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Hier finden Sie die Predigten, die ich zuletzt in Starnberg oder einer der benachbarten Kirchengemeinden gehalten habe.

Zwei Sammelbände mit Predigten habe ich zudem im Fromm Verlag veröffentlicht:

  • „Nach der Kraft, die in uns wirkt“ (Epheser 3,20). Starnberger Predigten, 2017
  • „Du tust mir kund den Weg zum Leben“ (Psalm 16,11a). Lied- und Psalmenpredigten, 2018

Bitte melden Sie sich, wenn Sie daran Interesse haben: Tel.: 0173 2646401 oder E-Mail: stefan.koch(@)elkb.de


Predigt über II Petr 1,16-19

(gehalten am 31. Januar 2021, in der Friedenskirche Starnberg)

Liebe Gemeinde,

im chinesischen Taiwan gibt es an Neujahr eine auch in unserer Zeit noch gepflegte Zeremonie, die an der Statue des Küchengottes Zao Jun zelebriert wird. Zwar sind Teile des himmlischen Personals schon gar nicht mehr in Amt und Würden, aber die Tradition hält sich. Man ist dort davon überzeugt, dass der Küchengott – im eigenen Haus wohnend kennt der die Zustände daheim vermutlich gut – einmal im Jahr zum Obergott, dem Jadekaiser, marschiert, um Bericht zu erstatten. Was der Küchen- dem Himmelsgott über die Familie erzählt, entscheidet dann über das Schicksal der Familie im ganzen kommenden Jahr!

Küchengot Zao Jun, Taiwan
Bevor der Küchengott zu seiner Reise aufbricht, werden ihm zur Einstimmung auf seine Reise Süßigkeiten, Geistergeld und Papierpferdchen zur Erleichterung der möglichen Beschwer seines langen Marsches geboten. Soweit so üblich, oder? Kennt man ja auch aus heimischen Gefilden und von Urlaubsexkursionen. Sollen die Menschen doch glauben, was sie wollen, wenn es ihnen hilft, wie? Weil man ja nun ganz gewiss nicht in Teufels Küche kommen möchte, bestreicht die Familie die Lippen der Statue des Küchengottes sicherheitshalber mit Malzzucker, Honig und Marmelade. Denn nun sollten ihm doch eigentlich beim Bericht von der Familie nur noch süße Worte über die Lippen gehen, sodass die nächste Zukunft der Familie nicht nur in der eigenen Küche gesichert ist … dies alles sind Praktiken, die im AT unter den Propheten besonders treffend der zweite Jesaja (Jes 40ff) aufspießt, wenn er in spöttischem Ton die Menschen nach dem geschätzten Material fragt – Holz damals natürlich, Gips und Pappmaschee in Taiwan? – aus dem solche "Götterbilder" respektive Idole eigentlich gemacht sind. Der Prophet tut das, um klarzulegen, dass die Menschen, die so glauben und handeln, auf dem Holzweg einer schlicht erfundenen Religion zur Befriedigung eigener Bedürfnisse sind.

Der Apostel Paulus würde dazu seinen Röm bemühen und wie dort lästern, dass da wieder mal auf dümmliche heidnische Façon Schöpfer und Geschöpf völlig unzulässig und unentschuldbar miteinander vertauscht (Röm 1,23) worden sind. Nur ein menschenerdachtes und menschengemachtes Götzenbild kann man manipulieren. Freilich ist es irgendwie auch süß, was Menschen sich für einen Gott ersinnen und zugleich ist es beachtlich, was Menschen ihrem Götzen für Versprechungen machen, damit er ihre Bitten erhört …

Ist dies tatsächlich vor allem der Furcht geschuldet, es könnte im Familiensetting anders ins Jahr hineinlaufen, als man es in schweren Zeiten jetzt braucht? Natürlich kann es (nicht nur bei uns daheim) immer anders kommen, als wie es uns erhoffen. Die Sorge, dass uns Dinge und Entwicklungen bevorstehen, die wir nicht in den Griff behalten oder die uns durch ihre schlichte Dauer überwältigen, sie mag in unseren Tagen und Monaten viele von uns bewegen. Mich bewegt sie, ob den Menschen die Kraft und Geduld reicht, bis die zweite Impfung erfolgt ist. Und es gibt viele weitere Sorgen und Ängste vor dem, das wir nicht in der Hand haben.

Was gibt Orientierung und Halt? Gott traut uns zu, ihm zu vertrauen. Der Predigttext aus dem zweiten Petrusbrief, historisch dem jüngsten Text im ganzen NT, passt gut zu der Geschichte von Jesu Verklärung auf dem Berg (vgl. Mt 17,1-9 als Sonntagsevangelium), wo sich das Leben für die mitgenommenen Jünger endlich einmal so wohlig (17,4a) und gut anfühlt, dass man am liebsten gar nicht wieder in Tal und in die Niederungen des Alltags hinabsteigen möchte.

Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen. Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge.

Liebe Gemeinde, ja, man könnte auch heutzutage sehr persönlich das Empfinden haben, in düsteren Zeiten zu leben und zu wohnen, an einem etwa innerlich verdunkelten Ort, den auch der Schnee nur äußerlich heller, aber nicht wärmer oder lichter gemacht hat. Fühlen Sie sich derzeit wohl in dieser Welt? Viele sind gerade in einer Art Deckung und Winterschlaf. Wir haben freilich diese Hoffnung: das Licht wird sich durchsetzen, die Wärme, der Glanz, der auf Jesu Gesicht lag, als er auf dem Berg verklärt wurde, wird erneut dazu führen, das Leben zu erwecken und den Frühling und die Impfung zu bringen. Gottes Stimme vom Himmel hat es angekündigt und die Herrlichkeit des Höchsten hat es in helles Licht getaucht: Der Sohn Gottes ist erschienen, den Gott immer schon zu uns senden wollte, damit er uns die Augen und Herzen öffnen. Gemeint damit ist Jesus, der menschgewordener Sohn Gottes, der zu uns gekommen ist, um uns mit seiner Hoffnung zu imprägnieren und zum Leben anzustecken.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft greifen ineinander und verbinden sich im Predigttext, dessen Brief erneut wie schon eine erste Ausgabe (I Petr) dem alten Apostel Petrus zugeschrieben wurde, um Beachtung zu finden. Inhaltlich ist das ja wichtig, was da steht und gesagt wird, auch wenn gerade keine Augenzeugenschaft (aber eben auch keine unrealistische und unhaltbare Fabelei) besteht. Denn die Erinnerung an die innerer Stimme Gottes in unserem Leben, was wir bereits mit Gott in guten Zeiten vor Corona erlebt haben, das macht uns stark. Das trägt auch für Morgen. Das, was wir persönlich, jede und jeder von uns auf die ganz eigene Art, schon mit Gott erlebt und von Gott als Zuspruch und Segen fahren haben. Das wir so deuten können und mögen, dass wir erlebt haben, dass Gott an unserer Seite ging, als es zwielichtig wurde und dunkel um uns war und wir nicht wussten, wie es weitergehen würde.

