch schwach sein und angewiesen sein auf Gott, heißt bisweilen sogar: völlig am Ende sein, von allen anderen guten Geistern verlassen. Aber vielleicht ist das ja manchmal gar nicht das Schlechteste, am Ende zu sein, wenn es um das Ende der eigenen Fahnenstange und der eigenen Möglichkeiten geht.

Denn gerade an einem solchen Ende könnte durchaus Gott uns schon erwarten, um etwas ganz Neues mit uns zu beginnen. Wenn wir also nur nicht meinen, nur, weil wir eine Last nicht mehr tragen können, wären wir für Gott ein Problem. Ganz im Gegenteil, Gott würde sich über uns mehr Sorgen machen, wenn wir dächten, immer alles im Griff zu haben. Unsere Ruhe finden wir deshalb nicht, wo wir es schaffen, uns zu beruhigen, und sei es mit extremen Mitteln. Sondern unsere Ruhe liegt dort, wo wir von uns absehen können, weil wir wissen, dass in Gott für uns noch eine Ruhe anderer Art breitet ist als die, die uns selbst schaffen mögen. Es ist diese Ruhe, in die Jesus uns führt. Es ist das Ausruhen auch von unseren eigenen Erwartungen und Sorgen. Und es ist unsere allmähliche Entfremdung von der Angst, es nie selbst zu erreichen. In der Ruhe Gottes wird diese Angst dann ganz abebben und im Sand verlaufen, tief unten auf dem Grund unserer Seele. Gott sei Dank.

Amen.


Predigt über Num 6,22-27

(gehalten am 07. 06. 2020)

Eine Kirche ist eine Kirche ist eine Kirche
"Aaron und seine Söhne"

Liebe Gemeinde,

ich weiß, welcher Teil des Gottesdienstes für mich der Wichtigste ist, für Sie kann ich nur Vermutungen anstellen. Auf manche Elemente müssen wir derzeit verzichten, weil sie den lautstarken Wechsel von Gemeinde und Liturg brauchen. Nicht verzichten möchte ich auf die Gebete und die Lieder, obwohl man das alles auch zuhause für sich sprechen und singen könnte. Wie ist es mit der Predigt, sei sie eingängig und begeisternd, einschläfernd und beruhigend? Auch sie ließe sich im Fernsehen prominenter besetzen. Für viele Menschen würde im Gottesdienst Wesentliches fehlen ohne den Segen! So ist es ganz passend, dass uns heute die Worte des Schluss-Segens zum Hören und Auslegen aufgegeben sind. Sie stehen in der Bibel im Alten Testament, und zwar im 4. Buch Mose Kapitel 6:

Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: „Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“ Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

So wie zur erzählten Zeit Moses und Aarons klingt es auch heute im Gottesdienst. Der Segen, der am Ende ausgesprochen wird, hat eine lange Geschichte! Seit womöglich bis zu drei Jahrtausenden wird mit diesen Worten die Gemeinde aus dem Gottesdienst in die Welt draußen vor der Tür gesendet. Wie vielen Menschen mag dieses Wort hier in diesem Gemäuer schon zugesprochen worden sein? Wie oft habe ich diese Worte in meinem Leben schon gehört? Und was verbinde ich als Pfarrer und Sprachrohr, dem der Segen aber genauso gilt und nötig ist, mit diesem Segen? Welche Gefühle tauchen da auf?

Montagvormittag in der Fachoberschule. Religionsunterricht der 12. Klasse. Die Schüler und Schülerinnen sind unruhig, weil heute eine schwere Arbeit ansteht. Das Thema bei uns: Ethische Fragen wie die nach dem Umgang mit Schuld in ausweglosen Situationen. Lernziel: Die Schülerinnen und Schüler begreifen, dass es Lebenslagen gibt, in denen man nicht schuldlos bleibt, sondern auch Verzeihung und Vergebung angewiesen ist. Ich habe zwar keine Mühe, mit dem Stoff durchzukommen, aber ich merke, die Schülerinnen und Schüler machen mehr oder weniger nur wegen mir mit, sie selbst hat das Thema nicht erfasst. Am Ende der Stunde das Ritual, das wir gleich zu Beginn des Schuljahres eingeübt haben. Jeder schreibt einen Zettel, auf dem er notiert, was heute beachtlich war. Die ersten sind schnell fertig, anderen fällt wenig ein. Einer der größten Unruhestifter heute sagt zu den Zögernden: Jetzt macht mal, danach kommt der Segen. Tatsächlich kehrt Ruhe ein. Alle hören zu, wie ich nach den sehr persönlichen Zetteln am Ende der Stunde einen Segen vorlese, der alle begleiten soll in den weiteren Tag und am Ende mit den Worten schließe: „Der Herr segne dich und behüte dich.“ Damit endet die Stunde. Der Segen ist freilich keine Zauberformel. Die gehetzten Schüler und Schülerinnen werden weiter unruhig bleiben. Der Segen ist keine Garantie für eine gute Leistung in der folgenden Schulaufgabe. Aber der Segen ist eine Unterbrechung des Alltäglichen im Schulgetriebe, das oft so vehement Einzug hält. Der Segen ist ein Atemholen. Ein Moment der Ewigkeit mitten in der Zeit. Das mögen die Schülerinnen und Schüler und spüren, dass es guttut. Danach gehen sie ruhiger.

Ich kann nicht schlafen. Ich fürchte mich nicht vor der Dunkelheit und dem Alleinsein, aber der Kopf kommt nicht zu Ruhe, viele Fragen drehen sich darin, wie es jetzt weitergeht. Irgendwann bin ich mit meinem Selbsterziehungs-Latein am Ende und setze mich auf. Aus einer inneren Eingebung heraus spreche ich den Kindersegen, den ich auswendig kann: „So wie meine Hand auf Deinem Kopf beschützt Dich Gottes Segen. So wie ein Mantel Dich umhüllt – warm und weich – umgibt Dich Gott auf allen Deinen Wegen. Nun schließe die Augen – und atme ruhig ein – denn Du sollst heut und morgen gut behütet sein!“ Es ist nicht mein Segen, den ich mir selber sage, es ist Gottes Segen, den mir zuzusprechen gerade niemand da ist.
Der Segen ist freilich kein Schlafmittel. Er hilft nicht automatisch für das, was ich gerne hätte. Der Segen hat meinem Herzen in diesem Moment vermittelt: du bist nicht allein. Du musst nicht verzweifeln, dir kann nichts geschehen. Es gibt es einen, der auf dich aufpasst.

Ich werde aus dem Klinikum angerufen, weil eine alte Frau gestorben ist. Sie liege noch in ihrem Hospiz-Bett, wo sie eingeschlafen ist, die Angehörigen sind bald alle da. Ob ich sie aussegnen darf, frage ich am Telefon und merke, wie die Krankenschwester durchatmet. Nur eine kleine Feier wird es, mit einer Kerze, Psalm 23, einem Lied von Paul Gerhardt, „Befiehl du deine Wege“. Ich lege der Toten die Hand auf den Kopf und spreche ihr den Segen des dreieinigen Gottes zu. Die Angehörigen weinen. Die Tränen waschen die erste Unordnung im Herzen durch, der Segen hilft, dass auch so etwas wie Zustimmung dazu möglich wird, dass es so ist, wie es ist. „Es ist gut jetzt“, wagt die Tochter zu sagen, ein erster friedlicher Gedanke nach all dem Chaos seit der eigentlich ja gar nicht so unerwarteten Nachricht.
Der Segen nimmt freilich die Trauer nicht weg. Die Tote bleibt tot und wird durch meine Worte nicht wieder lebendig. Die Trauernden müssen noch einen weiten Weg gehen, sie müssen alleine bis zur Beisetzung noch viele Tränen weinen. Der Segen hilft aber, loszulassen und einen Toten in größere und ewige Hände zu legen. Der Segen erinnert: Unser Anfang und unser Ende stehen unter Gottes Zusage der Endlosigkeit, der Ewigkeit.

Gesegnet werden muss guttun und tut gut. Bei der Trauung, der Taufe, der Konfirmation, im Gottesdienst. Segensworte stimmen aus sich heraus und tun gut. Worte und Gesten, die ins Herz sprechen. Manche kommen wegen des Schluss-Segens zum Gottesdienst. Ein persönlicher Segen, bei dem mir die Hand aufgelegt wird, wirkt auch im Innern berührend. Ich fühle den Frieden, den der Segen mir von Gott her verspricht. Noch lange spüre ich die Wirkung der Worte.

Das deutsche Wort Segnen kommt vom Lateinischen ‚signare‘, also bezeichnen. Wenn wir gesegnet werden, werden wir mit einem Zeichen versehen. Im Segnen wird Gottes Name auf uns gelegt, damit wir behütet sind. Wir werden mit Gottes Namen bekleidet und geimpft. Eltern zeichnen ihren Kindern ein Kreuz auf die Stirn: Es gibt niemanden neben Gott, der über dich verfügt, auch wir Eltern nicht oder dein Chef später oder deine Frau der die Schwiegermutter. Und nicht einmal deine Ängste werden das letzte Wort über dein Leben haben, nicht deine Schuld, noch nicht einmal der Tod. Das letzte Wort hat Christus, zu dem du durch Gottes Segen gehörst.

Auf Lateinisch heißt segnen ‚benedicere‘ und auf Griechisch „eulogein“, beides bedeutet gut sprechen. Wenn wir gesegnet werden, werden wir gut gesprochen. Alles, was uns ausmacht, alles Schöne und alles Schwere, kommt in einen inneren Raum, in dem Gott segnend zu uns sagt: es ist gut! Segnen meint nicht, etwas positiv zu nehmen, das nicht gut ist. Segnen ist kein „absegnen“ wider besseres Wissen oder wider Willen. Wo ich gesegnet, gut gesprochen werde, wird meine Person in ihrem Kern angesehen. Im Kern der Person sind wir Menschen in Gottes Augen gut. Auch wenn ich nicht einschlafen kann, gehe ich nicht in meiner inneren Unruhe auf. Die verstorbene Frau wechselt nicht ins namenlose Dunkel hinüber. Wir alle gehören zu Christus, der die Auferstehung und das Leben ist. Menschen, die gesegnet werden, werden gut gesprochen: so, wie sie sind. Du als Person wirst von Gott angesehen und geliebt.

Die Geschichte Gottes mit den Menschen ist eine Geschichte des Segens: Der biblische Schöpfungsbericht erzählt, wie Gott sogar die Welt, die im Lauf der Zeit entstanden ist, gut gesprochen hat. Gott sprach und es geschah, und Gott sah, dass es gut war - heißt es. Am sechsten Tag schafft Gott den Menschen und segnet Mann und Frau. Später segnet Gott Abraham, mit dem alles beginnen soll, was über den einzelnen Menschen hinausgeht, was später zu Nation und Volk wird. Nation und Volk tragen keinen Sinn und keine Bedeutung in sich vor Gott, sie haben dienenden Charakter, dafür werden sie gesegnet. Gottes Urteil vom Anfang von Welt und über Mensch und Gemeinschaft – es ist gut – wird von Gott immer weitergetragen, bis dahin, dass Gott auch uns segnet. Gleichzeitig wird der Segen bei uns wie bei Abraham, dem Vater unseres Glaubens, zum Auftrag: „Du sollst ein Segen sein.“ Deshalb spreche ich vor jedem Segen eine kurze Sendung, mit dem ich die Menschen an den Auftrag erinnere, bevor ich den Segen zusage.

Manchmal muss man um den Segen ringen. Das erfährt der nach Abraham bald folgende Stammvater Israels: Jakob. Kurz bevor er seinem Bruder Esau wieder begegnet, mit dem er sich zerstritten hat, ringt er mit einem ihm immer unheimlicher werdenden Gott eine ganze Nacht lang: „Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn!“ Und er nötigt Gott tatsächlich den Segen ab. Jesus schließlich erinnert uns daran, dass wir nicht nur die Lieben segnen sollen, nicht nur die Verwandten und Freunde, sondern auch die Verfolger und Feinde. In der Bergpredigt sagt Jesus: „Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.“ (Lk 6,27f) Jesus verlangt das, weil er weiß, dass der Segen Kraft hat. Segen verändert: aus Scham wird Vertrauen, aus Feindschaft kann Versöhnung entstehen! Segen verwandelt auch mich selbst, der segnet. Und diejenigen, die ich segne.

„Der Herr segne dich und behüte dich“ – mit Gottes Schutz beginnt es, Schutz vor Bösem und Gnade zu allem Guten. Der Segen schafft Ruhe in der Unruhe. Eine wohltuende Unterbrechung. Im Segen wird gut gesprochen, was zerbrechlich ist.
„Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig“. Wer sich unter den Segen Gottes stellt, der stellt sich unter das Wort, das von Gott ausgeht. Im Segen wendet Gott uns sein leuchtendes Angesicht zu. Es strahlt Liebe und Wärme aus, es zeugt von Gnade. Nach der Vorstellung des Alten Testamentes müsste sterben, wer Gott ins Gesicht sieht. Aber umgekehrt gilt das nicht. Wem Gott segnend sein Angesicht zuwendet, der wird erfüllt von Zuversicht. Du bist nicht allein. Auch nicht im finsteren Tal, dass dir im Leben manchmal bevorsteht.
„Der Herr erhebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden“. Friede, der größer ist als unsere Vernunft, ist das letzte Wort Gottes im Segen. Schalom, im Frieden sein, ausgesöhnt mit dem, wie ich bin, das will der Segen bewirken. Alle Tage eures Lebens versöhnt leben und ganz am Ende dieser Tage friedlich sterben können, dazu verhelfe euch der Segen Gottes.

Amen.


Predigt über Jer 31,31-34

(gehalten am 24. 05. 2020)

Eine Kirche ist eine Kirche ist eine Kirche
"Bündnisse schließen"

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Liebe Gemeinde,
das prägende Stichwort in diesem Text für den heutigen Sonntag heißt „neu“. Gott lässt durch den Propheten damals öffentlich ankündigen: Ich will einen „neuen“ Bund mit meinem Volk machen. Man mag denken, dass viele Menschen das gerne hören, „neu“ ist oft ein gutes Stichwort! Ich brauche nicht nur eine neue Brille, sondern auch ein oder besser zwei Paare neue Schuhe – an gebrauchte Ware ist da ja gar nicht zu denken –, dazu ein neuer Anzug, alles bekommt man ja in Starnberg, ich habe meine Geschäfte dafür. Mutige junge Familien bauen sich ein neues Haus, manche noch bevor sie heiraten. Im Beruf eine neue Stufe erklimmen; in der Ehe eine neue Perspektive gewinnen; im Glauben müde Gewordenes abwerfen, um ganz frisch die Kraft Gottes zu empfangen; als Kirchengemeinde medial neu anfangen und ab sofort viel mehr im Internet präsent sein, wo andere Menschen als die bisherigen Gottesdienstbesucher sich tummeln und die Videos am Sonntag von einer vielfachen Zahl angeklickt werden …

Doch inzwischen hat sich auch dies herumgesprochen: zum Ich-Tarif ist das Neue nicht zu haben. Und auch zum Nulltarif nicht. Die Geschichte hält genug Beispiele breit dafür, wie großspurige Neuheitsprojekte stürzten. In der französischen Revolution wurde mit großem Pathos Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit postuliert, die zehn-Tage-Woche eingeführt und der Kult des höchsten Wesens ausgerufen! Heute sind wir in Europa so nahe dran an der Verwirklichung jedenfalls der Maximen wie noch nie, aber zunächst war die neue Gesellschaft, die von Paris aus errichtet wurde, die blanke Diktatur, und dann die schnöde Restauration des Veralteten, woraufhin sich der Esprit in die Innerlichkeit der eigenen Wohnung und der Geist ins eigne Herz zurückzog. Bei uns haben sich viele Menschen im Westen nach der Wende 1989 das Neue erwartet, doch sind lange Zeit die Grundmuster des Denkens und Verstehens die alten geblieben. Die größere Freiheit für den Einzelnen war mehr als willkommen, der Umgang miteinander wurde kälter. Neu werden bleibt in Ost und West eine Aufgabe für den langen Atem.
Gott schließt mit seinem Volk den neuen Bund – wo wir dieses Bündnis auch auf uns beziehen dürfen (zuerst geht es ja um Israel, die erste und letzte Liebe Gottes als Volk), entbirgt unser Bibelabschnitt als Antwort auf die Hinsicht des Neuen drei verschiedene Aspekten. Zuerst: Gott spricht durch Prophetenmund von einem neuen Bund mit seinem Volk Israel. Nicht, dass der alte Bund von Gottes Seite aus unzulänglich gewesen wäre. Das Volk war nicht in der Lage, den eigenen Teil zu erfüllen. Wenn wir heute unser Verhältnis zu Gott aussprechen, ist von einem Bund kaum noch die Rede, nur selten wird die Taufe noch so bezeichnet, wie das alte Lieder tun.

In der Umgangssprache ist uns der Begriff eher geläufig. Wir leben in einer Bundesrepublik, zu der Bundespräsident, Bundestag, Bundeskanzlerin, der Bundesrat und ein Bundesverfassungsgericht gehören. Wer heiratet, schließt einen Bund fürs Leben, und viele haben die Spiele der Bundesliga erwartet. Dabei geht es um Zusammenschlüsse auf derselben Ebene derer, die sich verbinden. Auch wenn zwischen dem Meister am Ende der Saison und den Absteigern viele Plätze liegen, alle Teams waren doch Mannschaften in der einen Bundesliga. Auch wenn die Bundesorgane einer protokollarischen Hierarchie unterliegen, sie alle sind unsere Bundesrepublik.

Der Bund Gottes mit seinem Volk Israel schließen sich unterschiedliche Größen zusammen, dass man sich wundern muss, wie beide Seiten auf eine Ebene zueinander finden. Der Schöpfer aller Dinge neigt sich zu seinen Geschöpfen und will mit ihnen zusammengehören. De Geschöpfe sollen sich zu ihm strecken und seinen Bund in den Geboten bewahren. Als Gott sich am Berg Sinai mit Israel verbindet, erfährt das Volk Gottes eine besondere Gnade. Schon vorher hatte Gott Abraham seinen Segen mit Blick auf den Bund zugesagt. Schon davor hatte Gott mit Noah den Bund mit der Menschheit gegen zukünftige Weltfluten geschlossen. Das Volk Israel hatte die schon erste, und nun auch die erneute Zuneigung, von der Jeremia spricht, alles andere als verdient: „Den alten Bund haben sie gebrochen, obwohl Gott doch ihr Herr war“ (Jer 31,32). An einer anderen Stelle steht beim Propheten sogar: „Mein Volk tut eine zweifache Sünde. Mich, das lebendige Wasser verlassen sie und machen sich Brunnen, die doch kein Wasser geben" (2,13).