Da ist zum anderen, neben dem persönlichen Erleben, neben unserer eigenen Erfahrung und Theologie, auch das, was andere vor uns mit Gott erlebt haben. Zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer, der sich im Berliner Gestapogefängnis am heutigen Erinnerungsort namens "Topographie des Terrors" zweifelnd fragt, da andere sich ihm mehr Selbstvertrauen abschauen, als er selbst in sich entdeckt: "Wer bin ich?" Der hin- und her schwankt zwischen einsamer Verzweiflung und den Mitgefangenen gegenüber offensichtlich hergezeigter Gelassenheit. Pendelnd zwischen dem Zorn auf sein Schicksal der Trennung von der Frau, die er liebt, und der Ohnmacht, ob seine Familie auch noch in den Schlund der Todesgefahr um das eigene Leben hineingezogen wird, in dem er schon steckt. Am Schluss legt Bonhoeffer was er von sich weiß und alles andere in Gottes Hände und sagt: "Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott."

Wir Christen sind nie alleine unterwegs auf dem Weg durchs Leben. Viele gingen vor uns diese Strecken. Andere gehen mit uns, wir gehören in die Gemeinschaft der Getauften. Es gab schon Christmenschen durch die Zeit seit Jesus, an ihnen können wir anknüpfen. Daran, wie sie Gott in Liedern gelobt oder in Psalmen beklagt haben. In ihr Vertrauen können wir einstimmen und wie sie den passenden Vers beten: "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln" (Ps 23,2). Andere sind mit uns gemeinsam unterwegs. Und es wird wieder die heute noch jungen Christen geben, die jetzt schon auf dem Plan sind und die dann in ganzer Größe noch nach uns kommen, die das Wort Gottes weitertragen werden in eine noch neuere Zeit, die dann nicht mehr unsere ist. Wir glauben nicht alleine. Wir haben den Trost und die Hoffnung unserer Geschwister, unserer Familie in Gott, für die wir keinen Küchengott als Beschwichtiger im Himmel oder auf wolkenumtürmten Bergeshöhen brauchen.

Natürlich neigt man als Protestant dazu, die eigene Beziehung zu Gott über alles andere zu betonen. Und es gibt zu jeder Zeit die Brüder und Schwestern, die nicht nur heute mit gewiss gutem, weil so empfundenem Recht betonen, sie seien ihrem (und unserem) Gott am nächsten, wenn sie alleine für sich hin durch den Wald gehen oder einen einsamen Spaziergang am Meer machen. In den letzten Wochen bin ich genauso selbst immer wieder unterwegs gewesen. Ich kenne und brauche auch die Momente der Stille in der Natur, der besonderen Atmosphäre im Winterwald und am Seeufer. So wie ich mir gerne daheim sehr laut Musik anmache, die dann durchs ganze Haus schallt, wo sie am Abend keine Nachbarn oder die tagsüber fleißigen Mitarbeitenden des Sozialpsychiatrischen Dienstes (SPDi) in den Büros nebenan stören kann. Das Putzteam, das oft abends erst sehr spät kommt, erfreut sich hoffentlich an diesen Klängen …

Ich denke gerne über Gott alleine nach. Aber auch meine eigene Erfahrung mit Gott braucht als Ergänzung und Korrektur Eure Gemeinschaft: zum Singen brauche ich die Gemeinde sowieso, aber auch zum gemeinsamen Beten des Psalms und des Vaterunser, zum verbindenden Hören der Worte der Lesung und der Predigt, und zum miteinander Bekennen des Glaubens, damit ich nicht ins Stottern und Stolpern gerate. Wo mein eigener Glaube einem klein und zerbrechlich scheint, tut es uns gewiss gut, uns gegenseitig zu bestärken.

Und was wären wir ohne die Geschichten und Stories und Erzählungen und Legenden und sogar Fabeln und Gleichnisse über Gott, die andere vor uns erlebt, verstanden, neu ausgelegt, dadurch kreativ erinnert und zur Sicherheit sogar noch aufgeschrieben und in heiligen Büchern bewahrt haben? In der Bibel des Alten und des Neuen Testaments, in der biblischen Tradition, aus der auch unser Predigttext mit seinem fiktiven Petrus im Brief schöpft, finden wir viele Narrative und Verse, die uns Hoffnung geben können.

Viele Menschen haben Lieblingsgeschichten und Lieblingsverse, im Starnberger Gemeindebrief haben wir schon vor einiger Zeit eine Reihe begonnen, sich darüber auszutauschen und zu erzählen. Eine neutestamentliche Parabel (so nennt man besondere, nicht alltägliche Beispielgeschichten), die ich sehr mag, ist die von der Heilung des blinden Bettlers Bartimäus vor Jericho (Mk 10,46-52). Ich habe diese Geschichte schon oft in Schulgottesdiensten anhand der Bilder des Kinderbibelmalers Kees de Kort erzählt. Diese Bilder zeigen besonders schön, dass der Blinde nicht locker lässt, sondern immer weiter und zur Not immer lauter schreit: "Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner" (10,47b.48b). Jesus hört ihn und ruft ihn zu sich. Und als der Blinde es noch einmal ausgesprochen hat, was er von Gott braucht, in diesem Augenblick kann er sehen. Auf eben diesem Bild der Heilung ist in der Kinderbibel Bartimäus mit derart aufgerissenen, staunenden Augen gemalt, die zum ersten Mal alles um sich herum sehen, ein Ausdruck von intensivstem Sehen liegt auf seinem Gesicht. So muss es sein, plötzlich alles, was vorher im Dunkel lag, mit eigenen Augen zu erfassen. So muss es sein, das befreiende Wort zu hören. So muss es sein, die Herrlichkeit Gottes zu schauen …
Vielleicht ist das auch ein einzelner Verses, die Sie begleitet? Für mich gibt es einige davon: die Herrnhuter Losung am Tag meiner Geburt am 5. August 1965; das Bibelwort, das einmal auf meinem Grabstein stehen soll (II Kor 12,9): "Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!" Oder mein Spruch zur Konfirmation am 9. April 1979: "Gott der Herr ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil" (Jes 12,2b). Manchmal geraten einem diese Sprüche in den Hintergrund und beschäftigen mich lange nicht, dann wieder sind sie präsent und sprechen zu mir und ich bin froh, sie mir nicht selbst ausgesucht zu haben, sondern auf den Kopf und das Herz zugesagt bekommen zu haben.