Gott nun freilich, statt sich zu denken wie er dieses Volk entbindet und sich von ihm lossagt, überlegt, wie er es Israel erleichtern kann, sich mit ihm erneut einzulassen und dieses Mal treu zu bleiben. Bisher musste man sich gegenseitig in Israel belehren, um Gott zu erkennen, in der größten Not übernahmen prophetische Gottesboten diese undankbare Aufgabe der Ermahnung und Warnung. Es sah oft so aus, als wäre Gott und der Bund mit ihm und das Gebot als Zeichen des Gehorsams eine strenge Autorität von außen, etwas, was dem Volk fremd blieb oder fremd wurde – so wie man sich in einer Wohnung einrichtet, die einem anderen Menschen gehört, der sie für sich möbliert hat, in der man für eine Zeit unterkommt und gerne lebt, sie aber irgendwie nicht zur eigenen Behausung machen kann.

Da alle bisherigen Versuche Gottes fehlgeschlagen sind, die Menschen – darunter auch die Frommen und Gutwilligen – zum freiwilligen Befolgen der Bundesregeln zu bewegen, greift Gott schließlich zum radikalen Gegenmittel gegen die menschliche Versagenslust. Gott geht aber nun nicht hin und macht uns darauf aufmerksam, dass unsere Mund-und-Nase-Bedeckung verrutscht ist, falsch sitzt, gereinigt gehört oder mutwillig gar nicht aufgesetzt wurde, und tadelt uns alleine schon durch diesen Hinweis in entblößender Weise. Sondern Gott will sein Gesetz in der Menschen Herz schreiben, damit es ihr Denken und Handeln bestimmt, ohne nur äußerlich zu bleiben und übergestülpt zu wirken. Damit die Menschen von sich aus tun, was richtig ist.

Für uns heute heißt das: Gott will uns mit seinem Geist erfüllen, damit wir seine Zuwendung zu uns Menschen überhaupt erst einmal erfassen können. Im Alten Testament war das Herz der Sitz der Ideen, Planungen und Gedanken – also das, was wir heute unser Gehirn nennen. Wir sprechen vom Herzen als wichtigsten Organ, weil die ganze Blutzirkulation in unserem Körper von diesem Muskel gesteuert wird. Wenn diese innere Schaltzentrale, die in jeder Sekunde unseres Lebens von der Geburt bis zum Tod oft zuverlässig funktioniert, von Gott erfüllt wird, dann können alle, vom Kleinsten bis zum Größten in jeder Situation erkennen, dass ein Gott ist, wer unser Gott ist, dass er in Jesus Mensch wurde, im Himmel seinen Thron hat, uns bei sich haben will …

Ein zweiter Aspekt nach dem Hinweis auf Gottes Diagnose, dass es einen neuen Bund braucht, der in des Menschen Herzen angesiedelt gehört: Gott verändert uns innerlich, damit das Herz seine neue Bestimmung leben kann. Heute meinen viele sachkundige Leute: wir brauchen in unserem Gemeinwesen eine neue innere Haltung! Die Fortschritte in der Medizin müssen ethisch reflektiert und aus dieser Verantwortung heraus verantwortet betrieben werden. Die Wissenschaft muss neue Wege finden, ihre Erkenntnisse zu vermitteln, damit Verschwörungstheorien austrocknen. Die Politik muss zu klaren Aussagen zurückfinden, wie sie unser Gemeinwesen verbessern will, damit sie ihr in der Krise zurecht erworbenes Vertrauen behält. Und in der Kirche brauchen wir neue Ideen, den Menschen das Evangelium von Gottes Gnadenbund so zu vermitteln, dass sie die Taufe für sich und ihre Kinder suchen, die Bibel auf ihre Botschaft für ihren eigenen Alltag hin durchlesen, das Gebet als wohltuenden Habitus neu erlernen, in den Familien sich gegenseitig konfirmieren und unter den Generationen aneinander Seelsorge üben …

Tote Punkte und abgestorbene Formen der Machtverteilung müssen bei schwierigen politischen Verhandlungen in Pattsituationen komplizierter Wahlergebnisse und Verteilung der politischen Funktionen und Stellvertretungen überwunden werden. Und auch in den Kirchgemeinden brauchen wir mehr als nur alte Bündnisse überkommener Angebote. Ich habe gelesen, die Rede vom toten Punkt stamme aus der Fortbewegungstechnik: wo Pleuelstange und Antriebskurbel eine gerade Linie bilden, spreche man von einem toten Punkt. Dort bewegt sich die Pleuelstange weder vor noch zurück. Aber der tote Punkt ist auch der Punkt, an dem sich die Bewegungsrichtung umkehrt und mit neuem Schwung in die andere Richtung fortsetzt, wenn neue Energie ins System kommt. So kann auch in einem Menschenleben, in einem Volk, in einer Gemeinschaft und einer Gemeinde ein toter Punkt zum Wendepunkt werden. Zu einer neuen Bewegung in eine neue Richtung. Und womöglich will Gott uns dazu verhelfen, wenn wir entdecken, dass wir an der Sackgassenwand stehen. Womöglich ist es dieser Punkt, an dem die Wende zum Guten eintritt, für die Gottes Geist uns vorbereiten will.

Das sagt dazu unser Predigttext: (1) Gottes Diagnose: es braucht einen neuen Anfang. (2) Unsere Einsicht: es gibt tote Punkte, die uns freilich neu ausrichten können, wenn sie überwunden werden, weil neue Energie aufgebracht wird. Beides kommt (3) zusammen, wo Gottes innere Erneuerung in uns in seiner Vergebung wirksam wird. Dass Gott vergibt ist lebensnotwendig. Gott kann ein Gesetz in unser Herz schreiben, wo es Herz aufnahmebereit ist. Da aber niemand sein Herz selbst entlasten kann, ist es nur gut, dass Gott dies für uns schafft. Indem er durch den Tod seines Sohnes einen Weg gefunden hat, die Menschen von aller Schuld zu befreien, der Gekreuzigte Christus ist ja die Vergebung in Person, sodass auch uns vergeben werden kann.

Und so deute und appliziere ich also unseren Predigttext: (1) Gott lässt uns erkennen, dass es einen neuen Anfang braucht. (2) Gott verändert uns von innen. Und (3) Gottes innere Erneuerung wirkt durch seine Vergebung. Das klingt als Programm nicht so leicht wie das schlichte „jetzt muss es wieder weitergehen, egal wie“, von dem heute immer wieder im Blick auf die Zeit nach Corona die Rede ist. Ich halte diesen Weg aber für zielgerichteter und am Ende sogar gangbarer, weil er als Weg vor uns liegt, der menschlich zu uns passt.
Es kommt heute nicht darauf an, mit neuen Forderungen, die uns nicht entsprechen, eine neue Runde der Anforderungen einzuläuten, an denen wir dann erneut krachend scheitern und auch den neuen Bund Gottes diskreditieren und unsere Taufe ad acta legen. Sondern es geht darum, durch Gottes Geist einen gangbaren Weg zu entdecken, der uns aus der Forderung an uns selbst herauslöst, uns neu zu erfinden, indem wir neu aus der Taufe kriechen, gerne jeden Morgen neu. Es geht um einen Bund, der uns mitnimmt, im Rahmen unserer Möglichkeiten dem zu entsprechen, was Gott in uns sieht, zu erkennen meint und uns aufträgt zu tun. Diesen Weg will Gottes Geist mit uns gehen. Gebe Gott, dass uns dieser Geist, den die Taufe über uns ausgegossen hat, erneut ergreift und auf den Weg bringt.

Amen.


Predigt über II Chr 5,2-14

(gehalten am 10. 04. 2020)

Eine Kirche ist eine Kirche ist eine Kirche
"Eine Kirche ist eine Kirche ist eine Kirche"

Liebe Gemeinde,

spät nachts dringen die Geräusche von den Arbeiten an der Bahn herüber, man kann die Güterwagen, die den ausgetauschten Gleisbettkies entladen und das warnende Signalhorn durch die geschlossenen Scheiben hören. Neben dem Schlafzimmer rauscht der Kirschbaum im Wind, von der Lindenallee her dröhnt gelegentlicher nächtlicher Autolärm. Die späte Putzkolonne säubert laut die Büros nebenan, das Pfarrhaus ist hellhörig.

Und auch hier in der Kirche gehen einem sonst die Ohren über. Stimmen zur Begrüßung, schnelle Sätze für letzte Klärungen, Hallo und Willkommen an der Tür, Bankgemurmel, Orgelmusikstücke, Glocken. Zwischenzeitlich war hier viel Ruhe und auch heute ist manches gedämpft. Unsere Kirche ist tagsüber oft und nachts immer ein Ort tiefer Stille. Im Gottesdienst ist sie Klangraum voller Schwingungen und Echos, Brechungen und Tonüberlagerungen. Das war sie, seit es sie gibt, beginnend mit dem ersten Gottesdienst, den ersten Gebeten, den ersten Liedern, den ersten Gesängen. Die Mauern dieses Raumes sind voll gesogen mit Klang und Laut, Musik, Ton. Das Gerede und der Gesang von Gottes Herrlichkeit und zu seiner größeren Ehre bröckeln hier manchmal regelrecht von den Wänden, die langsam die Frische ihres Anstrichs vor drei Jahren verlieren und Gebrauchsspuren durch den Gottesdienst wie eine edle Patina herzeigen.

Eine Kirche ist eine Kirche ist eine Kirche. Hier drinnen wird nie ein Wirtshaus sein, keine Wohnung für Menschen mit Geschmack für das außergewöhnliche Ambiente, keine Disko und keine Moschee. Dieser Raum wurde als Kirche geweiht und seitdem ist er Raum für den Dienst an unseren Gott. Dieser Ort umgibt den Altar für das heilige Abendmahl, hoffentlich bald wieder allen ohne Berührungsangst gereicht. Hier wartet der hölzerne Taufstock für die Heilige Taufe am übernächsten Sonntag auf den Mann, der in der Osternacht verzichten musste, dass wir feiern. Sie mag nicht die hübscheste sein, unsere Friedenskirche, oberbayerisch überladen ist sie jedenfalls nicht. Sie dokumentiert ihre gute Luft an den Spinnweben, zu weit oben, um sie immer schnell zu beseitigen. Gut, dass sie als Raum groß genug ist, um hier auch in Corona-Besetzung zu sitzen. Gerade jetzt ist diese Kirche eines der offenen Häuser Gottes in Starnberg, Raum für die aktuelle Erfahrung von Gottes ewiger Herrlichkeit, geöffnet für die Menschen, weil sie nicht zugeschlossen sein darf.

Lesung II Chr 5,2-14
Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des Herrn hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion. Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist. Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten. … und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den Herrn lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.

Der Tempel in Jerusalem bekommt in diesem alten Bericht des alttestamentlichen Chronisten sein Zentrum. Alles andere ist da, Altar, Kerzen, Öllampen, Opfergaben. Jetzt wird erzählt, dass die Lade hereingebracht wird, der Thron der Herrlichkeit Gottes, wie man sie theologisch deutete. Man sagte im damals geübten priesterlichen Jargon „Herrlichkeit Gottes“ und meinte natürlich Gott selbst, dessen Namen man immer scheuer wurde auszusprechen, um das erste Gebot in jedem Fall zu achten. Der Tempel, den Salomo errichtet hat, ist fertig, nun wird er eingeweiht. Aber nicht Menschen weihen Gott diesen Ort. Gott kommt in sein Haus und nimmt Platz. Erst dann ist das Haus zu dem geworden, was es beansprucht zu sein. Erst wenn jemand hereinkommt und dasitzt und man still oder wir alle gemeinsam Gottesdienst feiern, wird diese Friedenskirche zu dem Ort, der sie sein will und sein muss.

Der Platz Gottes kann neben den großen auch in kleinen Häusern, und ja auch im Kleinsten und im einsamsten Herzen sein. Unser Gott hat uns seine Größe als Niedrigkeit am Kreuz gelehrt, seitdem finden wir ihn garantiert auch anderswo als in Domen, der Natur oder der Ekstase. Im Alten Testament formulierte man es bildlichgegenständlich und betonte, dass Gottes Größe den Tempel allein mit dem Saum seines Gewandes völlig ausfüllt. Damals empfand man es als Herausforderung, Gott und diesen einen einzigen Tempel zu verknüpfen, als gäbe es keine anderen Orte als Jerusalem, um dort Gott und seiner Heiligkeit zu begegnen. Heute wissen wir, wo ein Kreuz steht, da ist auch Gott zugegen, und sei es am Wegrand oder im Vorgarten oder im Herrgottswinkel daheim. Immer wusste man, dass es unmöglich ist, Gott in einen Tempel zu sperren. Wir heute wissen, dass er Platz in jedem Herzen nimmt.

Schauen wir kurz zurück auf die Tempelszene aus der Ära des Königs Salomo. Alle sind da, fast so wie heute: die singenden Leviten Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, mit Zimbeln, Psaltern und Harfen – nichts davon wäre heute coronaverboten. Und bei ihnen einhundertundzwanzig Priester mit Trompeten, eine stattliche Zahl, noch größer als jeder Chor, den Frieder Lang bisher in unsere Kirche gebracht hat, um das „Jauchzet, frohlocket“ aus dem Weihnachtsoratorium mitzusingen. Das Ensemble damals singt: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, sie singen und eine wohltuende Ruhe kommt über mich. Das Leben besteht nicht aus Musik und Klang allein, sondern oft auch aus viel Lärm und Krach einer viel zu lauten Welt und aus mancher Stille, die man selbst wählt oder derzeit länger als gut tut aushalten muss. Natürlich wird kein epidemologisches Detailproblem durch einen Klang oder ein Lied wie das im Tempel gelöst. Und doch möchte ich am liebsten sofort mitsummen.

So sehr ich immer für Vielklang bin und unterschiedlichen Standpunkten Raum geben möchte, hier trägt mich die Einmütigkeit der Musik. „Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben“. Unisono. Einstimmig. Geht das heute nur allein? Oder ist der Weg hin zu dieser Erfahrung auch uns gemeinsam möglich, sodass wir am Ende sogar alle einstimmig Gott loben? Heute tun wir es so: eine singt und wir summen mit, wir üben die Einstimmigkeit auf diese Weise. Nachher wird Familie Lang uns durch ihr „Ich harrete des Herrn“ aus der 2. Symphonie von Mendelssohn zeigen, wie weit solche Einstimmigkeit zur höheren Ehre schon reichen kann, auch wenn man zweistimmig singt …

Und „als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte … da wurde das Haus des HERRN erfüllt mit einer Wolke …; die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.“ In den Breitleinwandfilmen meiner Fernsehkindheit hat man viel Rauch und Dampf bemüht, heute wird virtuell animiert, die Fülle der Herrlichkeit Gottes im Tempel zu zeigen. Man könnte es mit Worten beschreiben von einem Musiker mit dem zum Monat passenden Namen: „Schon wenn der erste Ton erklingt, beginnt der Raum zu atmen und zu leben, ist es wie ein Erschauern, wie ein Schweben, als ob ein Zauber uns bezwingt“ (Reinhard Mey). Wird aus diesem Klang dann mehr, so werden wir befreit aus dem Irrgarten unserer Gedanken. Die Schleusen und Schranken der Seele öffnen sich und wir werden Teil des Klanges.

Die Bibel erzählt von der großen Inszenierung des Klanges durch Salomo und alle Tempeldiener, der entsteht, als Gott im Tempel Platz nimmt. Als man diese enigmatische Szene dann niederschrieb, da wusste man schon, dass es ein einmaliger Klang gewesen war. Seitdem hat er sich auch nicht einmal wiederholt, nicht im Tempel, der mit Jerusalem zerstört, mickrig wiederaufgebaut, zurzeit Jesu zum x-ten Mal jahrelang umdekoriert, von den Römern final zerstört und bis heute nicht wieder erbaut wurde. Gott und Gottes Herrlichkeit habe sich zurückgezogen an andere Orte, sagte man, die heiligste Einwohnung im Tempel warte auf den neuen, erwartet den wahren Tempel, in dem sie Wohnung nimmt und sie will unser Herz im Geiststurm erobern.

Alle Dombauhütten haben unter diesem Anspruch gewirkt, alle Kirchen wurden mit dieser Idee in Betrieb genommen. Auch in der Friedenskirche hat es solche Szenen der musikalischen Darbringung mit den jeweils aktuellen Zimbeln, Harfen und Posaunen gegeben. Bei ihrer Einweihung am 28. August 1892. Bei ihrer Wiedereröffnung samt Umbenennung als Friedenskirche am 8. April 1979. Und heute, bei der Wiedergewinnung für den Gottesdienst am 10. Mai 2020, nach 48 Tagen ohne Sonntagsdienst, weit länger also, als es das Wort Quarantäne aus der italienischen Sprache mit seinem Bezug auf die 40 Tage der Fastenzeit vorgibt.

Ein einziger, reiner Ton reicht aus, um uns vor Ohren zu stellen, die ein Klang alle Klänge in sich trägt. Weil wir alle die älteste Erinnerung an diesen Ton in uns tragen. Sie ist zugleich die älteste Erinnerung an einen Klang überhaupt, aus einer Zeit, in der wir theoretisch keine Erinnerungen haben können. Was ist der Klang der Herrlichkeit Gottes anderes als das Abbild des Herzschlags der Mutter, mit dem wir in der Urflut unserer persönlichen Erschaffung das Bewusstsein unseres Lebens erlangt haben, bevor es Licht um uns wurde, weil wir auf die Welt kommen mussten? Den Klang Gottes im Schlagen des mütterlichen Herzens kennen wir aus einer Zeit, wo wir kein Du wussten, sondern eins waren. Unisono. Einmütig. Damals und dort hat unser Gott uns zuerst seine Herrlichkeit offenbart, der uns alle wie eine Mutter im Leib der Mutter geschaffen hat. Der Urklang unseres Lebens ist dieser Herzschlag, den wir gehört haben, ohne es zu wissen.

Postnatal erreicht uns Gottes Herrlichkeit nur vermischt mit äußeren menschlichen Tönen und Lauten. So wie wir Gottes Gnade postlapsarisch, vertrieben aus dem Paradies, nur am Kreuz ganz genau betrachten können, so hören wir von Gottes Herrlichkeit (auch außerhalb jeder Kirchenmauer und manchmal auch an ihrer Stelle) umso besser, wenn wir auf das Herz hören, das in einem Menschen schlägt. Auf unser eigenes und zugleich auf das des Menschen, der uns direkt am Herzen liegt. Und Gottes Herrlichkeit wird auch der letzte Klang unseres Lebens seit weit über die irdischen Tage hinaus. Am Ende werden wir ihn unmittelbar von Gott hören, Gott und seine Herrlichkeit sind dann nicht zu unterscheiden. Unisono.

Auf dem Weg vom ersten Herzschlag zum ewigen Klang der Herrlichkeit Gottes machen wir heute am Sonntag Kantate eine vermeintlich kurze, in Wahrheit aber epochale Station in der Starnberger Friedenskirche. Gut, dass wir das miteinander erleben. Gott sei Dank, dass der Ewige unsere Ohren heute dafür öffnet. Sagt es denen, die heute nicht gekommen sind, dass sie herkommen, um ihr eigenes Herz neu zu entdecken und von hier aus beherzt in die Zukunft zu starten. Sagt es allen, die ihre Kirchen noch nicht geöffnet haben. Wir leben in einer Zeit, durch die wir lernen mussten, dass wir viel verwundbarer sind, als fast alle unter uns glaubten. In der wir aber auch begreifen können, dass Gott diese Verwundbarkeit dadurch behebt, dass er sie teilt, weil wir ihm am Herzen liegen, und er zu unserer Hilfe und Heilung in Jesus Mensch wurde.