Das konkrete Wort der biblischen Botschaft, die unvermittelt heute spricht, ist ein Licht, das an einem dunklen Ort scheint, von einer Stimme erzählt der Petrus unseres verspäteten Briefes in seiner Erinnerung an Jesu Verklärung. Das Wort verscheucht das Dunkel, und mit seinem Glanz kommt Gott in unsere Welt. Damit wird das, was uns tagtäglich umgibt, inwendig hell und – wo wir es so begreifen – durchscheinend für Gott. Das passiert, wo Menschen einander begegnen und sich helfen. Wo wir einander schreiben, uns anrufen, uns online treffen oder auch nur intensiv genug aneinander denken.

Gottes Licht erreicht uns heute aus der Zeit von vor mehr als 2000 Jahren. Lange vor uns, mindestens 2000 Lichtjahre früher haben andere schon sein Leuchten gesehen und wurden dankbar. Heute scheint es uns. "Diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen", in dieses Audio-Bild fasst es der Predigttext. Heute erahnen wir einen Vorschein von einem solchen Licht, dessen Glanz und Wärme uns eines Tages ganz erfüllen wird. Schon heute will es uns erreichen und ermuntert uns, Mut zu fassen. Wir kommen her aus dem Licht und gehen hinein in das Licht. So schließt sich der Kreis unseres Lebens und wir sind ewig aufgehoben bei Gott.

Ein Lied begleitet mich in seiner schlichten Melodie seit einiger Zeit, ich habe mir angewöhnt, es auch beim Gehen draußen immer wieder einmal zu singen, es beschwingt mich zudem. Und es fasst unseren Predigttext auf eigene Weise und mit eigenen Worten gut zusammen: "Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht; es hat Hoffnung und Zukunft gebracht; es gibt Trost, es gibt Halt in Bedrängnis, Not und Ängsten, ist wie ein Stern in der Dunkelheit." (Liederheft "Kommt, atmet auf" Nummer 056) Ich freue mich, es nachher mit Ihnen zu singen.

Amen.


Predigt über Röm 12,1-8(9-18)

(gehalten am 10. Januar 2021, in der Friedenskirche Starnberg)

Liebe Gemeinde,

es war eine kleine Beerdigung auf einem der Münchner Friedhöfe. Nur engste Angehörige der hochbetagt Verstorbenen waren gekommen. Einer von Ihnen, in meinem Alter, geht auf dem kurzen Weg hin zur Friedhofskapelle und zur Trauerfeier neben mir her und fragt trotz schwarzem Talar meinerseits: "Sind Sie evangelisch, oder katholischer Pfarrer?" Ich antworte sachgemäß. Er daraufhin: "Also ein weltlicher Pfarrer". Was meinte er damit? Weltoffen in dem Sinn, dass der Pfarrer mit offenen Augen wahrnimmt, was in der Welt geschieht, dass er nicht über die Köpfe der Menschen hinweg predigt? In diesem Sinn möchte ich sehr weltlich sein. Oder verstand er unter weltlich einen, der die Menschen bitte nicht mit frommen Sprüchen belästigt, den man bei Bedarf auch nach dem Kirchenaustritt holen kann, um einem Geburtstag, einer Einweihung oder sogar Beerdigung noch den nötigen zeremoniellen Rahmen zu geben? Ehrlich gesagt bin ich so ein Pfarrer auch und ein wenig stolz darauf, bei den hiesigen Bestattern einen entsprechenden Ruf zu haben, dass man nicht zu Kreuze kriechen muss, wenn man die Mutter kirchlich beerdigt und damit angemessen bestattet haben will.

Wie lebt ein Christ in dieser Welt? Lasst euch nicht in das vorgefertigte Muster des Zeitgeistes pressen. Gestaltet euch stattdessen um, indem ihr ein neues Denken beginnt. Auf diese Weise könnt ihr beurteilen, was dem Willen Gottes entspricht! Mit ähnlichen Worten umschreibt es der Apostel Paulus den Christen einer kleinen Hausgemeinde in Rom. Wie lebe ich als Christ in dieser Welt? Für Paulus gehört dazu dreierlei: ein Leben aus Dankbarkeit, ein Leben für Gott auch im Alltag und ein Leben mit meinen Gaben. Und das schreibt Paulus wörtlich:

Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.
Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt, sondern dass er maßvoll von sich halte, wie Gott einem jeden zugeteilt hat das Maß des Glaubens. Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied. Wir haben mancherlei Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Hat jemand prophetische Rede, so übe er sie dem Glauben gemäß. Hat jemand ein Amt, so versehe er dies Amt. Ist jemand Lehrer, so lehre er. Hat jemand die Gabe, zu ermahnen und zu trösten, so ermahne und tröste er. Wer gibt, gebe mit lauterem Sinn. Wer leitet, tue es mit Eifer. Wer Barmherzigkeit übt, tue es mit Freude.


Ein Leben für Gott ist ein Leben aus Dankbarkeit, damit fängt Paulus an. Und die Dankbarkeit ist auch der Start unser Gedanken an Gott, konkret die Dankbarkeit über Gottes Barmherzigkeit. Gottes Gnade über uns, die wirksam ist, sie steht am Anfang. Und erst dann kommen Auf- und Anforderungen, die an uns gestellt werden, zu denen wir uns stellen sollen. Gott gibt zuerst, bevor er fordert. Und auch wir, wenn wir gefordert sind, sollten dann zuerst geben.

dankbarkeitDie Absolventinnen und Absolventen berühmter Universitäten, die es inzwischen auch hierzulande gibt, spenden oft hohe Beträge an ihre almae mater – aus Dankbarkeit für die Ausbildung, für großzügige Stipendien, die auch Menschen bekommen, die sich ein Studium in Harvard oder Princeton sonst nicht leisten könnten. Mit dem entsprechenden Hochschulabschluss in der Tasche waren die Menschen dann in der Lage, gut bezahlte Berufe zu ergreifen.