Amen.


Predigt über Lk 9,57-62

(gehalten am 15. 03. 2020)

Zu Hause bleiben
Zu Hause bleiben und Abstand halten

Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.
Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!
Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Liebe Gemeinde,
bei diesen Jesusworten wird auch denen Angst und Bange, die etwas mit Jesus anfangen können und seine Geschichten nicht für schlicht überholt halten. Wir leben heute und fühlen momentan ganz anders, als Jesus es hier verlangt. Wir leben in beunruhigenden Zeiten, in denen Irrationalität und Panik keine großen Auslöser brauchen, in denen mehr nach Toilettenpapier und Desinfektionsmitteln gehetzt wird als nach der Wahrheit über das eigene, oft schon ein wenig immobil gewordene Leben an Rande oder mitten drin in der Corona-Krise.

Grundsätzlich wissen wir die Gemütlichkeit unserer vier Wände immer noch mehr zu schätzen als den Aufbruch ins Ungewisse, den Jesus hier zu propagieren scheint, wenngleich wir uns derzeit auch jetzt schon ein wenig daheim eingesperrt fühlen, sei es in häuslicher Quarantäne oder im home office. Wir halten die Friedenskirche offen und nutzen sie in Zeiten wie diesen für Menschen, die Zuflucht suchen und versuchen so dem Glauben und der Unsicherheit und der Sorge ein Obdach zu geben. Wir finden ja durchaus, dass unsere Gemeinschaft ins Dorf gehört und dort bleiben soll, wo sie heute steht. Jesus dagegen warnt den Nachfolgewilligen, der mit ihm leben will: mein Geschick teilen heißt, Heimatlosigkeit auf sich nehmen …

Wir haben Freunde und Verwandte, sie sind Teil unseres Lebens. Mit ihnen verbinden sich unsere Sorgen und wir wollen ab und an mit ihnen feiern. Und wir brauchen sie derzeit vielleicht sogar mehr denn je, wenngleich wir zögern, sie zu besuchen oder sie zu uns einzuladen, damit nicht noch mehr Reisen und Ansteckung nötig werden, da wir hören, dass Opa und Oma, Großmutter und Großvater derzeit nicht so recht enkeltauglich sind. Jesus dagegen sagt zu denen, die mit ihm gehen wollen: wer Rücksicht nimmt auf seine verwandtschaftlichen Bindungen, der ist nicht frei für Gott …
Und schließlich ist da dann auch noch das harte Wort, mit dem ich als Pfarrer – und vielleicht ist das tatsächlich durchaus ein wenig feige, wie es hinter meinem Rücken einmal vorgeworfen wurde, um aus Neid mich zu kränken – bisher niemandem konfrontiert habe, mit dem ich eine Beerdigung wie die am Montag zu planen hatte: „Lass die Toten ihre Toten begraben du aber gehe hin und verkündige das Reich Gottes!" Stattdessen gehe ich morgen um 13 Uhr auf den Friedhof und ans Grab und kann hoffentlich mit dafür sorgen, dass die Tote würdig beigesetzt wird und der Abschied von ihr einen Erinnerungsort auf dem Acker Gottes bekommt. Aber anscheinend verliere ich dadurch meinen Jesus, der mir im Evangelium sagt, dass mein Gang ein Irrweg ist …

Nun gibt es natürlich viele Versuche, dieses Jesus und diese Worte im Evangelium zu bagatellisieren. Man hört, dass der schroffe Ernst der Nachfolge, von dem Jesus hier spricht, gar nicht für alle Christen gelte, Jesus meine nur besonders Berufene, die sich so wie er heimatlos und bindungslos auf den Weg machen sollen. Das wären dann Menschen wie in die Einsamkeit auswandernde Mönche und Nonnen oder solche Einzelgestalten wie Antonius von Padua oder Franziskus von Assisi oder Mutter Teresa von Kalkutta. Lange und mit gutem Grund wurde diese Auslegung in der römischen Schwesterkirche hochgehalten. Die Reformatoren fanden sie dagegen deshalb abwegig, weil sie zu wenig von der allgemeinen Christengemeinde erwartet und das Volk vorschnell entschuldigt, dass seinen Hirten hohe Maßstäbe setzt und sie selbst gerne unterläuft. Wer in einer Ethik in Stufen denkt, wer also beispielsweise sagt, dass die Pfarrer bessere Christen sein müssten als alle anderen (die es leider nur nicht sind), denkt konsequent dann oft so weiter: Für alle anderen gelten eher die milden Jesusworte wie das „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken" (Mt 11,28).

Es hat in der ältesten Jesusgemeinde tatsächlich zwei Gruppen gegeben, die sich in der Radikalität ihres Lebens stark unterschieden haben: da waren ein paar wenige Wanderprediger, die wirklich ohne Beutel und Tasche durchs Land zogen, nie länger als drei Tage irgendwo zu Gast blieben, allein von der Güte Gottes lebten und sein kommendes Reich ohne Wenn und Aber predigten. Nur gab es da immer auch die anderen, die diese manchmal recht großmäuligen und großspurigen Verkünder aufgenommen und bewirtet haben. Auch Jesus selbst ist ja bei solchen zu Gast gewesen, die Haus, Hof und Familie behielten. Auch der radikale Prophet muss essen und ausruhen und übernachten, und auch ein Radikalinsky konnte am Ende des Tages schlecht die verdammen, die ihm etwas zum Lebensunterhalt gaben, aber eben nicht wie er aufgebrochen waren, sondern Familie und Haus behalten haben, um sie zugleich in den Dienst seiner Sache zu stellen und immer auszuhelfen, wo Not an Mann oder Frau war …

Unter den Christen heute gibt es vermutlich kaum noch jemanden, der alle Bindungen um des Reiches Gottes willen abgebrochen hat. Ich jedenfalls bin kein konsequenter und kompromissloser Flammenwerfer des Rufs in die ungezähmte Nachfolge. Im Duktus der damaligen Zeit wäre ich allenfalls ein Sympathisant, womöglich sogar nur ein Mitläufer. Trotzdem haben sich viele in der Gemeinde daran gewöhnt, zu unterscheiden zwischen solchen, die eben irgendwie besonders berufen sind, die die Sache Gottes also zu ihrem Beruf gemacht haben und Pfarrer wurden, und den anderen - den meisten - die wohlwollend unterstützen, aber nicht aus ihren Bindungen an Haus, Familie und Besitz aufbrechen. Und so stehe ich als Pfarrer in jedem Fall auf der anderen Seite: den einen nicht radikal genug, die es mit dem biblischen Jesus halten und meine berufliche Sicherheit kritisieren; den anderen eine problematische Existenz alleine schon deshalb, weil der Pfarrer es ja eigentlich doch ganz ernst mit der Kirche und dem Glauben nehmen muss, ernster jedenfalls als ein normaler Mensch, der mitten im Leben steht.

Da ich nun sowieso zwischen den Stühlen sitze, fasse ich mir heute ein Herz und betrachte mit Ihnen diese drei kurzen, schwerwiegenden Wortwechsel Jesu mit drei uns heute ganz unbekannten jungen Männern seiner Zeit auch im Blick auf unsere gegenwärtige Situation. Alle drei Gespräche Jesu gehen offen aus, wir hören nicht, wie die Gesprächspartner von damals reagieren, ob sie überredet zustimmen oder dankend ablehnen. Und das wird deshalb nicht berichtet, weil der Leser damals und der Hörer heute gefragt ist, für den jeweiligen jungen Mann die Antwort zu geben: Und du? Was tust Du jetzt, wo Jesus das so deutlich sagt?

Und so sind auch wir heute gefragt. Was tun wir angesichts des Stillstands unserer Gesellschaft, die sich duckt, um unter der Ansteckung mit dem Corona-Virus hindurch zu tauchen? Die starr dasteht und damit das versucht, was sie nachweislich am Schlechtesten kann: einmal Ruhe geben, häuslich werden, die eigenen Kinder selbst betreuen, daheim arbeiten, nicht in Hamsterpanik verfallen, hoffen, dass es am Montag wieder Hefe und Nudeln zu kaufen gibt und der Gasthof in der Au auch dann noch für ein Mittagessen offen hat …

„Ich will dir folgen, wo du hingehst!" Der erste, den Jesus konfrontiert, ist ein Begeisterter, ein ‚die-hard-fan‘, würden die Amerikaner sagen, einer, der sogar zu Auswärtsspielen mitreist, auf jeden Fall eine Dauerkarte hat und sich lauthals zu seinem Idol bekennt. Er war damals gewiss fasziniert von einem Jesus, der frei scheint von allen Bindungen (und vielleicht auch Verpflichtungen), der um sich diesen Geruch von Weite und Unabhängigkeit und Freiheit verbreitet, die heute erst wieder die Werbung für Zigaretten formuliert und in Kamel- und Pferdebilder gesetzt hat. Spontan gibt der damals so Begeisterte Jesus gegenüber eine Blanko- Bereitschaftserklärung ab: „Ich komme mit, wo du auch hingehst!" Lass uns gemeinsam in den Sonnenuntergang reiten, Kumpel! Nur dass Jesus diese Begeisterung nicht goutiert.

Jesus weist den an von Freiheit und Weite berauschten Fan darauf hin, welchen Preis diese Freiheit am Abend des Tages dann hat, wenn die Romantik dem Abstreifen der durchgelaufenen Sandalen von den schmerzenden Füßen weicht: „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester. Der Menschensohn aber hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen könnte“. Wer bei Gott seine wahre Heimat sucht, dem wird sehr wohl als erstes einmal die ganze Welt zur Heimat. Aber ein festes Zuhause, ein Nest, hat er dann nicht mehr. Die Freiheit mit Jesus wird folglich immer mit Verzicht erkauft. Es geht hier ums Loslassen können vieler bunter Dinge, die das Leben so angenehm, aber eben auf gewisse Weise auch unfrei machen.

Ich deute diese Freiheit heute zudem auf die Ewigkeit hin, auf die sie Jesus damals vielleicht gar nicht bezogen hat. Ich finde, auch hier ist Jesu Wort sprechend. Es geht darum, zu der Zeit, die Gott uns gesetzt hat, dann auch in den Himmel aufbrechen zu können. Ja dazu zu sagen, dass es mich nicht mehr auf dieser Welt gibt. Schaffen sie das? Ich hoffte, ich könnte es, ganz sicher bin ich mir nie. Und ich erlebe viele Menschen, die sich auf dem Sterbebett schwer damit tun loszulassen. Denen ich viel mehr von der Freiheit zur Ewigkeit wünschen möchte, soviel jedenfalls, dass sie erleben, dass wir am Ende nichts mehr festhalten müssen, wo wir doch zu Gott und in sein himmlisches Reich aufbrechen, in dem wir schon erwartet werden …

Die Wärme der eigenen Behaglichkeit wirst du verlassen müssen, wenn du die herrliche Freiheit der Kinder Gottes erleben willst – das mutet Jesus dem Begeisterten zu. Kann es sein, dass Jesus das heute auch mir sagt, dass hier mein wunder Punkt ist, an dem mein Leben stehengeblieben ist, wo ich schon seit Jahren auf der Stelle trete? Wo ich zögere, den nächsten Schritt zu gehen, der schon lange dran ist? Wo ich im Alltag oder im Bisherigen feststecke, weil ich mir so viel Begeisterung und Kompromisslosigkeit einfach nicht mehr zutraue?

Und Jesus redet einen zweiten an, solange der erste noch zögert und vermutlich kneift: „Folge du mir nach!" Der nun hat wirklich etwas Schwerwiegendes einzuwenden, was doch Gewicht hat und zählen sollte, wenn das Leben mit Jesus etwas mit Pietät zu tun hat: „Erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe." Das ist ja nun wahrlich keine schlechte Ausrede, es ist fromme und auch heute noch Kindespflicht, wie weit auch immer man sich von den Eltern emotional entfernt hat. Aber wer so mit Jesus argumentiert und sich auf familiäre Moral beruft, der bekommt von Jesus sehr schroff zu hören: „Lass die Toten ihre Toten begraben - du aber gehe hin und verkünde das Reich Gottes!"

Es geht für mich hier nicht konkret um die Praxis der Bestattung, die Jesus in Frage stellt. Der junge Mann, so übertrage ich Jesu Anliegen und weite es aus, er scheut vielmehr die Ablösung, besonders die von seinen Eltern und findet so nie seinen eigenen Lebensweg. Er schiebt die fromme Rücksicht auf andere vor, gegen die man schlecht etwas einwenden kann. Und dazu sagt dann Jesus: Hör endlich auf mit der Klage über Menschen, die dich angeblich daran hindern zu tun, was du als deinen Weg erkannt hast! Schieb nichts anderes vor, wenn du dein eigenes größtes Hindernis bist, sondern schau bei dir hin, wo du dir selbst am meisten im Weg stehst. Wo ich für mich eigentlich schon weiß, dass ich Mut haben sollte aber mich vor den Konsequenzen echter Entscheidungen drücke …

Schließlich bittet ein Dritter: „Ich will dir nachfolgen, aber erlaube mir zuvor, dass ich einen Abschied nehme von denen, die in meinem Hause wohnen." Wenn wir in unserem Leben einen neuen Weg einschlagen, dann bleibt Abschiednehmen niemandem erspart. Jeder kennt seinen eigenen Trennungsschmerz, jede und jeder von uns hat eine eigene Herzkammer dafür. Aber man kann so und so Abschied nehmen: mit dem Blick auf das Neue, das vor einem liegt, oder mit dem Argusblick zurück, der uns hindert, das Neue auch zu wagen. Jesus sagt: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht tauglich für das Reich Gottes.“ Wer sich nur im Rückspiegel orientiert, fährt zwar geradeaus, aber übersieht die Kurven, die zu nehmen sind. Wer beim Pflügen zurückschaut, der zieht Furchen krummer als ein Rattenschwanz. Kann es sein, dass Jesus das auch mir sagt, dass ich endlich aufhören soll mit dem Herumgeeiere? Dass ist aufhören soll, mich von der Vergangenheit bestimmen und definieren zu lassen, wenn ich die Zukunft meistern will? Dass ich mich mutig bekennen sollte zu dem, was ich wirklich will, weil es mir eine wahre Herzensangelegenheit ist?

Liebe Gemeinde, diese Aufforderungen Jesu zur kompromisslosen Nachfolge sind nicht nur an ein paar Besondere und eigens Begnadete unter den Christen gerichtet. Entscheidend ist nicht, ob wir uns zu den radikalen Evangelischen zählen oder zu den Gemäßigten oder zu den Zufälligen, die bei der eigenen Taufe ja noch nicht mitreden konnten, ob sie evangelisch oder normal werden. Entscheidend ist, ob wir uns heute von Jesus bewegen lassen. Denn man spürt es einem Menschen sehr wohl ab, ob er nur von sich selbst bewegt ist, oder ob er bewegt ist von etwas Größerem, von Gott, von einer Idee oder gar von einem Menschen, dem er nachfolgen will. Mit dem ich in das Reich Gottes aufbrechen möchte. Dem ich zutraue, mich zum Glück zu führen. Dem ich zumute, mich bis ans Ende zu begleiten.

Menschen, die sich von Jesus bewegen lassen, soll man angeblich daran erkennen, dass sie lebendiger und ein wenig verantwortlicher agieren als andere - wie schwingende Saiten auf einem Instrument, die andere Saiten zum Mitschwingen anregen und die einen Klang erzeugen wollen. So gebe Gott, dass uns sein Wort und Jesu Beispiel so im Herzen berührt, dass wir unsere Aufgabe erkennen, als Einzelne – wie als Gemeinde – ernst zu machen damit, dass es in der Nachfolge viele Gründe gibt, nachzufragen und es genau wissen zu wollen, dass darin aber auch eines Tages der Punkt kommt, wo es darum geht, zu entscheiden und es zu wagen. Und wenn für uns dieser Tag gekommen ist, dann gebe Gott uns die Kraft, nicht unseren Vorstellungen vom behaglichen und durch alle möglichen Konventionen gesicherten Leben zu folgen, sondern Jesus Christus und seinem Weg der Liebe.
Amen.


Predigt über Lk 18,31-43

(gehalten am 23.2.2020)

Hauptsache gesund

Liebe Gemeinde,

„Hauptsache gesund!“ – diese Worte sind mir vertraut, ich höre sie als Pfarrer oft. Wenn ein Kind geboren wird und es unterwegs nicht ohne Komplikationen zuging, dann aber das neue Leben auf der Welt ist. Oder am Geburtstag, etwa an einem 60., 70. oder 80. – gerade an solchen Tagen, an denen es angeblich gar kein Problem darstellt, älter zu werden. Dann heißt es häufig „Hauptsache gesund!“ Zweifelsohne ist das gesund sein schön, wem es gegeben und behalten wurde. Weiterhin viele körperliche Möglichkeiten zur Bewegung zu haben, das ist erfreulich. Tanzen und springen zu können, laufen und turnen, Farben sehen und Melodien hören, Angenehmes riechen und Gutes schmecken können, wer wollte das denn nicht immer gut können? Davon nur Abstriche machen und nicht ganz verzichten müssen, ist ja schon viel.

Niemand wünscht sich jemals irgendwelche Einschränkungen seines Lebens. Jede und jeder weiß, dass es nicht selbstverständlich ist, stets gesund und munter zu sein, und beklagt es dann doch, wenn‘s bei einem selbst anders kommt, wenn die Hauptsache der Gesundheit abhandenkommt. Doch wie hört sich dieser Satz „Hauptsache gesund“ an für jene, die für ihr eigenes Empfinden ganz und gar nicht mehr gesund sind und es womöglich noch nie waren? Wie fühlt man sich, wenn man chronisch krank ist, wenn man zu den Behinderten gezählt wird oder eben alt geworden ist und nicht mehr gesünder werden wird, sondern zum Ende hin einfach die Tage verbringt, die mir noch zugemessen sind, wer weiß schon wie viele?

Wenn man also nicht gesund ist, fehlt dann die Hauptsache? In unseren Krankenhäusern werden Patientinnen und Patienten nach der besten verfügbaren Kraft und den vor Ort möglichen Regeln der Heilkunst behandelt. Nicht immer will sich dann große Besserung oder ganze Gesundheit einstellen. Gar nicht so wenige haben ein Abo aufs Krankenhaus. Viele Menschen müssen ohne die „Hauptsache“ der Gesundheit leben, nicht nur, weil sie alt sind. Dabei geht es den meisten von uns gut, auch im Alter und auch noch mit den Beeinträchtigungen, die wir haben, gut genug, um sagen zu können „gesund genug“. Und manchmal sagen wir auch: es geht mir dem Alter entsprechend, und können es sagen, ohne darüber traurig zu werden.