Um wie viel größer wird die Dankbarkeit eines Menschen sein, der Gottes Barmherzigkeit erfahren hat! Eines Mannes und einer Frau, die verstanden hat: Gott hat in mich nicht nur viel Geld investiert, sondern seinen eigenen Sohn hat er für mich zur Welt gebracht. Gott befreit uns aus Sünde und Todesverfallenheit, in Jesus schenkt er allen neues Leben und Gemeinschaft mit Gott, die über den Tod hinausreicht. Es ist dieser Blick Gottes, der mich zum weltlichen Pfarrer macht. Der mir hilft, auch bei Angehörigen, die gar nichts von Kirche und Gott halten, den Auftrag zu erfüllen, den Jesus uns gegeben hat, immer von Gottes Barmherzigkeit zu zeugen, die alleine den Menschen, den sie erreicht, von innen heraus verändern kann.

Was ich jetzt nur sehr kurz angedeutet habe, eben dies hat Paulus im Römerbrief in elf langen Kapiteln entfaltet: Er schreibt von Gottes wirksamer und kräftiger und durchsetzungsstarker Gerechtigkeit trotz aller Menschen Unentschuldbarkeit, wenn wir das Gute nicht tun (Röm 1-2). Paulus fasst im Blick auf das Kreuz in ein eindrückliches Bild, wie man es damals aus dem Tempel und dem Versöhnungstag kannte (Röm 3). Paulus erklärt, dass Gott nie etwas anderes mit den Menschen erreichen wollte, als dass sie sich als Gottes Kinder begreifen (Röm 4). Er schreibt von Gottes Liebe, die uns über das Einüben von Geduld zum Frieden bringt (Röm 5). Und Paulus fasst in große Worte, was unsere Taufe ist, in der wir Anteil an Christi Tod und Auferstehung bekommen (Röm 6,1-11) … und so weiter im Text der Kapitel dieses wunderbaren Paulusbriefes, den unser Bibelkreis weiter studieren wird, wenn wir uns treffen dürfen.

"Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei (Röm 12,1) – es geht um ein Leben für Gott auf der Grundlage von Gottes Barmherzigkeit und unserer daraus folgenden Dankbarkeit. Das ist das lebendige Opfer, das Paulus hier meint. Kein Mensch muss Gott durch den Vollzug von Ritualen zufrieden stellen, auch nicht durch den Besuch des sonntäglichen Gottesdienstes hier oder im Internet, und nicht einmal durch einen als Opfer verstandenen Empfang der Taufe oder die Teilnahme am Heiligen Abendmahl.

Unser Gottesdienst geht sonntags von 9.30 Uhr bis gerade mal 10.30 Uhr und von 11 bis kurz vor 12 in Söcking. Darin dient uns Gott, indem er uns beschenkt in seinem Wort und durch die Sakramente, in denen uns die Größe seiner Barmherzigkeit vor Augen gestellt wird. Und das soll dazu dienen, dass wir dann quasi die Woche über Gott dienen können, indem wie den Menschen mit der Weitergabe von Gottes Barmherzigkeit dienen. So ist unser "vernünftiger Gottesdienst" (Apostel Paulus) "im Alltag der Welt" (Ernst Käsemann) gedacht.

Leben für Gott aus Dankbarkeit, damit fängt Paulus an. Gottes Gnade über uns, die wirksam ist, das steht am Anfang. Und erst dann kommen die An- und Aufforderungen, die an uns gestellt werden, zu denen wir uns stellen sollen. Die Aufforderungen, die wir vorhin gehört haben (Röm 12,1-8), und Paulus setzt die Reihe weiter fort: "Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor. Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft. Segnet, die euch verfolgen; segnet, und verflucht sie nicht. Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden. Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug." (Röm 12,9-16)

Liebe Gemeinde, die Ratschläge prasseln wie ein starker Regen aus Vordach. Der Römerbrief hat auch einen Teil, in dem der Apostel die Christen ermahnen will, aus der Dankbarkeit Gott gegenüber alles Gute für die Menschen um sich herum fließen zu lassen. Die Ansprüche an das Verhalten sind hoch, bedenkt man, dass Paulus die kleine Gemeinde in Rom, der er seinen Brief schreibt, gar nicht kennt, dass er sich ihr mit seinem Schreiben erst einmal vorstellen, in Rom aufgenommen, beherbergt und für die Weiterreise nach Spanien ausgestattet werden will. Und das, was Paulus schreibt, zielt auf Wirkung. Selbst dann, wenn uns übel mitgespielt wird und uns gar Böses widerfährt, sollen wir es nicht mit eigenem Bösem vergelten, sondern stets auf der Seite des Guten bleiben, auf die wir gehören (Röm 6,12ff).
Natürlich fallen auch mir Szenen und Begebenheiten ein, in denen das jedenfalls mir wohl rundheraus unmöglich war. Was machen wir Menschen mit den Aggressionen, die das Herz bis zum Rand erfüllen, weil man tief verletzt wurde, in der Schule gemobbt, in der Arbeit geschnitten, in dem, was mir wichtig ist, übersehen, bei dem, was ich weitersagen möchte, unerhört, in dem, was von mir bleiben soll, missachtet? Die Psychologie hat verstanden, dass unsere Aggressionen zum menschlichen Leben dazugehören wie unsere Ängste. Sie suchen sich ihre Wege und werden manchmal gerade dann destruktiv, wenn wir sie nicht wahrhaben wollen.

Der Tübinger Dichter und Philosoph Friedrich Nietzsche hat das Christentum seiner Zeit scharf dafür kritisiert, dass es mit diesen Aggressionen nicht umgehen könne, dass es Menschen klein mache und Freudlosigkeit säe. Für ihn war es am Ende unerträglich, dass eine gute Religion das Leben verneint und uns "entselbstet", wie Nietzsche sagte, Unmenschliches von uns verlangt. Unerfüllbares wie "hasst das Böse, hängt dem Guten an. Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor" (Röm 12,9b-10)?

Schon Jesus in der Bergpredigt (Mt 5-7) und jetzt auch Paulus (Röm 12) empfehlen uns als Verhaltensmaßstab die Feindesliebe und Vergebung. Für Opfer böser Taten und ihre Angehörige kann dies eine unerträgliche Forderung sein. Das schon alttestamentliche und jüdische, und deshalb auch christliche, Gebot der Feindesliebe kann eine kaum erträgliche Härte in seiner unbedingten Forderung darstellen. Man kann auf das Gebot der Feindesliebe keine Rechtsordnung und keinen Staat aufbauen (Martin Luther). Aber wir, ich selbst, ich kann in der Nachfolge Jesu meinem Feind vergeben und auf Rache verzichten. Als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung im Sinn einer allgemeingültigen Maral (Immanuel Kant, Friedrich Schleiermacher) war das Gebot zur Feindesliebe nicht gemeint. Als juristische Grundlage würde das Gebot der Feindesliebe als Gesetz am Ende in der Bilanz vielleicht zu weniger Gerechtigkeit und mehr Unrecht führen, das hat zuletzt die Mathematik und ihre Spieltheorie herausgefunden. Martin Luther ordnet die Vergebung dem geistlichen Regiment zu. Sie ist das Metier der Christen und ihrer Kirche in der Beichte und in der Seelsorge. Das weltliche Regiment, der Staat mit Polizei und Militär hat nach innen und nach außen für Sicherheit zu sorgen und notfalls zu strafen.

"Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht!" (Röm 12,14) Hätte denn der den Ton vorgebende Apostel selbst so gelebt, wie er es hier anderen wortreich und in durchaus eingängigen Bildern empfiehlt? In seinen Briefen ist Paulus oft kräftig und eigentlich nie konfliktfrei aufgetreten. Er konnte in hohem Maß zornig sein, bitter, sarkastisch, polternd und im Ton rasiermesserscharf. Einmal hat Paulus sogar Petrus, zu Besuch in seiner Heimatgemeinde in Antiochia in Syrien, vor allen bloßgestellt und vorher scharf zurechtgewiesen. Petrus hatte sich in seinem Verhalten kompromissbereiter gezeigt, als es dem Paulus möglich und um Christi willen richtig schien. Allerdings findet sich bei Paulus an einigen Stellen auch einige Selbstkritik.

Womöglich ermahnt sich der Apostel hier im Röm selbst, wie wir das auch immer wieder einmal tun. Und darin kann man ihm ja zustimmen und ihm schlicht recht geben: Es geht nicht gut, wenn man auf Böses mit Bösem antwortet. Das zu bedenken kann uns erst einmal entlasten und uns das vorschnelle Reagieren unterlassen helfen. Es kann uns aus den Mechanismen und Automatismen herausholen, in die wir verfallen, indem wir auf eine Frechheit nur mit gleicher Münze antworten, obwohl wir wissen, dass uns das nur kurzzeitig Luft verschafft.

Freilich bleibt die Frage: müssen wir wirklich moralische Musterschüler sein? Es hilft mir, dass jedenfalls Jesus, wo er solche hohen Forderungen an seine Jünger stellt, immer von einem besonderen Bild ausgeht. Jesus – und mit ihm hier nun auch Paulus – rät uns dazu, uns klar zu machen, dass wir als Gottes Kinder dem höchsten Haus zugehörig sind. Als zukünftige Königinnen und Könige, die einmal das Erdreich besitzen werden, können wir es uns leisten, auch einmal die Milde eines Herrschers, die berühmte römische clementia (etwa eines Gaius Julius Caesar) wie einen Purpurmantel um die Schultern zu legen. Als Mitglieder des höchsten Hauses, die wir durch die Taufe wurden, als Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen (Eph 2) können wir auf die Durchsetzung unserer Ansprüche mit äußersten Mitteln verzichten!

"Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor … Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft … Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden. Seid eines Sinnes untereinander … Haltet euch nicht selbst für klug" (Röm 12,10.13.15-16). Unser christlicher Glaube ist, wo es ihm mit uns gut geht, wo er sich durch uns ausleben darf, auch eine Schule der Gefühle. Auch in dieser Schule geht es pädagogisch und didaktisch zu, unser Glaube will uns etwas lehren, was wir fürs Leben brauchen. Manche praktizieren da schon länger den Fern- und Distanzunterricht. Mir ist in der Schule in Starnberg und in der des Glaubens Präsenz immer am liebsten. So oder so, das Lernziel ist deutlich und vorgegeben: Wir sollen klug werden.

Paulus will uns wie Jesus Nächstenliebe lehren. Das ist ein anspruchsvolles Unterfangen, zumal es heute in den Lehrplänen an allen Schulen immer um die sogenannte "Kompetenzorientierung" geht – also darum, an dem anzuknüpfen, was wir schon wissen und können und dies dann weiter auszubauen. Wir sollen lernen, den christlichen Glauben wirksamer werden zu lassen. Es soll uns nicht gleichgültig sein, dass es dem und der Nächsten nicht gut geht. Und selbst für die Fernsten, und auch noch für Menschen, die sich als unsere Feinde zeigen, sollen wir mehr Empathie aufbringen als bisher. Oder wir sollen es wenigstens immer wieder von neuem versuchen, eine brenzlige Situation nicht nur aus unserer, sondern auch aus der Sicht anderer wahrzunehmen. Die Kompetenz dazu finden wir bei uns nicht immer schon metertief abgelagert wie Sediment und Humus, aus dem gute Frucht wachsen kann.

Der Glaube ist eine Schule der Gefühle, deshalb sagt der Apostel: "Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden" (Röm 12,15). Es ist ein entscheidender Schritt für jedes Kind im Kindergarten zu lernen, die Gefühle eines Gegenübers aus dessen Gesicht zu verstehen. Derzeit sind uns die Gesichtsmasken dabei sehr im Weg. Aber wer die christliche Sonntagsschule der Gefühle durchläuft, kann auch mit ihr sensibel werden mit seinen Mitmenschen und mit der ganzen Kreatur.

"Hasst das Böse, hängt dem Guten an", fordert der Apostel (Röm 12,9b). Womit es eine Antwort gibt auf die Frage, wer stärker ist, ich oder das Böse. Es gibt eine geistliche Antwort auf die Frage, wer stärker sein soll, ich oder der Zorn. "Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem" (Röm 12,21). Paulus weiß um dieses Potential. Die Energie, die im Zorn, in der Wut, in der Rache stecken, soll sich auf das Gute richten. Die Energie in uns soll der Macht des Bösen entzogen werden und das Feuer des Guten schüren. Sie kennen diese Geschichte ja: Ein alter Indianer sitzt am Lagerfeuer mit seinem Enkel und erzählt ihm: "Im Leben jeden Menschen gibt es zwei Wölfe, sie kämpfen um die Vorherrschaft. Der eine strebt nach Geltung, Eifersucht, Habsucht, Wut und Hass. Der andere Wolf strebt nach Vertrauen, Offenheit, Freundschaft, Gelassenheit und Freude". Der Enkel schaut in die züngelnden Feuerflammen, Funken steigen auf und tanzen in den Nachthimmel. Er fragt sich und den Großvater, welcher der beiden Wölfe gewinnen wird. "Es wird der Wolf in dir stark werden, den du fütterst!" Paulus legt uns – im Bild gesprochen – mit seinen Worten die Kraftnahrung hin, die das Gute in uns braucht, um zu wachsen.