Als junger Pfarrer in Würzburg habe ich insbesondere unter jungen Menschen auch anderes erlebt. Von drei jungen Menschen mag ich Ihnen heute erzählen. Holger etwa, er saß damals schon im Rollstuhl. Sieht schlecht und kann nicht lesen. Doch er war unverzichtbar im Gottesdienst, konnte alle Kirchenlieder auswendig und sang mit seiner kraftvollen und fröhlichen Stimme: „Lasset uns mit Jesus ziehen …“ Die junge Frau Magdalena M. hingegen war etwas älter und ernsthafter. Mit großer Aufmerksamkeit folgte sie dem Gottesdienst. Das Vaterunser betete sie laut mit und ausgesprochen langsam. So bekam jeder Satz des Gebetes eine besondere Bedeutung, wie jeder Satz im Vaterunser eine besondere Bedeutung hat, die Sätze sind ja gewichtig. Die junge Frau M. war blind, sie hat durch die besondere Betonung der Worte kommuniziert, ohne darüber laut werden zu müssen. Und der Ludwig schließlich saß oft sehr verkrampft da, er hatte es nie bequem mit seinen krummen Beinen. Er konnte nicht singen und auch nicht sprechen. Aber er konnte eines richtig gut: er konnte lachen. Und das tat er von Herzensgrund. Jedes Mal, wenn sich unsere Blicke trafen, strahlte er und schenkte mir etwas von seiner großen Lebensfreude. Wie nun hätten diese drei jungen, auf ihre Weise – von außen betrachtet: grundlos – lebensfrohen Menschen den Satz „Hauptsache gesund“ gehört? Sie hätten mir niemals zugestimmt, wenn ich doziert hätte, dass ihnen die Hauptsache fehlt, wenn sie die Frage überhaupt verstanden hätten. Sondern hätten sich und vielleicht auch mich gefragt, welche Laus mir wohl über die Leber gelaufen ist, wo ich sonst doch eigentlich auch so fröhlich bin wie sie, wenn ich so falsche Fragen stelle …

Aber nicht wenige Menschen denken tatsächlich so: wem es schlecht geht, wer Leid tragen muss, der muss ja nun wirklich schlimm dran sein. Wer aber so denkt, der sagt letztlich über Menschen wie Dich und uns: bedauernswerte Geschöpfe sind das, die Alten, Kranken und Sterbenden. Auch über mich wird so gedacht, dass mein Beruf doch recht schwer sein muss, wo ich doch immer mit Alten, Kranken und Sterbenden zu tun habe. Dabei machen es einem die Alten, die Kranken und die Sterbenden bei weitem nicht so schwer, fröhlich Pfarrer zu sein wie die anderen, die mit Alten, Kranken und Sterbenden überhaupt nicht umgehen können;  und auch mit sich selbst nicht, wenn sie selbst einmal alt und krank und sterbend sein werden.

Interessanterweise hört man das mit der vermeintlichen oder realen Schwere im Leben eher von Menschen, die wenig mit Menschen wie meinem Holger, der jungen Frau M. und Ludwig zu tun haben. Wer hingegen mit Menschen wie ihnen vertraut wird, dem öffnen sich die Augen: Trotz aller Mühen und Beschwernisse, trotz aller Hilfsbedürftigkeit ist hier Leben in Fülle. Trotz aller Einschränkungen und Hemmnisse ist hier oft Lebensfreude pur. Und so wie mit Holger, Frau M. und Ludwig geht es mir, ehrlich gesagt, auch mit Ihnen. Jede und jeder einzelne hier ist eine Bereicherung für das eigene Leben und für das Leben in diesem Haus und für mich. Jede und jeder, der sich verabschiedet und geht, wenn die Zeit erfüllt ist, fehlt mir.

Was auch immer die Hauptsache für das menschliche Leben ist, Gesundheit oder Glück oder Geld, diese Hauptsache ist nur auf den ersten Blick identisch mit körperlicher oder seelischer Unversehrtheit. Vielmehr ist die Hauptsache im Leben nicht die Abwesenheit von Leid und Elend, sondern dass wir nicht vorschnell Leid und Elend zuschreiben, nur weil ein anderes Leben anders läuft, als wir es kennen und als viele es für normal halten. Leid und Elend verbergen sich in den allermeisten normalen Leben ja nur und wir bekommen sie dort selten zu Gesicht, wir sollen das Leid und das Elend bei den Menschen ja auch in der Regel gar nicht sehen.

Er [Jesus] nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen. Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war.

So sind die Jünger Jesu und so sind insgesamt die Menschen oft, sie können mit der Rede von Leid und Tod nichts anfangen, sie verstehen nicht, was wir damit meinen. Dabei haben wir hier die deutlichste Ankündigung dessen vor uns, was in seiner Passionszeit mit Jesus passieren wird. Wir werfen heute einen Blick in die Zukunft, sieben Wochen voraus. Es ist fast schon eine Ankündigung der Gefangennahme, Verurteilung und Kreuzigung, was Jesus den Jüngern hier zu sagen versucht, was auf ihn zukommt: „überantwortet werden“, „verspottet und misshandelt und angespien werden“, „geißeln und töten“. Wer von Ostern zurückschaut, dem gehen die Augen über. Wer ohne den Blick von Ostern auf die Passion schaut, der versteht es nicht.

Aber es tut nichts zur Sache, ob andere Menschen es verstehen, entscheidend ist, was wir begreifen und zu verstehen versuchen. Bedeutsam ist, dass wir erkennen, dass der Weg Jesu ins Leid kein Weg des Scheiterns ist, sondern ein Weg klaren Blickes zu Gott. Freilich wird dann das, was nach Jesu Tod kommt, auch für uns mühsam verstehbar: „und am dritten Tage wird er auferstehen“. Wir kennen diese biblische Überlieferung, haben Geschichten dazu im Ohr, aber es entzieht sich doch unserem Begreifen. So wie es sich dem Verstehen der Menschen entzieht, wenn wir über Alte, Kranke und Sterbende sagen, dass sie getrost leben können. Niemand konnte uns bisher von dieser Zukunft berichten, wir gehen in sie hinein im Glauben, in der Hoffnung, und in der Liebe, dort die wiederzusehen, die uns dorthin vorausgegangen sind.

Liebe Gemeinde, es braucht eine neue Naivität, so in die Zukunft zu blicken. So wie es eine neue Naivität braucht, um das Leben in einem Haus wie diesem getrost so zu nehmen, wie es jeden Tag heraufdämmert, anklopft und erscheint. Der Verstand begreift das nicht. Wer das Leben nur nach dem Verstand organisiert, kommt hier nicht weiter. Für den scheint aber auch das Leben, das wir hier im Haus führen, manchmal schwer erträglich, viel schwerer als für die, die es hier tatsächlich leben.

Diese neue Naivität, der ich das Wort rede, auch im Blick auf Leid und Schmerz und das Leben überhaupt, die lernt man in einem Haus wie diesem besser als anderswo. Hier kann man sich korrigieren lassen in der Hauptsache. Hier begreift man, es heißt nicht: „Hauptsache gesund“, sondern Hauptsache fröhlich und getrost in Gesundheit und Krankheit. Fröhlich, weil nach allem Leid und Elend noch etwas kommt, was wir mit Verstandesmitteln jetzt noch gar nicht richtig beschreiben können. Aber es kommt. Das Leben hinter jedem Leid und Elend. Getrost, weil es am Ende auch alle die verstehen werden, die heute noch in uns und in einem Haus wie diesem nur etwas sehen, worum sie am liebsten einen großen Bogen machen. Schade, sie könnten hier etwas fürs Leben lernen.

Amen.


Predigt über Ez 2,1-5; 3,1-3

(gehalten am 16.2.2020)

Propheten sind Künder der Wahrheit Gottes mit Haut und Haar

Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: »So spricht Gott der Herr!« Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist …

Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.

Liebe Gemeinde,

die Propheten sind Künder der Wahrheit Gottes mit Haut und Haar. Da muss Jesaja einmal drei Jahre lang nackt umhergehen, um die Botschaft Gottes nicht nur weiterzusagen, sondern zu verkörpern, dass Israel ein Volk ist, das dem Kaiser gleicht, der nichts anhat, dem das nur niemand zu sagen wagt außer ein Kind, das dann den Bann bricht. So soll der Prophet den Bann brechen durch eine Tat, die wir für uns im intimen Bereich verorten, den wir nur dem wichtigsten Menschen der Welt zeigen, und ansonsten darüber schmunzeln, von wo aus in Starnberg man alles klare Einblicke in nackte Tatsachen von Seebad-Saunalandschaften erhält.

Der Prophet Ezechiel muss eine Schriftrolle essen, die Innen und Außen mit heftigen Unheilsworten beschrieben ist. Diese Worte, die Israels Untergang vorhersagen, beschreiben und begründen, folgen dann im Buch des Propheten kapitellang. Die Pointe der prophetischen Zeichenhandlung – so nennt die Fachwelt diese Sprachereignisse samit Prophetentaten – ihre Pointe liegt darin, dass Ezechiel feststellt: diese Unheilsrolle „war in meinem Munde so süß wie Honig“ (3,3). Dieser Prophet soll also schon bei seiner Berufung (die wir hier vor uns haben) als erster Hörer der Worte die schwere Kost verinnerlichen, die er im Auftrag Gottes dem widerspenstigen Volk sagen soll. Als Prophet und Prediger muss man sich mit der Botschaft und Predigt mit Haut und Haar, Mund und Zähnen identifizieren. Man muss meinen, was man sagt, und wenn man dann sagt, was man meint, kann man durch Gottes Geist überzeugen. Das ist die Aufgabe der Prediger, die sich über die Jahrtausende gar nicht geändert hat als Anspruch an die Weitergabe des Wortes Gottes. Vor einer Predigt isst man reichlich Wort in sich hinein.

Der Prophet folgt der Weisung Gottes aufs Wort. Er isst die Schriftrolle und verdaut sie. Die aufgetragenen Worte werden ihm – trotz bitteren Inhalts – süß. Das ist die wichtigste Nachricht von Ezechiel an uns: Für den, der auf Gott und sein Wort hört (2,2b), der es sich wirklich zu Herzen nimmt, wird auch Bitteres süß. Wie auch sonst in der alten jüdischen Schriftauslegung belegt das Essen der Schriftrolle hier erneut, dass ein Mensch, bevor er im Namen Gottes redet, zunächst besser selbst das Wort Gottes in das Innerste aufnimmt (vgl. Ps 40,9).

Nachdem unser Sonntag heute in all seinen Texten, Liedern und Gebeten darauf abzielt, unseren menschlichen Umgang mit dem göttlichen Wort ansprechen, hat die Predigt heute auch die bitteren Seiten der Bibel des Glaubens anzusehen, die mir auf Anhieb oder auch beim wiederholten Hören und Lesen schwer verdaulich sind. Die uns allen miteinander nicht schmecken oder die wir als faul empfinden. Die Stellen der Bibel, die eine mit den Jahren eingeübte oder aus Kindertagen erhaltene Glaubenssicherheit in Frage stellen. Der Prophet Ezechiel als erster Hörer der bittere Worte Gottes seiner Zeit findet einen Weg, diese Worte zu hören und zu schlucken und zu verdauen und sie so in sich aufzunehmen, dass sie süß werden können.

Zu beneiden ist er dennoch nicht, der Prophet. Seit ein paar Jahren ist Ezechiel in die Fremde verschleppt, lebt fern der Heimat. Zusammen mit anderen Israeliten der ehemaligen obersten Führungsriege befindet er sich in Babylonien, zwangsweise umgesiedelt vom Heer, das seine Heimat militärisch besiegt hat und nun die Oberschicht in einem Genozid auslöscht. Nur die Intelligenz wird weggeführt, das reicht, die Kultur des Volkes zu vernichten, so kalkulieren die Sieger. Entsprechend düster ist die Stimmung unter denen. Exilanten jeder Zeit stellen die Schuldfrage. Sie werfen sich vor, versagt zu haben, weil sie davongekommen sind, während es so viele nicht geschafft haben. Sie sind im Exil am Leben, unverdient! Sie jammern nicht über das Unglück. Noch wissen diese Exilierten freilich nicht, dass erst die halbe Katastrophe über Israel hereingebrochen ist. In Kürze wird in einer zweiten Welle auch der Tempel in zerborstene Trümmer fallen, Israel als Staat für lange Zeit ganz von der Landkarte verschwinden.

Es gäbe unter den Deportierten ja solche, die durchaus Anteile von Schuld bei sich erkennen könnten. Freilich sind gerade sie schnell zur Hand mit Äußerungen wie der, dass sie überhaupt keine Ahnung haben, wie es so weit kommen konnte, und die gerne von sich als „Opfer“ deklamieren. Gerade diejenigen, die sich auf ihre eigene politische Kraft verlassen haben – und nicht auf Gott, die proben in der Zeit des Ez im Exil den moralischen Aufstand. Gerade von ihnen, denen man das Unglück zur Last legen könnte, tönt es wehleidig: „Sicher können wir bald nach Jerusalem zurück. Der Tempel fehlt uns so sehr. Gott wird sorgen, dass uns nichts geschieht.“ Das sagen zurzeit des Ez sehnsüchtig gerade diejenigen, die sich gegen Gott aufgelehnt haben und die trotzdem ihre eigene Schuld nicht erkennen. Und genau zu denen soll der Prophet sprechen. Zu Menschen, die sowieso schon wissen, wo es langgeht. Die sich aber auch gar nichts sagen lassen. Denen soll er im Namen Gottes die nächste schlimme Nachricht verkünden: „Euer geliebtes Jerusalem wird fallen. Der Tempel wird zerstört werden. Es wird noch lange dauern, bis ihr wieder nach Hause könnt. Und dort wird alles ganz anders sein, als ihr es jetzt kennt.“ Und mitten in ihr staunendes Schweigen hinein soll der Prophet der Botschaft dann noch die Krone aufsetzen, die er den maulenden Hörern bisher noch gar nicht unter die Nase gerieben hat: „Das alles kommt, weil ihr es verdient. So will es euer Gott. Denn ihr habt Schuld auf euch geladen“.

So ist das Wort Gottes auch, es konfrontiert. Nicht immer sind es Konfirmationssprüche wie der des verstorbenen Gemeindeglieds, den wir am Donnerstag verabschiedet haben: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“, wo es dann darum ging, dankbar dafür zu bleiben, wieviel gute Frucht er im Leben durch Gottes Gnade brachte. Heute konfrontiert das Wort Gottes, wie es das an Sonntagen offensichtlich hin und wieder ganz gerne tut. Dann ist es besonders schwer zu hören, heute nicht, nächsten Sonntag auch nicht, das sage ich schon voraus. Was meint Gottes Wort, wie soll Ez das schaffen? „Keine Angst und fürchte dich nicht“, spricht Gott. „Die Israeliten sind tatsächlich total verhärtet. Sie widersprechen, wo sie nur können. Du wirst sie durch deine Worte vermutlich nicht weich bekommen. Das ist klar“, bestätigt er seinen Propheten. „Ich will nur, dass du überhaupt mit ihnen sprichst. Sie sollen meinen Willen hören. Niemand soll später mal sagen können: Wir haben’s ja nicht gewusst.“

Was Gott von Propheten erwartet, ist oft eine harte Kost. Unheilspropheten wie Ez sind durch ihre Berufung zu Schwerem auserwählt. Niemand übernimmt so ein Amt von sich aus und füllt es immer nur gerne mit Leben. Viele, eigentlich alle Ankündigungen Gottes sind schwer verdaulich. Vor allem, wenn sie darauf zielen, dass wir uns ändern sollen. Dass wir unsere vermeintliche Sicherheit in den Wind schießen und alle vermeintliche Gewissheit fahren lassen müssen. Was Ez zu sagen hat, ist bitter für alle! Ausgerechnet er soll diese Botschaft überbringen? Sie werden ihn dafür hassen. Kaum einer der Propheten hat sich die Predigt der im aufgetragenen Unheilsbotschaft zugetraut. Jona ist gleich ganz vor Gott geflohen. Jeremia wollte sich herausreden, er sei zu jung. Jesaja widersprach dem Auftrag aufgrund belegter eigener Eignung qua Sünde. Sogar Mose fand eine bezeichnende Ausrede und behauptete, er sei zum Sprechen – und sei es ein stupendes Widerholen von Gottes Worten – eigentlich viel zu dumm. Mit einem „Ich traue mir das nicht zu“ ist Ez in guter Gesellschaft. Auch mit allen, die heute meinen, die Verkündigung des Wortes Gottes sei eine ihnen nicht zuzumutende Mutprobe. Die das Bekenntnis des eigenen Glaubens schon vor Freunden oder in der Familie für eine Zumutung höchsten Grades halten, wo sie doch eigentlich ein Evangelium zu bezeugen haben und keine Strafe für die ewige Sünde.

Auch Ez braucht nicht gleich anzufangen mit der Unheilspredigt. Zuerst kommt etwas Anderes: „Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde“ (2,8b). Ezechiel schaut eine Hand. Die hält eine Schriftrolle. Ezechiel sieht, dass beide Seiten dieser Rolle beschriftet sind. Und er kann sogar einige Worte entziffern: „Klage. Ach. Weh.“ Damit ist Ezechiel klar, worum es sich handelt: In dieser Rolle steht das, was er seinen Leuten sagen soll. Das, was ihm so schwer fällt zu sagen. Wer überbringt schon gern solche Botschaften? „Klage. Ach. Weh.“ Und diese Rolle nun soll Ez essen. Er zögert. Dreimal fordert Gott ihn auf. Ez schluckt sie, ohne dass ihm ein Bissen im Hals steckenbleibt. Er behält alles bei sich. Klage, Ach und Weh werden ein Teil von ihm. Zwischen Ezechiel und der Botschaft Gottes kann nun nicht mehr unterschieden werden. Was an Worten künftig mal aus seinem Mund kommen wird, stammt von Gott. Aber bis dahin wird noch etwas Zeit vergehen. Ezechiel wird Klage, Ach und Weh erstmal gründlich verdauen. Er wird schweigen, sich sammeln, zuhören, bevor er dann später vor die Israeliten treten wird.

Klage, Ach und Weh – auch das kommt von Gott. Aber gerade weil es von Gott kommt, ist es nicht Gottes letztes Wort. Durch das Unheil hindurch wird es gut weitergehen. Während Ez noch so denkt und isst, werden ihm Klage, Ach und Weh auf der Zunge süß wie Honig. Bitteres wird süß bei Gott. Für jüdische Kinder gibt es seit dem Mittelalter einen darauf bezogenen Brauch. Er erinnert an Ezechiels Honigschmecken. Die Kinder, die den Brauch ausüben, sind dann in dem Alter, in dem sie anfangen, Lesen zu lernen. Sie erhalten kleine Schiefertafeln. Auf ihnen stehen Anfang und Ende des hebräischen Alphabets. Die Lehrerin liest den Kindern die vier ersten Buchstaben laut vor: Aleph, Beth, Gimmel, Daleth. Die Kinder sprechen nach. Es folgen die letzten vier Buchstaben des hebräischen Alphabets. Wiederum sprechen die kleinen Kinder nach. Dann beträufelt die Lehrerin die Buchstaben auf der Tafel der Kinder mit Honig. Die Kinder lecken den Honig von den Buchstaben. So schmecken sie, wie süß die Buchstaben sind. Daheim gibt es dann Kuchen in Form von Buchstaben, aus Mehl, Honig, Öl und Milch. Dieser alte jüdische Brauch erinnert an Ez und zudem an ein Wort aus Ps 119: „Dein Wort ist in meinem Mund süßer als Honig“ (119,103), dessen Vertonung wir noch als Lied singen.

Liebe Gemeinde, lernen ist manchmal bitter. Manchmal so bitter wie das Leben selbst. Auch Gottes Wort erscheint manchmal bitter. Doch es wartet auf uns der süße Geschmack von Honig auf der Zunge, wenn wir es tatsächlich in uns aufnehmen und beginnen zu verdauen. Und auch, wenn ich an etwas schwer zu schlucken habe – es besteht bei Gottes Wort die Hoffnung, dass es süß wird. Heute bekommen die Kinder zur Einschulung ihre überbordenden Schultüten. Vielleicht ist das auch ein säkularer Versuch, ihnen das Lernen zu versüßen, das ihnen manchmal mühsam sein wird, bis sie erleben, wie sie richtig lernen, um wirklich fürs Leben zu üben.

Wie gehe ich mit Dingen um, die mir schwer verdaulich sind? Die mir nicht schmecken oder die ich bitter finde? Wie bewältige ich Umstände, an denen ich sehr zu schlucken habe? Ich begegne dann und wann Menschen, die mir klarmachen, wie schwer das Leben sein kann. Gerade in Familien wird mir davon erzählt, wenn es um Kinder oder Geschwister geht. Man liebt sie, möchte, dass ihnen nichts Böses widerfährt. Aber es gibt genug Krisen, Streit, schmerzhaftes Wegbleiben und harte Wortwechsel. So ist das Leben in den Familien viel zu oft bitter.

Gestern noch hat mir eine weltkluge Frau und liebe Freundin von ihrem Leid mit dem Bruder erzählt, der sich derzeit allen durch Vernunft geleiteten Vorschlägen entzieht, die jetzt helfen sollen, um das Erbe der Mutter zu regeln. Wie ist das mit dem Satz vom Honig hier? Bitteres wird süß bei Gott?! Nach einer Weile im Gespräch denke ich dann: Auch der Bruder ist ein Geschöpf Gottes. Ich weiß nicht genau, was Gott Dir damit geben will, dass er Dir diesen Bruder zumutet hat. Aber ich glaube, dass es auch im Leben mit dem Bruder – im Bild gesprochen – Süßes zu finden gibt. Sicherlich nicht jeden Tag. Vieleicht insgesamt zu selten. Aber einmal doch noch! Den Honig im Leben und im Leben ihres Bruders kann nur sie selbst entdecken. Als Pfarrer, der auch Ez kennt und darüber predigen soll, kann ich ihr nur sagen: es gibt diesen Honig. Und es gibt ihn für jeden und für jede von uns, liebe Gemeinde, denen Gottes Wort schon einmal im Gottesdienst auf den Kopf zugesagt oder in einer Taufe, Konfirmation, Trauung oder Segnung für die Ewigkeit ans Herz gelegt wurde.

Und wenn ich als Kind nicht mit Honig beim Lesen lernen erfahren habe, wie Anstrengendes süß werden kann? Oder wenn ich in der Gemeinde nicht derart bepredigt wurde, dass ich mir das Wort Gottes hätte zu Herzen nehmen können? Und wenn ich als Erwachsener einfach niemanden finde, der mir zuhört, der mich versteht, der mich berät, mir weiterhilft? Dem Propheten Ezechiel hat eine Schriftrolle geholfen, die hat er gegessen und gut verdaut. Heute helfen kluge Bücher von Geistlichen, die eine einfache Sprache finden wie Pater Anselm Grün. Es helfen Artikel in Zeitungen wie im Sonntagsblatt, Es helfen Briefe, in denen Menschen aufschreiben, was ihnen in der Krise geholfen hat. Es hilft eine kurze Nachricht, dass man so bald wie möglich miteinander reden kann. Es hilft vielleicht sogar der Anruf auf der Notfallnummer, auf die hin der Pfarrer so schnell wie möglich vorbeikommt und Zeit hat.

Allen diesen Versuchen gemeinsam ist die Wahrhaftigkeit ihres Bemühens, die es auch im Gespräch zu wahren gilt: Schritt für Schritt das Bittere verdauen. Nichts beschönigen. Wenn Sie gerade kein solches Buch zur Hand haben, dann lesen Sie doch einmal das Buch des Propheten Ez. Es ist 48 Kapitel lang, man sollte sich dafür Zeit nehmen. Man kann es nicht an einem Abend verschlingen. Und dann werden Sie selber schmecken: Bitteres wird süß bei Gott. Der Prophet verkündigt Israel Klage, Ach und Weh. An ihrem Verhalten ändert sich dennoch nichts. Dann werden Jerusalem und vor allem der Tempel dort tatsächlich zerstört. Diese Nachricht dringt auch ins entfernte Babylonien durch, wo inzwischen noch viel mehr aus Israel hin verschleppt wurden. Klage, Ach und Weh sind wirklich geworden. Unübersehbar, spürbar für alle.

Wenn Sie so weit gekommen sind im Buch Ez, dann werden sie merken: es ändert sich die Aufgabe des Ezechiel. Nun bekommt der Prophet von Gott einen neuen Auftrag: Er soll die zerschlagenen Menschen aufrichten, ihnen zu neuem Glauben verhelfen. Er soll verzweifelte Menschen trösten, sie auf die neue, gute Zukunft nach der Katastrophe vorbereiten, die für sie anbrechen wird. Auf eine Zukunft, in der das Leben weitergehen wird. Mit einem neuen Tempel. Mit einem Gott, der die Menschen nach wie vor liebt. Der in Israel noch lange nicht am Ende ist mit seinen guten Gedanken. Der am Ende sogar den Tod zunichtemachen wird. Der uns ein neues Herz verspricht, weil er weiß, dass unsere menschlichen Herzen dabei sind, älter und am Ende alt zu werden. Dessen Wort dazu hilft, dass uns auch Bitteres süß wird.

Amen.


Predigt über Mt 20,1-16

(gehalten am 9.2.2020)

Hans ist acht Jahre alt und Hans braucht Geld

Liebe Gemeinde,

Hans ist acht Jahre alt und Hans braucht Geld, 6,50 €. Er möchte sich etwas dafür kaufen. Verdienen kann er noch nichts. Bitte sagen mag er nicht. Da fällt ihm etwas ein. Er schreibt seiner Mutter eine Rechnung: Für das Anziehen der kleinen Schwester 1,50 €, für das Aufpassen 2 €, fürs Einkaufen 3 €. Macht zusammen 6,50 €. Vor dem Mittagessen legt er die Rechnung heimlich unter den Teller der Mutter. Sie findet den Zettel. Sie liest ihn. Sie schaut Hans an. Sie sagt kein Wort und legt den Zettel in die Kommode. Hans weiß gar nicht, was er davon halten soll. Er ist ganz aufgeregt. Am Abend liegen unter seinem Teller zwei kleine Briefe. In dem ersten Brief sind 6,50 €. In dem anderen Brief liegt ein Zettel: Rechnung von der Mutter: Für Essen und Trinken 0,00 €, fürs Waschen, Plätten und Flicken der Sachen 0,00 €, für die Pflege bei Krankheit 0,00 €, für Erziehung 0,00 €. Fürs Liebhaben 0,00 €. Macht zusammen 0,00 €. Als Hans das liest, wird er sehr nachdenklich. Leise steht er auf und geht in die Küche. Leise legt er das Geld auf den Küchentisch. Dann geht er schnell wieder hinaus.(1)

Diese kleine Geschichte, die ich gerne Vorschulkindern und auch in der Grundschule vorlese, kann verdeutlichen, worum es in dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg geht. Der Maßstab Gottes ist, wessen wir bedürfen, nicht was wir verdienen. Das sollen alle bekommen. Der kleine Hans rechnet wie die Arbeiter, die am Ende eines langen Arbeitstages vorm Verwalter des Weinbergs in der Lohnschlange stehen und auf die Auszahlung ihres teilweise sehr mühevoll erarbeiteten Tagesverdiensts warten. Auch Hans – wie jedes Kind und jeder Mensch – möchte, dass seine Arbeit gerecht bewertet wird. Zunächst versucht er, den Wert seiner kleinen Tätigkeiten (vermutlich alle im Auftrag der Mutter) selbst abzuschätzen. Auch die Arbeiter im Weinberg schuften um gerechten Lohn. Der Silbergroschen ist damals der Mindestlohn, den man gebraucht hat, um Essen für den nächsten Tag zu kaufen, etwas Brot und ein wenig Wein. Der Weinbergbesitzer ist kein Sozialunternehmer, er kalkuliert genau und zahlt nicht mehr als er muss. Aber er zahlt eben auch nicht weniger, als sozial nötig ist.

Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter anzuwerben für seinen Weinberg. Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere auf dem Markt müßig stehen und sprach

zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere stehen und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand angeworben. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.

Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. Da kamen, die um die elfte Stunde angeworben waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen. Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeder seinen Silbergroschen. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und  die Hitze getragen haben. Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?

So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

Die, die den ganzen Tag im Weinberg – eine schwere Arbeit damals wie heute – gearbeitet haben, wissen, was als Tageslohn vereinbart ist. Viel ist es nicht, aber es reicht zum Überleben. Sie haben gearbeitet mit der Überzeugung, dass ihr versprochener Lohn nach den damaligen Maßstäben für einen Tag als Lebensunterhalt ausreicht. Für eine Familie, hätten sie eine, würde es schon knapp mit dem Silbergroschen und dem Mindestlohn. Dass sie mehr als das bekommen, bleibt ein Traum, den ihnen damals niemand erfüllt hat, der Arbeitskräfte jeweils für einen Tag gemietet hat, weil sie zusätzlich zum Stammpersonal in der Erntezeit nötig sind.

Alle anderen Arbeiter im Weinberg, die nicht den ganzen Tag Arbeit hatten, mussten darauf hoffen, mit ihrem Bruchteil vom Tageslohn wenigstens genug für eine Abendmahlzeit zu bekommen, damit es bis zum nächsten Morgen reicht. Es gab damals neben dem Silbergroschen schon auch noch kleinere Münzen, die jeweils ein Viertel eines Silbergroschen wert waren. Womöglich sind diese Arbeiter schon hungrig ans Werk gegangen, wenn es gestern auch nur ein kurzer Arbeitstag mit einem Lohn weniger als ein Silbergroschen für sie war. Für diese Arbeiter ist der Tageslohn ein unerwartetes Geschenk. Für den Weinbergbesitzer ist es die Verpflichtung, die er für die Arbeiter übernimmt, wenn er Menschen ohne Lohn und Brot auch noch unter Tags anstellt, und wenn er sozial denkt und handelt.

Sowohl im Gleichnis als auch in der Geschichte von Hans und seiner Mutter nimmt die abendliche Lohnauszahlungserwartung für alle Arbeiter und für Hans eine überraschende Wendung. Die Mutter zählt ihre Leistungen genauso auf wie Hans, sie kommt freilich in der Summe zu einem ganz anderen Ergebnis. Denn sie rechnet nicht auf, was sie verdient hätte, egal ob Hans das bezahlen kann. Sie will ihn nicht beschämen mit seiner Unkenntnis, was sie alles für ihn tut. Deshalb berechnet sie nicht, sie verschenkt im Ergebnis unterm Strich das, was sie getan hat. Und auch der Weinbergbesitzer entlohnt nicht nur nach Leistung, sondern er gibt jedem der Arbeiter so viel, dass es heute zum Leben reicht. Er beschenkt einige, damit sie genug haben, um durch den nächsten Tag zu kommen. Ihm ist es wichtig, dass es allen morgen nicht schlechter geht als heute. Das erkennt er als seine Verantwortung für die Arbeiter.

Dass die Mutter ihre Arbeit verschenkt, überhaupt die Leistungen von Frauen und allen Eltern sind derart bedeutsam, auch unser so reiches Gemeinwesen könnte sie gar nicht vollständig entlohnen. Warum aber verletzt der Weinbergbesitzer mit seiner Art der Lohnauszahlung das Gerechtigkeitsempfinden, damals und heute? Ist es wirklich ungerecht, dass alle, egal wie lange sie gearbeitet haben, den gleichen Lohn erhalten? Wenn es doch der Mindestlohn ist?

Wenn ich dieses Gleichnis in der Oberstufe im Religionsunterricht durchnehme, dann beginnt sofort die Diskussion, wie man die Ungerechtigkeit in der Geschichte beseitigen kann. Die Schülerinnen und Schüler spielen gedanklich durch, dass sich die Arbeiterinnen und Arbeiter zusammenschließen, eine Sprecherin oder einen Sprecher wählen, die oder der für sie und ihre Rechte eintritt, damit doch noch alle zu einem auch für die lange Arbeitenden gerechten Lohn kommen. Wer dabei dann spielerisch und gedanklich in die Rolle des Weinbergbesitzers schlüpft, hat eine schwierige Aufgabe. Den ersten Arbeitern klar zu machen, dass ihnen kein Unrecht geschieht, sondern sie den vereinbarten Lohn bekommen, freilich auch nicht mehr als den Mindestlohn, ist nicht leicht, weil der Vergleich mit den anderen Arbeitern immer wieder zuschnappt. Und wenn ich in der Sicherungsphase des Unterrichts nachfrage, welche Überschrift dieses Gleichnis bekommen könnte, höre  ich oft  den Vorschlag „vom ungerechten Lohn“ oder gar den Titel „vom ungerechten Weinbergbesitzer“. Die Auszahlungsart des Weinbergbesitzers passt nicht zu unserer Vorstellung von Gerechtigkeit, von menschlicher Gerechtigkeit, von Bezahlung nach Leistung. Deshalb ist es schwer, den jungen Menschen etwas davon näherzubringen, was das Gleichnis vom Weinbergbesitzer über unseren Gott aussagt.

Was gerecht und was ungerecht, das lernen wir als Kinder. Wir begreifen es, wo wir an uns selbst erleben, dass mehr Gerechtigkeit  unser Zusammenleben besser macht. Unwillkürlich kommen wir dabei ins Vergleichen und bewerten Abweichungen von der normalen Regel als ungerecht. Schon kleine Kinder achten genau darauf, dass kein Kind mehr als alle anderen bekommt. Als ich am Rand des Starnberger Eiszaubers der kleinen Pauline eine Tafel Schokolade in die Hand gedrückt habe, die ich am Morgen geschenkt bekommen hatte, wollte sie nach dem ersten Schreck dann ganz genau wissen, ob sie die jetzt auch teilen muss oder ob sie ihr alleine gehört. Und weil kein anderes Kind in Hörweite war, konnte ich sie ihr alleine schenken.

Unter Geschwistern wird jedes Gummibärchen abgezählt und geschwisterlich geteilt. Richtig teilen, das bedeutet, der eine teilt, und der andere verteilt die Teile. Wer sich mehr nimmt, auf den sind die anderen sauer. An einem Weihnachtsfest habe ich einmal den Frieden in meiner Familie schwer in Schieflage gebracht, als es zwischendurch  auch nur so aussah, als würden meine drei Nichten und Neffen unterschiedlich viel Geld in ihrem Umschlag bekommen. Der damalige Moment der gefürchteten Ungleichbehandlung ist noch heute als verschreckte Erinnerung leicht unter meinen Nichten und Neffen abrufbar. Wenn nicht alle das gleiche erhalten oder zu erhalten scheinen, ist es offensichtlich ungerecht.

Andererseits ärgern wir uns beim Gleichnis gerade darüber, dass alle gleich behandelt werden. Weil Gerechtigkeit, so wie wir sie verstehen, auch immer etwas mit Leistung und Gegenleistung zu tun hat. Und wenn Leistung und Gegenleistung nicht miteinander übereinstimmen, empfinden wir es als ungerecht. Und so bemühen wir uns ein Leben lang, gerecht zu sein und gerade bei unseren Kindern keines zu benachteiligen, wir merken aber immer wieder, dass es jedenfalls im Berufsleben, aber auch sonst, selten ganz gerecht zugeht.

Am vergangenen Freitag musste ich die mündlichen Noten in evangelischer Religionslehre in das neue elektronische Notenerfassungssystem der FOS Starnberg eingegeben und sie zudem händisch in den Schülerakten vermerken. Für gute Leistung ist eine gute Note vorgesehen und für schlechte Leistungen schlechte. Allerdings glauben mir die Leute auch nicht wirklich, dass man auch wegen einer 5 in Religion schon einmal durchfallen konnte, obwohl es zutrifft, wobei diese Note 5 eine von vielen im Zeugnis war. Es freut mich als Lehrer natürlich viel mehr, wenn ich gute Noten vergeben kann. Noch besser fände ich es, wenn ich den Fortschritt eines Schülers bewerten dürfte. Sich von einer Note 5 auf eine 3 hochzuarbeiten ist eine so große Leistung wie eine 2 übers Jahr zu halten. Und eigentlich sollte ich am meisten denen zur Seite stehen, die nicht so gut sind, dass von ihnen Erfolgserlebnisse erwartet werden können. Manchmal sind vor allem die Noten der schlechten Schülerinnen und Schüler nicht gerecht.

Und auch im Berufsleben erwarten wir Gerechtigkeit: Jemandem, der viel und gut arbeitet, soll auch viel Lohn gezahlt werden, und jemandem, der nichts tut, eben weniger. Aber wenn wir uns in unserer Welt umsehen, dann merken wir schnell, dass wir es bei allem Bemühen nicht einmal bei uns selbst oder auch nur in der Kirchengemeinde schaffen, wirklich gerecht zu sein. Denn welcher Arbeitslohn ist gerecht? Warum bekommen Erzieherinnen nicht mehr Gehalt? Arbeitet der Manager wirklich so viel mehr als sie, hat er wirklich so viel mehr Verantwortung, wo unsere Frau Christiane Schumann und Frau Sabine Seemann als die beiden Erzieherinnen im Starnberger evangelischen Kindergarten doch für das Wertvollste da sind, was wir haben, für unsere Kinder? Das wissen auch die Eltern der Kindergartenkinder, weswegen am Freitag beim diesjährigen „Tag der offenen Tür“ aller Kindertagesstätten in Starnberg in unserer Kita mehr als doppelt so viele Eltern ihr Kind für einen Platz gemeldet haben, als wir im nächsten Kindergartenjahr vermutlich freie Plätze haben werden.