Amen.


Predigt über die Jahreslosung 2021 aus Lk 6,36

(gehalten am 01. Januar 2021, in der Friedenskirche Starnberg)

Liebe Gemeinde,

ein echter Bergsteiger bin ich kaum, weiß aber, dass man auch im Gebirge besser zu zweien unterwegs ist als alleine. Und noch besser ist es, das noch eine/einer als Dritte/r im Bunde mit von der Partie sein kann, jemand der viel Erfahrung beim Auf- und Abstieg im Hang und genug Kraft am Seil und in kritischen Situationen mitbringt. Es fällt mir mitunter gar nicht so leicht, die eigenen Kräfte gut einzuteilen. Das merke ich besonders beim frohgemuten Abstieg vom Gipfel, wenn die Konzentration nachlässt und die Schritte stolprig und auch unsicherer werden. So geht es mir beim Klettern wie im Leben. Oft genug spüre ich beim Streben nach dem Ziel: die Kraft ist da und ich kann fast spielerisch laufen, ja rennen. Manchmal aber zapfen auch kleine Zwischenschritte und verzögernde Handgriffe so viel Energie; manchmal nörgle ich, wenn nur eine Kleinigkeit sich mir in den Weg stellt, ein fast mimosenhaftes "auch das noch …" Die Jahreslosung aus dem dritten Evangelium, dort aus der Feldrede, wie bei Lukas die Bergpredigt Jesu genannt wird, will mir eine/n Zweite/n und eine/n Dritte/n im Bunde an die Seite stellen und mir hilfreich zur Hand gehen lassen. Die Jahreslosung für die heute beginnende nächste Zeit lautet: "Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist" (Lk 6,36)

Jahreslosung 2021, Bergsteiger helfen sich gegenseitig

Ein Kletterbild drückt das für mich gut aus. Es zeigt zwei Mutige, die einander zur Hand gehen. Und es zeigt eine Hand, die den Beiden überhaupt erst die besteigbare Ebene und Fläche bietet, auf der man, erst einmal raufgekraxelt, dann gut stehen und ausruhen kann von der Mühsal des Weges hinauf. Beide Kletterer lässt ein heller Kreis noch deutlicher hervortreten wie ein Scheinwerferfokus. Die große Hand erkennt man, wenn man das Zusammenspiel der beiden erweitert auf die große Perspektive.

Das ist es auch, was unserer Jahreslosung gut tut. Hin und her zu fokussieren auf die Hand, die wir einem anderen reichen, auch auf die Hand, die uns gereicht wird, und auf die große Hand Gottes, die uns trägt und die Basis bildet, sodass wir im Leben gemeinsam klettern können.
Der Satz dieser Jahreslosung ist in der Feldrede im Evangelium der Auftakt einer Reihe von Aufforderungen: "seid barmherzig" (Lk 6,36), "richtet nicht" (37a), "verurteilt nicht" (37b), "befreit" (37c) und "gebt" (38). Jedes Mal wird dazu gesagt, was die Konsequenz ist: "richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet … verurteilt nicht, dann werdet ihr auch nicht verurteilt, befreit, und ihr werdet auch befreit werden, gebt, so wird euch gegeben" (6,37f). Beim "seid barmherzig" freilich wird nicht die Konsequenz benannt, sondern das von uns erwartete Handeln beispielhaft begründet: "wie auch euer Vater barmherzig ist" (6,36).

Diese Sätze klingen vertraut und zugleich ein wenig ungewohnt, weil wir diese Aufforderungen sonst aus der Predigt Jesu zitieren, wie sie uns geläufiger sind. Im Lk findet sich ja gewissermaßen mit der "Feldrede" (Lk 6,20-49) eine Kurzfassung der "Bergpredigt" (Mt 5-7), ohne deren gekürzte Memorierfassung zu sein. Ein genauer Vergleich beider Texte ließe viele schöne Einzelheiten zeigen. Die Feldrede kennt ganz eigene Blüten dessen, was unter uns gut zu tun ist. Dass etwa unser gegenseitiges Vergeben ein echtes Befreien (6,37c) und die vorauslaufende Ergänzung zum gegenseitigen Geben (6,38a) ist. Wer vergeben hat, kann schenken – so wird dann auch aus einem rein familiären Weihnachten noch ein christliches Familienfest.

Beide Predigten, auf dem Feld (Lk) und am Berg (Mt), dienten den Gemeinden dieser Evangelien in der Nachfolge Jesu dazu, das auszusprechen, was man an persönlichem Verhalten von den Christen erwartete. Die Redeform der Predigt als Szene passt dazu besonders gut. In beiden spricht Jesus zum inneren Kreis, den Jüngern, während die Umstehenden, das Volk, es hört und Jesu Jünger zukünftig daran messen kann. Wobei es durchaus Unterschiede im erwarteten Verhalten im inneren Kreis und unter den Leuten gibt: Außenstehenden gegenüber schreibt Jesus uns die Feindesliebe und die Nachgiebigkeit auch im Streit (6,27-36) in den Katechismus, im Umgang miteinander sollen wir das rechte Maß daran nehmen, wie wir selbst behandelt wurden und betrachtet werden wollen – von anderen und von Gott.

Wer auch immer unseren christlichen Glauben von dem AT abheben und unsere Ethik für eine bessere als die jüdische erklären wollen würde, an der Jahreslosung müsste man merken, dass man auf dem Irrweg läuft. Es geht beim Aufruf zu Barmherzigkeit um unser Verständnis füreinander und um die Annahme aller Gemeindeglieder und der Christen weltweit als Geschwister einer Gemeinschaft. Der Grund zur Aufforderung, Barmherzigkeit walten zulassen, gründet in der Barmherzigkeit Gottes, des Vaters Jesu Christi, unseres Herrn. Der dahinter stehende Grundgedanke mit Blick auf Gott als barmherzigen Vater der Menschen ist eben alttestamentlich, also sowohl jüdisch, als auch christlich: Gott gebietet Barmherzigkeit, weil er barmherzig ist. Abstrakter noch: Gott handelt barmherzig an den Seinen, weil er die Barmherzigkeit selbst ist. Gott ist der Vater des Volkes (Dtn 32,6), der es zum Gebotsgehorsam bewegen und dadurch erziehen (Jer 31,9) will. Jesus fügt dem freilich noch einiges an Zärtlichkeit hinzu, wenn wir mit dem NT Gott im Gebet als "Du lieber Vater" (Mk14,36) anreden oder gleich das "Abba" aus Jesu aramäischer Sprechsprache schreien …

Und wenn schon zwischen Gott und die Barmherzigkeit kein Blatt Papier passt, dann bitte auch nicht zwischen uns und unsere jüdischen und christlichen Schwestern und Brüder. Unsere Schwestern und Brüder werden in der Bibel als unsere "Nächsten" bezeichnet, der Kodex des Verhaltens ihnen gegenüber ist erstmals im dritten Buch Mose im 19. Kapitel aufgeschrieben worden. Unsere Jahreslosung von der Barmherzigkeit integriert alles, was da geschrieben steht en Detail und im Überblick. Schade, dass uns diese biblischen Texte nicht mehr so geläufig sind, dass wir einfach wie auswendig auf sie zurückgreifen könnten. Gott gebietet Barmherzigkeit, weil er als Gott Israels die Barmherzigkeit selbst ist. Gott bekräftigt seine Anforderungen an Israel, die sehr an die zehn Gebote erinnern, damit, dass das, was von Israel insgesamt und von jedem Einzelnen gefordert wird, schlicht ihm entspricht, der er "unser Herr und Gott" ist, wie es lapidar heißt:

Und der Herr redete mit Mose und sprach: Rede mit der ganzen Gemeinde der Israeliten und sprich zu ihnen: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott. Ein jeder fürchte seine Mutter und seinen Vater. Haltet meine Feiertage; ich bin der Herr, euer Gott.
Ihr sollt euch nicht zu den Götzen wenden und sollt euch keine gegossenen Götter machen; ich bin der Herr, euer Gott.
Und wenn ihr dem Herrn ein Dankopfer bringen wollt, sollt ihr es so opfern, dass es euch wohlgefällig macht. Es soll an dem Tag gegessen werden, an dem ihr’s opfert, und am nächsten Tage. Was aber bis zum dritten Tag übrig bleibt, soll man mit Feuer verbrennen. Wird aber am dritten Tage davon gegessen, so ist es untauglich und wird nicht wohlgefällig sein; und wer davon isst, muss seine Schuld tragen, weil er das Heilige des Herrn entheiligt hat, und ein solcher Mensch wird ausgerottet werden aus seinem Volk. Wenn du dein Land aberntest, sollst du nicht alles bis an die Ecken deines Feldes abschneiden, auch nicht Nachlese halten. Auch sollst du in deinem Weinberg nicht Nachlese halten noch die abgefallenen Beeren auflesen, sondern dem Armen und Fremdling sollst du es lassen; ich bin der Herr, euer Gott.
Ihr sollt nicht stehlen noch lügen noch betrügerisch handeln einer mit dem andern. Ihr sollt nicht falsch schwören bei meinem Namen und den Namen eures Gottes nicht entheiligen; ich bin der Herr.
Du sollst deinen Nächsten nicht bedrücken noch berauben. Es soll des Tagelöhners Lohn nicht bei dir bleiben bis zum Morgen. Du sollst dem Tauben nicht fluchen und sollst vor den Blinden kein Hindernis legen, denn du sollst dich vor deinem Gott fürchten; ich bin der Herr.
Du sollst nicht unrecht handeln im Gericht: Du sollst den Geringen nicht vorziehen, aber auch den Großen nicht begünstigen, sondern du sollst deinen Nächsten recht richten. Du sollst nicht als Verleumder umhergehen unter deinem Volk. Du sollst auch nicht auftreten gegen deines Nächsten Leben; ich bin der Herr. Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen, sondern du sollst deinen Nächsten zurechtweisen, damit du nicht seinetwegen Schuld auf dich lädst. Du sollst dich nicht rächen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der Herr.

Liebe Gemeinde, der Designer Jan Schletter ist – seit 25 Jahren – einer der Chefs des Wuppertaler Versandhandels "Kleine Propheten" (www.kleine-propheten.de/die-gestalter.html), der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die frohe Botschaft des Evangeliums und gutes Design miteinander zu verbinden und dabei auf die Qualität nachhaltiger und fairem Handel verpflichteter Produktion zu achten. Von Jan Schletter stammt die wunderbare Gestaltungsidee unserer Jahreslosung der drei am Berg, den beiden Kletterern auf der ausgestreckten Hand Gottes.

(1) Ob den beiden, oder auch nur einem, dem, der seinem Bergfreund hinaufhilft, bewusst ist, dass sie gerade die offene Hand Gottes erklimmen und sich just dabei helfen? Einem Freund oder dem eigenem Nachwuchs die eigenen Überzeugungen in Sachen Religion und christlichen Glauben hilfreich weiterzusagen und erklärend den Aufstieg zu einem erwachsenen Glauben zu ermöglichen – dies gilt unter Kennern als eine große und leider von vielen Eltern wenig oder gar nicht begonnene oder durchgehaltene Aufgabe, als wäre es eines der bestgehüteten Geheimnisse moderner Erziehung, wie man vom eigenen Glauben zu den Kindern nicht nur in Ritualen spricht. Dabei braucht es nur das: die ausgestreckte eigene Hand auf der ausgestreckten Hand Gottes. Fang damit an, die eigene Hand zu reichen und gib das Vertrauen weiter auf Gottes Hand sicher und fest zu stehen. Spricht davon mit Taten oder mit Worten, am besten immer mit dem, was leichter überzeugt …