Das, was man verdient, muss mindestens dann auch zum Leben reichen, am besten nicht nur von Tag zu Tag. Als Pädagogin eine Stunde in der Woche mehr zu arbeiten, weil fehlendes Personal ersetzt werden muss, das bringt sogar gutmütige Zeitgenossinnen wie die freundliche Grundschullehrerin von nebenan auf die Palme. Von daher ist der Weinbergbesitzer unserer Zeit voraus. Er bezahlt den ungelernten Arbeitern, die auch wegen ihrer mangelnden Qualifikation sonst nicht so leicht oder keine Arbeit finden, einen Mindesttageslohn, nicht nur einen Mindeststundenlohn. Für ihn steht im Vordergrund, dass alle genug zum Leben heute haben.

Natürlich ist diese Geschichte keine Anleitung zu aktuellem betriebswirtschaftlichen Handeln, sondern sie ist ein Gleichnis für das Reich Gottes. Vermutlich würde der Weinbergbesitzer als Ökonom und Geschäftsführer bei einer fortgesetzten Handlungsweise keine Arbeiter mehr finden, die sich am Morgen für den Mindestlohn verdingen. Denn die meisten würden wohl erst kurz vor Schluss kommen, wenn sie wüssten, dass sie noch den vollen Mindestlohn erhalten – so sind Menschen einfach. Unser Gleichnis ist also kein Beitrag zur aktuellen Mindestlohndebatte. Nein, um korrekten Umgang mit Lohn und Gehalt geht es nicht, sondern darum, dass Gott uns das gibt, was wir brauchen, und nicht nur das, was wir verdienen.

Im Gleichnis geht es um den Einklang von Gerechtigkeit und Liebe. Es soll deutlich werden, wie Liebe und Gerechtigkeit zusammenhängen. In Gottes Welt wird der Wert eines Menschen nicht durch den Vergleich ermittelt. Die Mutter in unserer Geschichte von Hans‘ Rechnung – sie wäre auch als guter Vater plausibel – tut genau das, was ich Gott zuschreibe: sie rechnet ihre Liebe, ihr Handeln für ihr Kind und die Sorge um Hans nicht auf. Sie schreibt es auf, um ihrem Sohn etwas deutlich zu machen, nämlich, wie viel Liebe und wie viel Zeit sie für sein Glück und sein Wohlergehen investiert. Wie viel sie gibt, was er vielleicht gar nicht alles sieht.

Gott geht noch weiter als diese Mutter. Auch Gott rechnet die Liebe nicht auf. Er schreibt nicht einmal alles auf, wie viel und was er alles für mich tut. Er sagt uns nur: „Ich will euch geben, was recht ist“. Dabei geht es um das, was Gott für uns recht ist, was er sieht, was wir brauchen. Und das ist weit mehr, als die Arbeiter vom Weinbergbesitzer erwarten. Und es ist auch mehr, als uns oft klar ist. Recht in Gottes Augen ist es, dass es allen Menschen gut geht. Dass alle sich am Leben freuen können. Dass jeder einzelne Mensch sich geliebt fühlt. Dass alle ihr Leben in Würde und Wahrheit leben können.

Gott fordert für seine Liebe zu uns keine Gegenleistung, darin liegt die Grenze dessen, was ökonomische Vergleiche im Blick auf den Höchsten ausdrücken können. Gott bemisst unseren Wert nicht nach einer Leistung, Gott sei Dank  ja auch nicht nach einer fehlenden. Sondern Gott schenkt, was wir brauchen. Wir dürfen Gottes Liebe zu uns in der Liebe eines anderen Menschen entdecken, uns über beides freuen und die Liebe an uns wirksam werden lassen.

Allerdings kennt man auch den einen oder anderen Menschen, dem es schwer fällt, ein Geschenk anzunehmen. Vielleicht deshalb, weil er an sich selbst wenig unbedingte Wertschätzung erlebt hat. Wer sich nicht verschenken kann, rechnet den Wert des Präsents aus, das er bekommen hat und meint, beim nächsten Mal in mindestens möglichst gleicher Höhe schenken zu müssen. Das Geschenk der Liebe Gottes ist aber anders gemeint. So sehr es in der Folge stimmt, dass wir das Geschenk der Liebe Gottes nicht vergraben, sondern für andere und für uns selbst wirksam werden lassen und wo möglich damit sogar wuchern.

Können wir im Glauben oder bei uns lieben Menschen spüren, wie schön es ist, beschenkt zu werden? Können wir uns von Gott und unseren lieben Menschen etwas Unverdientes und sogar etwas Unverdienbares schenken lassen? Der Weinbergbesitzer fragt am Schluss sinngemäß:

„Bist du etwa neidisch, weil ich großzügig bin?“ Wir können im Leben immer noch dazulernen, Gottes Gerechtigkeit und das Vertrauen unserer Freunde noch mehr wertzuschätzen. Wir werden so mit einer anderen Gerechtigkeit als der nach Lohn und Leistung beschenkt. Es ist eine Gerechtigkeit, die auch andere Menschen sieht und auch für sie alles Gute will, die ja ebenso wie wir selbst wunderbare, einzigartige und von Gott geliebte Menschenkinder sind.

Amen.

(1)  Vorlesebuch Religion 1. Für Kinder von 5-12 Jahren, herausgegeben von Dietrich Steinwede und Sabine Ruprecht, Lahr, Göttingen, Düsseldorf, Zürich, 1971, S. 21f.


Predigt über Jer 14,1-9

(gehalten am 19.1.2020)

Jer ist eine der Riesen der hebräischen Bibel

Liebe Gemeinde,

Jer ist eine der Riesen der hebräischen Bibel, unseres Alten Testaments. Das nach ihm benannte Werk, das Buch des Propheten Jer ist ein Opus in 52 Kapiteln. Im Unter schied zu den wohlbestallten, am Tempel verbeamteten Heilspropheten, bevor die Hauptstadt Jerusalem, in der er wirkte, vom übermächtigen Heer der Babyloniern belagert und besiegt wurde, warnte Jer penetrant und notorisch vor einer Katastrophe ganz eigener Art. Er klagte die Priester, die herrschenden Könige, die Optimismus-Propheten und das Volk selbst an. Jer verkündet viele knüppelharte Gerichtsworte und hebt darin Gottes gerechte Strafe hervor.

Hoffnungsperspektiven sind rar bei ihm, vielleicht wurden sie diesem Großen des ersten Testamentes sogar erst später hinzugeschrieben. Jer streitet im Auftrag Gottes dafür, den heran nahenden Babyloniern sich von sich aus zu unterwerfen, anders eine bittere Niederlage und dabei die staatliche Vernichtung zu erleiden. Vertraut das Volk seinem Gott oder der eigenen Stärke und politischen Klugheit? Das ist die Gretchenfrage des Propheten. Darin können auch wir als Gemeinde unsere Gretchenfrage hören. Selbstverständlich wird er zu seiner Zeit nicht ernst genug, er wird auch religionspolitisch angefeindet. Allein viermal klagt Jer deshalb über die Bürde seines Auftrags, der schwer auf ihm lastet; „Jeremiaden“ nennt man solche Klagen …

Vielleicht hat Jeremia wirklich in der Zeit um 600 vor Christus gelebt, wie die Wissenschaft heute meint, aus den Texten herauslesen zu können. Er wächst in einem Dörfchen auf, Ana thot, nahe Jerusalem, einer Siedlung für Priester, wie sein Vater einer gewesen sein soll. Stadtleben und geschäftiges Treiben am Jerusalemer Tempel sind ihm suspekt. Er verkündet insgesamt lange 45 Jahre (mit Unterbrechungen) Gottes Willen. Jer wird sehr jung berufen, zu jung für sein Gefühl. Unser Wissen über ihn endet, als er von einigen vor der weit überlegenen babylonischen Heeresmacht Fliehenden nach Ägypten verschleppt wird. Dort verweht jede weitere Spur im Sand. Anders als Jesaja hat er keinen Nachfolger. Dennoch wird er später ungemein wirksam, weil seine Art, Gott zu verkünden, Schule (Dtn) macht.

Unser heutiger Predigttext aus dem Jer-Buch verdankt sich keinem politischen Anlass. Er ertönt vielmehr in eine ähnlich prekäre Situation hinein, wie sie derzeit in Australien herrscht. Statt der dortigen Feuer ist es bei Jer eine grausame Dürre von biblischem Ausmaß. Sie hat das Land fest im Würgegriff. Als Wetterkatastrophe ist sie existenzbedrohend für Mensch und Tier. Die entmutigende Lage im Land wird im Jer in bedrückenden, drastischen Worten beschrieben.

Als Gotteskünder fragt der Prophet, woran es liegt, dass mit der Dürre auch das Leben im Staat so entgleist ist. Ein Mehltau der Verzweiflung liegt offensichtlich über allen, das Leben zerfällt:

Dies ist das Wort, das der Herr zu Jeremia sagte über die große Dürre: Juda liegt jämmerlich da, seine Tore verschmachten. Sie sinken trauernd zu Boden, und Jerusalems Wehklage steigt empor. Die Großen schicken ihre Diener nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter. Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter. Selbst die Hirschkühe, die auf dem Felde werfen, verlassen die Jungen, weil kein Gras wächst. Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und schnappen nach Luft wie die Schakale; ihre Augen erlöschen, weil nichts Grünes wächst.

Liebe Gemeinde, diese Worte sind schwer zu hören und sie waren auch damals kaum zu ertragen. Jer hat keine Klimakatastrophe im Sinn, wenngleich manche Beschreibung in der Bibel an das erinnert, was wortgewaltige Kritiker den reichen Menschen des Westens und Asiens heute vorwerfen: man lebt unverantwortlich auf zu großem Fuß; jede und jeder ist zuerst auf eigenen Vorteil bedacht; Egoismus, Ausbeutung von Tier, Feld, Alm und Mensch, zu große Autos, hemmungslos gewordener Konsum – womöglich verweist unser Lebensstil wirklich auf einen Mammon als Ersatzgott; vom dadurch gestreuten Krebsgeschwür der zwischenmenschlichen Entgleisung bei tatsächlich noch so nichtigen Gelegenheiten ganz zu schweigen.

Unser bis Freitag so schönes Wetter hat aber nichts mit der Dürre zu Zeiten eines Jer gemein. Jer ist nicht Greta. Ob Greta ein Jeremia ist, das ließe sich fragen, wo man die eine oder andere Anklagerede der jungen Klimaaktivistin durchaus als Jeremiade bezeichnen darf, also als persönlich begründete, unverblümte Volksklage, wie sie sich in der Bibel exklusiv von Jer findet.

Jer hat etwas von Greta Thunberg, nicht nur die Jugend, in der er als früh berufener Prophet zu reden begann. Er verbindet bedrohliche Naturphänomene wie die große Dürre damals mit dem, was er als die Sünde seines Volkes bezeichnen muss. Seine Aufgabe  ist es, diese Wettererscheinung auf ihre tiefste Ursache zurückzuführen, die nicht in der Natur oder der Meteorologie gründet, sondern die mit Gottes Gericht über die Menschen zu tun hat. So findet Jer zum Ton, mit der er das Fehlverhalten des Volkes und seiner religiös-politischen Eliten aufspießt:

Ach, Herr, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben. Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, Herr, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!

Heutzutage scheint vielen Menschen eine solche Deutung menschlichen Tuns und göttlicher Reaktion kaum mehr legitim. Naturphänomene wie menschliches Fehlverhalten oder gar Krankheiten (und seien sie eindeutig unserer Zivilisation geschuldet) auf Sünde und menschliche Schuld, auf mangelnden oder falschen Glauben zurückzuführen ist obsolet geworden. Das darf man nicht mehr. Oder sollte ich der Dame, die es am Geburtstag wegen ihrer offenen Füße nur mit Mühe zur Wohnungstür schafft, die mir dann unter Tränen und mit Wut vom Herzinfarkt des Mannes berichtet, den sie jetzt daheim pflegen muss, erklären, dass ihre und seine Krankheit ihren tiefen Grund in Sünde hat? Also doch lieber Greta als Jer maskieren, weil sich die angestaute Klimawandelstimmung zum sonntäglichen Erregungsabbau nutzen lässt? Nur was hilft uns eine solche Wutpredigt über den Tag hinaus?

Liebe Gemeinde, alle Jahre wieder bittet mich die Münchener Kirchenleitung, Predigttexte auszusuchen und sie zu Prüfung für junge Pfarrerinnen und Pfarrer zu formulieren. Nach dem schriftlichen zweiten Examen bekomme ich die Klausuren zur Korrektur. Ich schaue zuerst, ob die angefertigte Übersetzung des biblischen Textes richtig ist, dann lese ich, wie die angehenden Gemeindetheologinnen und -theologen den Bibeltext nach den Regeln der Kunst auslegen. Und schließlich prüfe ich, was sie zum Thema schreiben, das ich ihnen mit dem Bibeltext zur Ausarbeitung stelle. Was fällt jungen Menschen im Prüfungsstress über Witwen in der Bibel oder über den Heiligen Geist im Pfarramt ein? Richtig gut bewerte ich Examensarbeiten, wenn sie auf die Frage antworten, was der Predigttext über Gott sagt. Unsere Bibel ist ein Erfahrungsbuch von Menschen, die durch alle möglichen existenziellen Krisen geschlittert, gestolpert und gefallen sind. Und die Bibel ist ein Buch, in dem wir lesen, dass wir in jeder Situation gerufen sind, das eigene Leben, seinen Sinn und seine Bedeutung für Gott zu öffnen.

Vor jeder Korrektur schreibe ich mir eine Musterlösung auf, damit es mir leichter fällt, die Arbeiten korrekt zu korrigieren. Und das wäre meine Musterlösung für unseren Predigttext: „Regenmangel und folglich eine Naturkatastrophe ist der Anlass für die Notschilderung, die der Prophet vorträgt. Das ganze Land leidet unter der Trockenheit, Menschen und Tiere. Juda und seine Städte, hier Tore genannt, weil sich auf dem freien Platz am Stadttor das öffentliche Leben abspielte, sind betroffen: sie veröden. Auch die Hauptstadt bleibt nicht verschont. Die Not wird in ihr noch größer, denn auch von außerhalb“ – die wichtigste Wasserleitung Jerusalems kommt aus Bethlehem – „ist kein Wasser mehr zu erhalten. Die ausgedörrten Felder können nicht mehr bestellt werden. Tiere sind in ihrer Existenz bedroht, versuchen zu überleben.

Sie können ihre Jungen nicht mehr ernähren. Auch die zähesten, wie etwa die Wildesel, überstehen die Trockenheit nicht.“ (*1)

Damit ist aber nur die Katastrophenseite des Predigttextes umfasst, es fehlt noch die theologische Dimension, um derentwillen die Katastrophe erzählt wird, in der durch drängende Gesten und Worte und mit besonderer Dringlichkeit Gott angerufen wird: „Das Volk klagt und fleht nach einem Sündenbekenntnis um Gottes Hilfe, anscheinend in einem Bußgottesdienst im Tempel“, in „dem der Name des Herrn ausgerufen“ wird. Der Herr „soll so handeln, wie es sein Name aussagt: er soll sich als der heilswillige Gott erweisen. Er muss tätig werden, wenn sein Name nicht geschmäht und er nicht als ein Gott bezeichnet werden will, der nicht wirken und helfen kann. Auf ihn richtet sich alle Hoffnung des Volkes. Er ist der Helfer in jeder Bedrängnis. Doch zur Zeit handelt er ganz anders; dies wird ihm … als Vorwurf und als Motiv, nun tätig zu werden, vorgehalten. Er scheint“ ja, „als ob er nicht da wäre, sein Volk nur flüchtig besucht hätte. Es ist, als sei er von der Not der Seinen überrascht und verwirrt, als habe er nicht mehr die Kraft zum Handeln. Aber er muss doch bei seinem Volk sein, denn er selbst hat seinen Namen über sein Volk ausgerufen, das dadurch  sein Eigentum und die Zusage seiner Nähe und

Hilfe erhalten hat. Er darf es nicht im Elend liegen lassen“! (*2)

Liebe Gemeinde, so muss man sich erst einmal vor Gott hinstellen. Mit diesem Mut der Verzweiflung sollte man (und darf man) an dem Gott festhalten, auf dessen Namen wir getauft wurden (womöglich noch mit dem Taufspruch von „seinen Engeln“, die mich „behüten“ sollen „auf allen meinen Wegen“; Ps 91,11). Das ist die erste Qualität unseres Predigttextes, dass Jer von den Menschen seiner Zeit einen Bußgottesdienst, ein Schuldbekenntnis und eine gemeinsame Klage erwartet, die Gott beim Wort nimmt! Nur selten veranstalten wir hier in Starnberg solche Bußgottesdienste. Und wie oft hätte ich Gott schon beim Ehrenwort genommen? Wir sollten heute von Jer lernen, es ernst mit Gott zu meinen – weil Gott unser Gott ist.

Aber nicht durch unser Bekenntnis wird die Sünde unwirksam, so hilfreich es ist, meine Schuld auszusprechen. Weshalb ich in jeder Beerdigung die Anwesenden bitte, ihre Gedanken über die Verstorbenen kurz aus dieser Sicht zu sammeln und um Vergebung zu bitten, wenn es im gemeinsamen Leben Grund dafür gab. Aber auch zu vergeben, wo es möglich ist, Verstorbene von Schuld zu entlasten.

Aber nicht durch Bekenntnis und Einsicht wird die Schuld und Sünde unwirksam, so gut es tun kann, sich auszusprechen. Sondern Sünde wird abgetan, weil Gott sie vergibt, wo wir darum bitten. Und er vergibt, weil er Gott ist. Fast schon wie ein Hiob – nur dieses Mal eben als ein Hiob, der sich der eigenen Schuld bewusst ist und vor Gott zu ihr steht – sollen die Menschen sich Gott nähern. Wir werden täglich schuldig an den Mitmenschen und innerlich oft damit auch an uns selbst. Wenn wir unsere Schuld bekennen und Gott um Vergebung bitten, dann erwarten wir bitte die Vergebung auch und zählen auf sie. Gott vergibt uns, wenn wir bitten.

Darum bekommt unser Gottesdienst regelmäßig dort theologische Tiefe, wo wir nach dem ersten Lied unserer offenen Schuld Raum geben – „offene Schuld“ heißt der kurze Gedankenaustausch zu Beginn, den die Pfarrperson initiiert und in dem die Gemeinde mit den Worten antwortet: „Der allmächtige Gott erbarme sich unser, er vergebe uns unsere Sünde und führe uns zum ewigen Leben“. Letztlich vollziehen wir hier nach, was Jer seinem Volk damals predigt. Und es endet nicht damit, dass wir so bitten (ich mit), sondern es folgt die Zusage der Vergebung, die von Gott kommt. „Gott erbarmt sich über uns. Gott wird uns, wohin auch immer wir gehen, zurückholen in seine Gemeinschaft“ (Confiteor am 2. Sonntag nach Epiphanias).

Gott vergibt uns. Denn Gott ist Gott, und nicht ein Mensch. Gott ist die Treue selbst zu seinem Bund, zu seinen Verheißungen und Zusagen. Und auch der Segen, der uns im Gottesdienst am Ende zugesagt wird, ist Segen, der von Gott kommt. Gott selbst steht dafür ein, dass er draußen in der Welt und möglichst auch im Alltag wirksam wird. Dieser Segen ist nicht der fromme Pfarrerwunsch, den ich mehr oder wenig mutig oder vollmächtig im Namen Gottes ausspreche. Sondern er ist wirksam, weil er im Namen Gottes gesagt wird.

Der Pfarrer wird darüber freilich nicht zum Heilspropheten, der immer nur sagt, was die Menschen hören wollen, um mit gutem Gefühl wieder aus der Kirche herauszugehen. In der Antwort Gottes, die im Buch des Jer in den folgenden Kapiteln auf unseren Predigttext folgt, wird deutlich, dass Gott noch lange nicht zufrieden ist mit seinem Volk. Insbesondere nerven ihn die Schönredner unter den Propheten (Jer 14,14), die nicht Gott bestellt hat, die gutes Geld damit, verdienen den Menschen nach dem Munde zu reden, und die damit zu Lügnern werden. In weiteren Predigten bleibt Jer in seinem Prophetenbuch (14,19-16,18) noch länger dabei,

dass das Volk Gott klagen muss, sich über seine Lage im Grunde nicht täuschen oder beruhigen darf, sich aber von Gott nie als verworfen betrachten soll, so groß die Unruhe über das eigene Erleben und die gegenwärtige Wirklichkeit in der Gesellschaft auch immer sein mag.

Der Grund dafür ist nur einer, und er findet sich nicht im Tun oder Lassen der Menschen. Dass uns an den Abenden dieser Tage ein Licht aufgeht, dass uns in der tiefsten Dunkelheit des ganzen Jahres ein Kind geboren wurde, dass das Licht der Welt in die Finsternis auch meines Lebens scheint und sie erleuchtet und ein liebevolle Wärme verbreitet, wo Menschen mutig werden, neu zu beginnen; wo immer Gottes Wort wie das Licht in der Nacht ist, das Hoffnung und Zukunft bringt, geschieht das alleine darum, weil Gott unser Gott ist, Dein Gott und mein

Gott, unter Herr. Auf nichts sonst ruhen unsere Hoffnung und unser Glaube. Aber es braucht auch gar keinen anderen Glauben und keine andere Hoffnung als den Glauben an diesen Gott und die Hoffnung auf seine Gnade.

Amen.

(*1)  SCHREINER, JOSEF, Jeremia 1-25,14, NEB, Würzburg 1981, S. 93.

(*2)  A.A.O., S. 93f.


Predigt über Jes 61,1-3.10-11

(gehalten am 5.1.2020)

Evangelium, frohe Botschaft

Liebe Gemeinde,

evangelisch kommt von „Evangelium“, frohe Botschaft. Am Anfang des Evangeliums, als es sich im AT zu Wort meldet, zielt es freilich auf die politische Botschaft des persischen Königs Kyros. Der Begründer eines Weltreiches gewann die besiegte Bevölkerung, als er die alten Tempel wieder aufbauen ließ. Die Babylonier durften ihren Kriegsgott Marduk wieder verehren, dem sie früher hohe Türme gebaut hatten. Und die Juden durften aus dem Exil im Zweistromland in die Heimat zurück und den Tempel in Jerusalem neu errichten. Erstmals war die neue Macht auf der Welt keine, die auch religiös siegen wollte, sondern auf Frieden setzte. Wir wissen von diesem epochalen Vorgehen aus alten Inschriften und wir kennen auch den jüdischen Bericht (Jes 40,1-5), der in Gottes Namen die gute Nachricht übermittelt:

Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat die volle Strafe empfangen von der Hand des Herrn für alle ihre Sünden. Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des Herrn Mund hat's geredet.

Für die Juden weltweit war das eine unerwartet frohe Botschaft, auf gut griechisch, das man damals weltweit zu sprechen begann, ein „Evangelium“. Als Bote der Nachricht trat ein auch heute noch namenloser Prophet auf, den wir nach dem Kapitel im Buch, in dem seine Worte gesammelt sind, Jes II. nennen. Er war es, der das Evangelium zuerst verkündete. Und er war es, der den Glauben an den einen Gott zum Durchbruch brachte. Alles andere galt ihm als Illusion, von Menschen erdichtet und als von ungelenken Handwerkern fabriziertes Götzenbild. So wie heute die sozialen Medien vielfach zu modernen Götzen der vermeintlichen Redefreiheit geworden ist. Im Überschwang der guten Nachricht, die Jes II. aus Persien brachte, nannte der Prophet den König Kyros einmal gar einen „Gesalbten“ des Herrn (45,1), einen „Messias“.

Hat Jes II. den Perser auf dem Pfauenthron positiv beurteilt, weil er mit ihm den Monotheismus teilt, den Glauben an einen einzigen, allmächtigen Gott? Jes II. kritisiert auch die persische Religion, sie postulierte neben dem guten Gott ausdrücklich auch einen bösen Gegengott. Aber dualistisch konnte der Prophet das Evangelium nicht verkünden, die Gott ihn sagen lässt:

„Ich bin der Herr, und sonst keiner mehr, der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Heil gebe und schaffe Unheil. Ich bin der Herr, der dies alles tut“ (Jes 45,6-7).

Das Böse kann auf keinen anderen Gott zurückgeführt werden, von den Einen kommt Gut und Böse, er ist Herrscher der Welt und kann eine andere Religion zum Instrument seines Willens, seiner politischen und religiösen Pläne machen. Denn das ist in aller Messias-Metaphorik festzuhalten: der Ursprung des Evangeliums ist nicht der Perserkönig Kyros, sondern der eine Gott.

Die neue Religionspolitik des persischen Großreiches im 5. Jahrhundert vor Christus brachte nicht nur das Evangelium als Botschaft der Befreiung aus dem Exil, sondern auch das Gesetz. Ein Nachfolger des Kyros, Artaxerxes I., schickte seinen Stadthalter Esra nach Jerusalem, dort das Leben nach dem Gesetz des einen und einzigen Gottes zu ordnen. Das war wohl die Initialzündung dafür, die 5 Bücher Mose in Schriftform zu bringen. Kluge jüdische Köpfe haben jedenfalls die Chance ergriffen, die unerwartete religiöse Autonomie abzusichern, indem sie ihre alten Geschichten in Bücher schrieben und so auch im Wortlaut fixierten. Zugleich nutze man das Gesetz, um sich von anderen abzugrenzen, um die Identität als monotheistisches Israel in einer polytheistischen Welt zu wahren. Deshalb hat sich der persische Stadthalter Esra, so liest man es in seinen Büchern im AT, als Gesetzesschreiber im kulturellen Gedächtnis verewigt und zugleich  als Propagandist gegen Mischehen von Juden und Nichtjuden hervorgetan. Man erinnere sich daran, in welcher Zeit bei uns noch gemischt-konfessionelle Ehen ein Problem waren und man denke heute daran, warum sie vehement erschwert wurden: weil die Kirche selbst in dieser Zeit in großer Bedrängnis und an der falschen Stelle um Haltung bemüht war …

Im Evangelium sagt Gott dem Volk: Ihr seid aus der Gefangenschaft befreit, kehrt zurück in die Heimat, ergreift den alten Glauben und lebt fröhlich euer Bekenntnis. Das Gesetz fügte dem dann viele konkrete Forderungen hinzu, um die Freiheit einzuhegen und so hoffentlich zu bewahren. Damals schufen also politische Ereignisse den Rahmen dafür, dass ein Volk die Religion als Teil seiner Autonomie entdeckte und Gott zum Mittelpunkt des ganzen Lebens erklärte.

Wir sind dennoch vorsichtig, politische Ereignisse als Willen Gottes zu deuten. Der schlimmste Versuch einer entsprechenden Geschichtstheologie war ein nationaler Protestantismus der Zeit nach 1918, der das Christentum in unserem Land nachhaltig beschädigt hat. In der Niederlage des deutschen Reiches im Weltkrieg und in der desolaten Lage der Weimarer Republik sahen diese Theologen damals eine Art babylonischer Gefangenschaft ihres Volkes. Sie missdeuteten die nationalsozialistische Bewegung als Befreiung aus der Gefangenschaft. „Christus ist unsere Kraft, Deutschland unser Ziel“ – das war die Parole der Deutschen Christen auch in Starnberg.

Können wir aus dem Umgang Israels mit seiner Geschichte, konkret aus dem AT, lernen, die Spuren Gottes zu entdecken und die Irrwege der Geschichtstheologie zu meiden? Freilich waren auch die jüdischen Geschichtsdeutungen angesichts der gelebten Realität oft sehr umstritten. Der kurz nach Esra gebaute Tempel: mickrig; die auf alt getrimmte Lehre: theologisch wackelig; das Leben der nach Israel Heimgekehrten: armselig; echte Solidarität im Volk: gering ausgeprägt; scharfe Abgrenzung gegen andere Völker: unklug. Wie soll man in einem so kümmerlichen Neubeginn überhaupt Spuren Gottes erkennen? Die Kirche der Zeit nach der Wiedervereinigung hoffte in den neuen Bundesländern auf einen großen Aufschwung, hatte sie doch die Wende in Deutschland geistlich erst ermöglicht – die spätere Enttäuschung über die massenweise Abwendung der Ostdeutschen von ihr war riesig …

In der Krisensituation zur Perserzeit haben Propheten das schon aus zwei Teilen bestehende Jes durch einen dritten Teil ergänzt. So wie wir das Evangelium durch unser Leben immer neu zu begreifen und dann erneut auszudrücken suchen. Jes III. enthält viele Gesetzesforderungen wie bei Esra, jedoch mit einer bedeutsamen Korrektur: Jes III. fordert die theologische Öffnung Israels für Fremde und Andersgläubige. Fortan sollen etwa die früher harsch abgewiesenen Fremden und sogar Eunuchen zum jüdischen Gottesdienst im Tempel zugelassen sein. Das unerhört neue Evangelium begründet der dritte Jesaja nicht mit Gesetz oder Tradition, sondern mit dem Geist. Der Geist Gottes bringt nach der guten Nachricht der Rückkehr in die Heimat nun eine noch viel bessere Botschaft, um mit aller Kleingläubigkeit und aller Resignation angesichts ausgebliebener Hoffnungen im Neuanfang gründlich aufzuräumen und eine ganz frische theologische Luft ins Land zu blasen, sodass man aufhorcht, was der Prophet sagt:

Der Geist Gottes des Herrn ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden, zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden,  dass sie genannt werden »Bäume der Gerechtigkeit«, »Pflanzung des Herrn«, ihm zum Preise.

Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt. Denn gleichwie Gewächs aus der Erde wächst und Same im Garten aufgeht, so lässt Gott der Herr Gerechtigkeit aufgehen und Ruhm vor allen Völkern.

So spricht der neue Jesaja. Hier ist nun alle Politik aus dem Evangelium gewichen. Nicht mehr der persische König, sondern der vom Geist Gottes getriebene Prophet wird als Gesalbter des Herrn identifiziert – nicht einer allein, Jes III. war Teil einer Prophetengruppe. Mit ganz ähnlichen (etwas erweiterten) Worten fasst dann mehr als fünfhundert Jahre später in einer neuen Zeit großer Sorgen der Prophet und Rabbiner und Schriftgelehrte und Prediger Jesus bei seiner Antrittsrede in Nazareth (Lk 4,16-30) seine Sendung in Israel als Evangelium zusammen.

Bilanzieren wir kurz: Durch den Monotheismus wurde Gott zum wichtigsten Anliegen des Menschen. Durch das Evangelium wurde der Mensch zum wichtigsten Anliegen Gottes, und zwar nicht der erfolgreiche und gesunde, sondern der gefährdete, zerbrochene, unfreie und verlorene Mensch, der aber genauso zu Leben und Freiheit bestimmt ist. Das Evangelium ist

der Zuspruch Gottes an die, die ohne dieses Evangelium am Leben verbrechen würden, weil sie alt und einsam sind, oder in der Familie in Not, oder vor einer Aufgabe, die ihnen schwer wird.

Liebe Gemeinde, in dieser Botschaft kann man Gottes Spuren in der Geschichte finden, wenn man sie aus den Augen von Jes und Jesus anschaut: Die Menschen sollen vor allem Lebensmut und Selbstverstrauen zurückerhalten und bewahren. In den Ereignissen, die uns echte Hoffnung zum neuen gemeinsamen Leben schenken, können wir Spuren Gottes sehen. Als Europa mit Amerikas Hilfe 1945 den Krieg überwand, wurde es von denen neu aufgebaut, die trotz

der Niederlage nicht gebrochen waren, denen klar geworden war: man muss Frieden unter Feinden schaffen. Theologisch gebildete unter ihnen waren gewiss: Gottes Weg mit Europa ist der Friedensweg. So begann das wunderbare Experiment, die Feindstaaten Deutschland und Frankreich zu verbandeln. Was für große Aussichten der damals mutige Versuch bis heute hat!

Das Evangelium spricht es aus: Die Menschen werden aus Gefangenschaft befreit, ihre Fesseln werden gelöst. Ereignisse, die unter uns die Freiheit herstellen und fördern, sind in theologischer Sicht Spuren Gottes. Der Mai 1945 befreite unser Land aus einem schlimmen Terrorregime, aber nicht für alle im Land. Die 70er Jahre brachten das Ende der Diktaturen in Griechenland, Spanien und Portugal. Die Wende 1989 stieß das Tor der Freiheit für Millionen Menschen im Osten auf. Wer in Freiheit aufgewachsen ist, für den ist das vielleicht zu selbstverständlich, dass er allzu schnell vergisst, dass die eigene Freiheit neben dem Frieden die wichtigste Bedingung gelungenen Lebens ist. Sie ist sogar noch wichtiger als jede Gerechtigkeit, denn ohne eigene Freiheit kann man nicht einmal die erlittene Ungerechtigkeit kritisieren.

Die dritte Säule des Evangeliums beim Propheten ist in unseren Tagen besonders aktuell. Sie verheißt Befreiung von Schulden. Heute sind das unsere Klimaschulden, die wir so lange angehäuft haben und immer weiter anhäufen. Das verheißene „gnädige Jahr des Herrn“ ist das Erlassjahr, in dem unter den Israeliten Gleichheit wieder hergestellt und Schulden erlassen werden sollten, auch wenn das ein Postulat war – aber diese Utopie hat gewirkt. So sind viele Ereignisse, durch die Gerechtigkeit unter uns gefördert wird, Spuren Gottes in der Geschichte.

Diese dritte Säule ist heute besonders bedeutsam, denn fehlende Gerechtigkeit tötet die Freiheit. Freiheit ohne echte Gerechtigkeit: das wäre nur die fortgesetzte Privilegierung der Mächtigen. Wenn die Ungleichheit der Lebenschancen unter uns weiter zunimmt, besteht die große Gefahr, dass die ungerechten Verhältnisse unter uns von denen, die Macht haben und von der Ungerechtigkeit profitieren, durch die Abschaffung der Freiheitsrechte prolongiert werden. Eigentlich verdient Freiheit den Vorrang vor Gerechtigkeit, langfristig ist Freiheit ohne Gerechtigkeit aber unmöglich. Wenn Menschen als einzelne oder wenn ganze Länder oder zukünftige Generationen durch unsere Klimaschulden absaufen, nimmt man ihnen mit ihrer Zukunft auch ihre Freiheit, ihre Zukunft behalten sie nur, wenn wir uns für ihre Gerechtigkeit stark machen und wenn wir unsere Klimaschulden hier abbauen und dort bezahlen. Und unser Land gewinnt seine Zukunft, wenn wir uns Gerechtigkeit etwas kosten lassen – Geld ist genug dafür da.

Der letzte Teil der Botschaft des Propheten ist eine Drohung. Anders als Jesus, der sich bei der Antrittspredigt in Nazareth auf das in ihm erfüllte Evangelium beschränkt, spricht Jes III. vom Tag der Vergeltung, da die Peiniger der Unfreien und ungerecht Behandelten bestraft werden. Die Überwindung von Unfreiheit darf auf die Gerechtigkeit im Umgang mit Verbrechen nicht verzichten, ohne Aufarbeitung werden die Opfer gehindert, Vertrauen in die Freiheit zu fassen.

Auch unser Unrecht muss öffentlich anerkannt werden, wir müssen nicht nur umkehren, sondern auch Buße tun. Und unsere Gesellschaft sollte sich demonstrativ auf die Opferseite stellen – auch um unsere Widerstandskraft gegen Unrecht heute zu erhöhen. Wo unser Land das noch nicht von sich aus schafft, können wir vorbildlich in die Bresche springen. Gerade aus dem AT sollten wir für uns und andere lernen: Wo Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit gefördert werden, sind Gottes Spuren zu entdecken. Erst am Ende wird alle Welt begreifen, dass alles Geschehen das Wirken Gottes ist, auch das, was lange rätselhaft bleibt. Gottes Spuren sind gut erkennbar, wo Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit zunehmen. Und Gottes Spuren in

der Weltgeschichte sind vor allem wir selbst, wo immer wir uns, von der Freude über das Evangelium getragen, uns beharrlich für Freiheit, Frieden und Klimagerechtigkeit einsetzen.

Amen.


Neujahrspredigt über die Jahreslosung Mk 9,24

(gehalten am 1.1.2020)

Bundesarchiv Bild 146-1987-074-16, Dietrich Bonhoeffer
Dietrich Bonhoeffer, August 1939
evangelischer Pfarrer und Theologe

(Foto-Quelle via Wikimedia Commons:
Bundesarchiv, Bild 146-1987-074-16/CC-BY-SA 3.0 / CC BY-SA 3.0 DE)

Liebe Gemeinde,

vor mehr als 80 Jahren hat Dietrich Bonhoeffer, an dessen Tod in den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 wir am Gründonnerstag erinnern werden, die diesjährige Jahreslosung zur Predigt bei einer Konfirmation genutzt. Ich will mit dem Verweis auf diese Ansprache (gehalten am 8. April 1938 in Kieckow, sieben Jahre und einen Tag vor seiner Ermordung am 9. April 1945) eine zweite Stimme für unsere eigenen Gedanken zur Jahreslosung hörbar machen. Idealerweise schallt es aus dem Wald so wieder heraus, dass wir etwas für uns selbst lernen, was wir auf der Wanderschaft durch unser Leben in ein nächstes Jahr im Glauben beherzigen können.

Nachdem den Nationalsozialisten begriffen hatten, dass Bonhoeffer zum politischen Widerstand gegen ihre Diktatur gehörte, wollten sie, dass er ihr Terrorregime nicht überlebt. Hitler selbst ordnete die Hinrichtung an, ein sogenanntes Gericht fand sich, ein Unrechtsurteil wurde gesprochen, ein Justizmord vollstreckt. Aber auch schon viel früher war der junge Theologe,

1906 in Berlin geboren, mit Drang in die Welt hinaus den Machthabern ein Dorn im Auge. Er hat die Bekennende Kirche unterstützt, die auch in Starnberg Versammlungen abgehalten hat, über die zu lesen ich in den kommenden Monaten in unser Gemeindearchiv hinaufsteigen will (es ist in einem Zimmer unterm Dach des Gemeindesaales untergebracht). Und besonders hat sich Bonhoeffer dagegen gewandt, dass sogar in der Kirche die stattlichen Unrechtsregeln gegen die jüdische Bevölkerung angewandt würden.

Ab 1935 war Bonhoeffer für die Ausbildung angehender Pastoren im Predigerseminar in Zingsthof verantwortlich, von wo man im Juni nach Finkenwalde (heute ein Ortsteil in Stettin) umzog. In der Praxis gemeinsamen Lebens entwickelte Bonhoeffer seine Vorstellung davon, dass die Kirche nicht nur eine konkrete Gemeinschaft von Menschen, sondern auch der reale Leib Christi auf Erden ist. Im Jahr 1937 schloss der NS-Staat das Seminar, das fortan illegal geführt wurde. Bonhoeffer war offiziell Hilfsprediger bei Superintendent Eduard Block in Schlawe, mit dessen Unterstützung führte er die getarnte Vikarsschulung in Köslin und Groß Schlönwitz, später im Sigurdshof weiter, bis im März 1940 auch hier die Gestapo zugriff.

Bonhoeffers Ansprache vom April 1938 richtet sich also nicht nur an die damaligen Konfirmanden, sie spricht auch grundsätzlich in die Situation der damaligen Zeit des bevorstehenden Krieges. Ich finde, dass die Gedanken Dietrich Bonhoeffers heute wieder sehr wertvoll sind. Der Leitsatz, der dieser Predigt zugrunde liegt, ist das Bibelwort, das die „Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen“ (ÖAB), ein Zusammenschluss 24 christlicher Dachverbände, darunter auch die römisch-katholische Kirche, als Jahreslosung für 2020 ausgesucht hat, wie sie das seit 1970 in dieser Form tut: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,24)

Glaube und Unglaube – anders als man es gewohnt ist, anders als viele es selbst sagen würden, ist für Bonhoeffer der Glaube an Gott kein Grund zum Zweifel, eher ist er unsere Aufgabe. In einer Situation, von der viele später sagen, dass man nicht gewusst hätte, wie man damals gehandelt hätte, wie mutig man gewesen wäre, ob wir dem diktatorischen Rad in Deutschland auch in die Speichen gegriffen hätten, sagt Dietrich Bonhoeffer den Konfirmanden:

Gerade weil heute alles darauf ankommt, dass wir wirklich Glauben halten, vergeht uns alle Lust zu großen Worten. Ob wir glauben oder nicht, das wird sich zeigen; mit Beteuerungen ist da gar nichts geholfen … Große Beteuerungen, und mögen sie noch so aufrichtig, noch so ernst sein, sind immer der Verleugnung am nächsten.

Auf die Beteuerung „ich glaube“ kommt es demnach zum Wenigsten an. Am Beispiel der Verleugnung des Jüngeranführers Simon Petrus ließe sich zeigen, dass es nicht hilft, großartige Versprechungen über den Glauben abzugeben und sich darauf zu verlassen, sie einzuhalten. Es geht vielmehr darum, dass das, was ein Mensch von Glauben an Gott erfasst hat, auch prägend wird. Dass der Glaube, den Gott uns schenkt, in unserem Leben und in dessen Alltag praktisch wird. Es kommt nicht darauf an, einen Glauben zu haben, sondern den Glauben zu halten. Die Probe aufs Exempel wird täglichen Leben bestanden, wenn dort der Glaube wirkt. Verschwindet er alsbald, weil unsere natürlichen Reflexe wie Flucht oder Angriff zupacken? Oder hilft er uns, lässt uns zum Vertrauen auf Gott finden, der uns den Glauben jeden Morgen zusprechen will und uns dazu schon vor dem Spiegel im Badezimmer an die Taufe erinnert?

Euer Glaube ist noch schwach und unerprobt und ganz im Anfang. Darum, wenn ihr nachher das Bekenntnis eures Glaubens sprecht, so verlasst euch nicht auf euch selbst und auf all eure guten Vorsätze und auf die Stärke eures Glaubens, sondern verlasst euch allein auf den, zu dem ihr euch bekennt, auf Gott den Vater, auf Jesus Christus und auf den Heiligen Geist.

Bonhoeffers Satz von der Schwachheit des Glaubens ist an jugendliche Glaubensschüler gerichtet. Damals wusste man noch nicht viel darüber, dass auch junge Menschen beherzt glauben, nur eben anders als früher als Kinder und später als Erwachsene. Mir scheint diese Einsicht, ohne sie zur Diagnose oder als Defizit zu etikettieren, auch für unsere Zeit passend. Vor Jahren hat die kirchliche Pädagogik von der „stillen Reise“ der Menschen in den mittleren Jahren gesprochen, um zu erklären, warum es Paten gibt, die kein Interesse daran finden können, ihre Kinder zu begleiten, wenn sie als Konfirmanden zum Gottesdienst kommen. Offensichtlich hat sich diese „stille Reise“ auf viele weitere Lebensphasen ausgedehnt, manchmal beginnt sie schon sehr im Stillen und neigt eher zum Schweigen als zum Bekenntnis. Ich bin froh, dass zum Glaubenskurs, den wir in der Gemeinde regelmäßig anbieten, Menschen den Mut finden zu kommen, die das Gefühl haben, mehr über ihr Fundament wissen zu wollen. Wie freilich Eltern und Paten der nächsten Konfirmandengruppe reagieren werden, denen ich beim ersten Treffen das Angebot zum Glaubensgespräch begleitend zum Konfi-Kurs machen möchte?

Der öffentliche Glaube tritt in der Gesellschaft eher schwach auf. Als persönliche Überzeugung sei er Privatsache, heißt es, und scheint von mächtigen Dämonen bedroht, die ihn zu oft Mores und schweigen lehren, zumal er sich nicht immer leicht in Worte fassen lässt. Ein vermehrt auftretendes Kreuzzeichen beim Schlusssegen einer Beerdigung zeigt mir manchmal, dass die Trauerfeier den Menschen Mut gemacht hat, den Glauben durch ein Symbol auszudrücken. Für viele freilich ist der christliche Glaube etwas, das unter der missverständlichen Überschrift, er habe ein ganzes kirchliches Lehrgebäude im Schlepptau, zur Überforderung erklärt wird. Oftmals wird er von den Menschen, die ihn zu wenig kennen, als antiquiert empfunden, über die Sätze im gottesdienstlichen Glaubensbekenntnis wird durch dazu Schweigen abgestimmt.

Und selbst wenn wir anderen zeigen, dass wir Christen sind, auch wenn wir heute den Glauben der Väter mitsprechen und uns bekennen zu Gott, dem Vater, dem Sohn, und dem heiligen Geist, wissen viele Menschen gar nicht so recht, ob sie wirklich den Glauben in der Größe haben, wie sie ihn für gefordert halten. Es käme darauf an, sich darauf zu verlassen, dass das, was wir vom Glauben verstanden haben, unser Handeln und Leben prägt, und, so Gott will, durch neue Gedanken erweitert wird, und zwar immer und einzig durch Gott selbst. Denn unser Gott allein ist es, der in uns den Glauben weckt. Das Testat der Schwachheit meines Glaubens ist ein Hinweis auf eine menschliche Selbstverständlichkeit, diese Schwäche liegt in unserer Natur, alles andere als ein schwacher menschlicher Glaube wäre wohl Angeberei. Vielmehr fordert uns die Jahreslosung dazu auf, die Quelle unseres Glaubens in Gott zu entdecken, an ihr dranzubleiben und so auch unseren Glauben zu fördern. Dazu ermuntert auch Bonhoeffer:

Wir wollen dankbar sein, dass Gott uns diese Stunde gemeinsamen Bekennens in der Kirche schenkt. Aber ganz ernst, ganz wirklich wird das alles eben doch erst nach der Konfirmation, wenn der Alltag wieder da ist, das tägliche Leben mit all seinen Entscheidungen. Da wird es sich dann zeigen, ob auch der heutige Tag ernst war. Ihr habt einen Glauben nicht einfür allemal. Euer Glaube, den ihr heute bekennt von ganzem Herzen, der will morgen und übermorgen, ja er will täglich neu gewonnen sein. Glauben empfangen wir von Gott immer nur so viel, wie wir für den gegenwärtigen Tag gerade brauchen. Der Glaube ist das tägliche Brot, das Gott uns gibt … Ein Tag ist genug, um Glauben zu bewahren. Es ist an jedem Morgen ein neuer Kampf, durch allen Unglauben, durch allen Kleinglauben, durch alle Unklarheit und Verworrenheit, durch alle Furchtsamkeit und Ungewissheit zum Glauben hindurch zustoßen und ihn Gott abzuringen.

Liebe Gemeinde, diese Sätze vom Prediger Bonhoeffer sind für eine bestimmte Situation zugespitzt worden, in der das Christentum durch den Staat in der Existenz bedroht war. Heute ist es ja eher die Indifferenz und Gleichgültigkeit der Menschen, die nie erfahren haben, was der Glaube für Kraft gibt. Der Glaube ist auch heute kein Besitz, schon gleich gar nicht einer der Kirche oder der Christen. Er ist eine geistige Grundnahrung, die immer von neuem von Gott erbeten werden kann: „Unseren täglichen Glauben gib uns heute“, so lautete das entsprechende Gebet, formuliert wie eine weitere Bitte im Vaterunser, einzuordnen am besten vor „führe uns nicht in Versuchung“ und erst recht vor „erlöse uns von dem Bösen“.

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ – das sollten wir den Menschen heute mit allen geeigneten Mitteln erlebbar machen: Es gibt eine wahrhafte Alternative zur Angst und zur immerwährenden Sorge und Rastlosigkeit im Leben, sie heißt Vertrauen auf Gott, sie ist der Glaube an Gott. Es kommt darauf an, diese Alternative in unserem Leben wahrzunehmen. Das tägliche Brot des Glaubens besteht darin, uns das Vertrauen ins Leben heute neu schenken zu lassen, wie es die Neujahrsansprachen auf säkulare Weise irgendwie ja auch intonieren. Unser Pfund ist das geistliche, das gehört in die Waagschale. Jeden Tag können wir uns und die Menschen daran erinnern, dass Gott uns glaubt und deshalb wir uns und anderen vertrauen können.

So ist es dann auch uns möglich, den Glauben festzuhalten, weil er uns zugeworfen wird wie ein Ball, den wir fangen. Schön, wenn wir einfach so zugreifen wie ein Kind. Gut, wenn das Kind es von den Eltern abschauen kann. Kein Problem, wenn wir den Ball wieder fallen lassen, er rollt zurück zu Gott und der wirft ihn erneut. So wirft Bonhoeffer seinen Konfirmanden den Ball zu, sie sollen fangen, festhalten und erkennen, was ihnen damit in die Hände gefallen ist:

Aus dem 'Wir glauben' muss von nun an immer mehr das 'Ich glaube' werden. Der Glaube ist eine Entscheidung. Darum kommen wir nicht herum. 'Ihr könnt nicht zwei Herren dienen'. Ihr dient von nun an Gott allein oder ihr dient Gott überhaupt nicht. Ihr habt nun nur noch einen Herrn, das ist der Herr der Welt, das ist der Erlöser der Welt, das ist der Neuschöpfer der Welt. Ihm zu dienen ist eure höchste Ehre. Zu diesem Ja zu Gott gehört aber ein ebenso klares Nein. Euer Ja zu Gott fordert euer Nein zu allem Unrecht, zu allem Bösen, zu aller Lüge, zu aller Bedrückung und Vergewaltigung der Schwachen und Armen, zu aller Gottlosigkeit und Verhöhnung des Heiligen. Euer Ja fordert ein tapferes Nein zu allem, was euch daran hindern will, Gott allein zu dienen und sei es euer Beruf, euer Besitz, euer Haus, eure Ehre vor der Welt. Glaube heißt Entscheidung. Aber eure eigenste Entscheidung! Kein Mensch kann sie euch abnehmen.

Der christliche Glaube verwirklicht sich im Alltag in Entscheidungen. Mir selbst geht es so, dass ich vorab oft gar noch nicht weiß, welche Entscheidungen das in Zukunft sein werden. Ich habe keine Ahnung, vor welche großen Herausforderungen uns oder auch nur mich persönlich das heute beginnende Jahr stellt. Ich bin überzeigt, dass die Vakanz auf den Pfarrstellen eine logistische Herausforderung sein wird, aber doch nicht eine Anfrage im Glauben! Ich werde getrost an jedem Morgen neu dem lieben Gott das hinhalten, was ich tun kann, und er wird draus machen, was er mag – und das wird dann für meinen Teil schon ausreichen müssen. Und das wird vielleicht sogar eine Chance sein, in 2020 auf geistliche Weise zu wachsen.

Vermutlich wird es auch in diesem Jahr Situationen geben, in denen wir vor Weichenstellungen ankommen. Es wird immer die Alternative geben zwischen Lüge und Wahrheit, zwischen Gerechtigkeit und Unterdrückung, zwischen Frieden und Gewalt. Ich habe gestern einer jüdischen Freundin in Starnberg versprochen, dass ich mich – wenn nötig auch öffentlich – hinstellen, wenn Antisemitismus und in seinem Gefolge welche Weltanschauung und Politikausrichtung auch immer den gelebten Glauben an Gott anfeinden will. Was auch in viel kleineren Streitigkeiten von uns erwartet werden kann, ist der Glaube an das Ja zum Leben. Dieses Ja gründet in Gott und seinem Ja zu uns. Und es begründet unser Ja zu den Menschen.

Dieses Ja Gottes mögen wir fröhlich aufgreifen, es leben und wo möglich verkörpern, indem wir vertrauen. Dieses Ja geben wir weiter, indem wir den christlichen Glauben praktizieren. Dazu gehört es auch, der Verneinung des Lebens zu widersprechen, nein zu sagen zum Abschneiden von Chancen, nein zur Vernichtung von Leben durch Technik und Industrialisierung, nein zur Gedankenlosigkeit und Lieblosigkeit im digitalen Umgang miteinander. Durch unsere Entscheidungen zum Ja zum Leben und zum Nein gegen Hass und Tod, die wir treffen, wird unser Glaube zu einem Weg. Zum Weg, zu dem Konsequenzen gehören. Deshalb braucht unser Glaube immer auch die Hilfe Gottes gegen den Unglauben, der uns aufhilft, wie die Lichtgestalt auf unserem Lesezeichen.

Zukunftsrelevant im Glauben ist, dass uns nichts von außen vorgeschrieben wird. Es sind unsere persönlichen Entscheidungen, die wir auf der Grundlage unserer Werte und in Wort und Wahrheit grundierten Überzeugungen treffen. Der praktische Glaube wird wirksam im Entschluss für das Gute. Dazu braucht unser Glaube vor allem Beharrlichkeit:

Euer heutiger Glaube ist ein Anfang, kein Abschluss. Ihr müsst erst in die Schrift hinein und ins Gebet hinein, ihr ganz allein. Und ihr müsst lernen, euch mit der Waffe des Wortes Gottes zu schlagen, wo es nottut. Christliche Gemeinschaft ist eine der größten Gaben, die Gott uns gibt. Aber Gott kann uns dieses Geschenk auch nehmen, wenn es ihm gefällt, wie er es vielen unserer Brüder heute schon genommen hat. Dann stehen und fallen wir mit unserem eigenen Glauben. Einmal aber wird jeder von uns in dies Alleinsein gestellt werden, auch wenn er ihm sein Leben lang aus dem Weg gegangen ist, in der Stunde des Todes und des Jüngsten Gerichts.

Praktisch gibt es für den Glauben eine Stärkung, nämlich das Wort Gottes. Für mich sind es bestimmte Worte und Bibelzitate, die mein Leben begleiten wie der Konfirmationsspruch. Jeder Mensch, in dem der Glaube sich mit einem Bibelwort verknüpft und fängt, wird zum Träger des Wortes, zur Evangelistin, zum Verkündiger und zur Verkündigerin, vor allem im persönlichen Bereich. Ich fände hier eine echte Glaubenskrise, wenn wir im persönlichen Bereich vom Glauben schweigen. Unser Glaube wird seine Zukunft entfalten, wo wir selbst zu Trägerinnen und Trägern des Evangeliums werden und selbst über unseren Glauben zu sprechen lernen.

Euer Glaube wird in schwere Versuchungen geführt werden. Auch Jesus Christus wurde versucht, mehr als wir alle. Es werden zuerst Versuchungen an euch herankommen, Gottes Geboten nicht mehr zu gehorchen. Mit großer Gewalt werden sie euch bestürmen … Das muss alles so kommen, so gewiss euer Glaube lebendig ist.

Wäre der Glaube ein ständiger Kampf mit stetiger Gefahr der Feindberührung? Bonhoeffer heute verstanden – in seiner Zeit war der kommende Weltkrieg ja absehbar – geht es um die Versuchung, uns den Glauben abspenstig zu machen. Das würde bedeuten, dass in meinem Leben Angst und Unsicherheit die Überhand gewinnen. Wir können erwarten, auch in unserer Unsicherheit und Angst von Gott begleitet zu werden.

Gut an Versuchungen könnte am Ende gewesen sein, dass wir dann dem Glauben nicht mehr ausweichen können. Not und Leid und Trauer verdeutlichen uns dann, was ein Leben ohne das Ja Gottes wäre. Unser Alltag strotzt nicht ständig vom Leid, aber es gehört zu unserem Leben. Im Laufe eines Jahres komme ich mit vielen Menschen in Berührung, die aktuell leiden. Und ich habe oft wenig  Trost zu bieten, sondern leide in der Regel mit. Der menschliche Glaube wird in der Not schwach und zweifelt, aber die Schwachheit des Glaubens ist am Ende seine Stärke. Wenn wir erleben, dass andere Menschen mit uns leiden, dann können wir sehr konkret dadurch spüren, wie Gott uns hält und dass wir von ihm nicht mehr loskommen.

Gott schickt seinen Kindern das Leid gerade dann, wenn sie es am nötigsten brauchen, wenn sie allzu sicher werden auf dieser Erde. Da tritt ein großer Schmerz, ein schwerer Verzicht in unser Leben, ein großer Verlust, Krankheit, Tod. Unser Unglaube bäumt sich auf. Warum fordert Gott das von mir? Warum hat Gott das zugelassen? Warum, ja warum? … Keiner kommt um diese Not herum. Es ist alles so rätselhaft, so dunkel. Und gerade in dieser Stunde der Gottverlassenheit dürfen und sollen wir dann sprechen: ‘Ich glaube; hilf meinem Unglauben‘!

Möge es unseren Glauben in diesem Jahr größer und stärker machen, dass wir ihn von allen Seiten, zur Not auch von seiner Schwäche her, kennenlernen. Dazu gehört, dass wir uns nicht nur auf den zweiten Teil der Jahreslosung berufen, die nach Hilfe im Unglauben ruft. Sondern wir können in diesem Jahr wieder lernen, dass wir in Gott durch Jesus Christus genug Grund haben, zu bekennen: „Ich glaube!“, weil Gott uns diesen Glauben schenkt und ihn in uns durch Erfahrung reifen lässt, damit er erneut wirksam wird durch uns.

Amen.

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