(2) Ob den beiden, oder auch nur einem, dem, dem sein Bergfreund hinaufhilft, bewusst ist, dass sie gerade die offene Hand Gottes erklimmen und sich just dabei helfen? Der, dem da geholfen wird, er setzt ja alles ein, was er selbst hat, sucht einen Tritt und greif mit der freien Hand aus. Und er vertraut darauf, dass der Freund die Kraft hat, der ihn mit beiden Händen hält und zieht, ihn in den eigenen Bemühungen weit genug überstützt (unterstützt passt als Wort hier irgendwie nicht, finde ich) und dabei auch noch recht mühelos wirkt. Das ist es, was wir an andere weitergeben können, dass auch wir uns immer wieder helfen lassen, uns ziehen lassen, um die nächste Klippe im Glauben zu meistern. Und solche Meisterschaft gibt es nur durch Übung, nur durch Aushalten und Dranbleiben, nur durch Geduld, die sich bewährt.
(3) Ob der hilfreiche Freund oben weiß, dass er, von außen her betrachtet auf einem Stück steht, das wie ein gefährlich ausragender Felsengrat wirkt? Es scheint ihn nicht zu besorgen oder zu kümmern, er spürt den festen Boden unter den Füßen und geht davon aus, dass der Grund für beide trägt und hält. Und das ist es auch, was wir anderen weitergeben können, die wir zum Glauben an Gott einladen wollen: das feste Vertrauen, dass Gottes Hand trägt und unsere Grundlage für alle Stufen und Etappen im Leben ist. Das kann man dem Freund oder dem eigenen Nachwuchs gegenüber so aussprechen. Man kann es aber auch einfach leben und erlebbar machen. Und dann vielleicht ganz nebenbei an einem Bild wie diesem erläutern.

Im Fokus, im Scheinwerferlicht der Jahreslosung ist die Barmherzigkeit der Tourengänger füreinander. Aber auch Gottes Hand gehört ins Bild. Die Barmherzigkeit, die damit illustriert werden soll, hat in der biblischen Redeweise (es geht um griechisches Griechische Satzzeichen, das ein antiker Mensch besonders gut aus den großen Dramen im Theater, aber auch aus dem Ethikunterricht im Gymnasium kannte) gar nichts weiter spezifisch theologisches. Barmherzigkeit passt zu dem, was Menschen tun genauso wie zu Gott. Es kann also auch eine andere Menschenhand sein, die mich so hält und mit den schon jetzt einmal rettenden Felsvorsprung gewährt.

Zugleich sollte nie vorschnell ausgeschlossen werden, dass die andere Hand eines Menschen mir letztlich Gottes Hand reicht – am schönsten in der Hand des Menschen, der mich liebt. Gott schenkt uns durch die Hand anderer Menschen den festen Grund, auf dem man stehen und helfen, oder auf den hinauf man klettern kann. Im AT ist diese Hand Gottes im mutigen Bild dafür die Hand der werdenden Mutter, die sich auf den gewölbten Bauch mit ihrem Kind legt. Gottes Erbarmen in der hebräischen Bibel ist im Wortsinn der Mutterschoß (Jes 49,15) als der Ort des Erbarmens, weshalb es kein besseres Bild für Geborgenheit bei Gott und Nähe und behütet sein und die Barmherzigkeit gibt, als das der erst schwangeren Maria und dann Mutter mit dem Kind in der Krippe, mit Jesus, der Mensch gewordenen Barmherzigkeit Gottes. So ergänzt es sich auf eine besondere Weise väterlich und mütterlich zugleich, dass die Jahreslosung von der Barmherzigkeit Gottes spricht, als ob es einen Mutterschoß des Vaters gäbe.

Wofür konkret wir Gottes und unsere Barmherzigkeit brauchen, ist noch nicht am Tage, es wird aber sicher schnell deutlich werden. Die Barmherzigkeit der Geduld wird sehr schnell auf der Tagesordnung stehen; schon gleich die Geduld, auch nach dem 10. Januar uns weiterhin kontaktarm zu begrenzen, einander trotzdem irgendwie barmherzig genug nahe zu sein und darauf zu warten, den Termin für die eigene Impfung zu bekommen. Sich impfen zu lassen wird ein Akt der Barmherzigkeit sein, damit wir uns wieder besuchen können und ich wieder in die Häuser zum Geburtstagskaffee und an die Pflegebetten und auf die Intensivstation komme. Der Verbot von Einwegplastik und die Abschaffung des Solidaritätszuschlags gehören nicht in meine Liste, eher schon die allgemeine Rentenerhöhung und das Anheben des Mindestlohns, von Hartz IV und die Einführung der Grundrente. Der Amtsantritt eines neuen amerikanischen Präsidenten und eine deutsche Bundestagswahl auch nicht, wobei ich den leisen Stimmen aufmerksam zuhöre, die sagen, wir hätten es einer evangelischen Kanzlerin und Pfarrerstochter zu verdanken, dass die Gottesdienste an Weihnachten nicht erneut verboten wurden - was schon niemand als Votum für Markus Söder als Nachfolger verstehen wird …

Was barmherzig wäre: ein sicheren Hafen in Starnberg, ein Ausgabegebäude für die Tafel, eine gemeinsame Kleiderkammer aller Hilfswerke, Wärmeplätze für Obdachlose vor Ort. Vom letztjährigen Rotarierpräsidenten habe ich Geld bekommen für Hygieneartikel für Bedürftige, zur Unterstützung und für Fahrkarten – gelebte Barmherzigkeit: Danke dafür …
Was nötig und nicht nur barmherzig wäre: sich selbst erklärende Tablets für alle Alten, freiwilliger Handyurlaub für alle Jungen. Volle Gottesdienste mit lautem Gesang, wieder Frauenkreis, Musikgruppen, Bibelkreis, Jahresempfang. Ostern bitte nicht nur open Air, das Karfreitagskreuz kommt freilich wieder vor die Kirche, Konfirmationen, Jubelkonfirmationen, Sommerfest und Kirchweih. Das Weihnachtsoratorium im Advent in der Friedenskirche Teile III, V und VI, wieder eine lebensgroße Weihnachtskrippe, vor der auch die Älteren mit Staunen stehen …
Was immer nötig ist und immer sehr barmherzig getan werden muss: wenn schon dann bitte hilfreiche Trauerfeiern, viele Trauungen, noch mehr Taufen – eine davon am ersten Weihnachtsfeiertag am Steininger Grundstück – dafür habe ich bei der Zielgruppe schon geworben, eine erste Interessenbekundung abgehärteter Winterschwimmeltern hat mich schon erreicht – etwas voreilig vielleicht, es sind ja noch deutlich mehr als 12 Monate hin …
Und das alles ist das, was wir jetzt schon ahnen und worauf wir uns freuen. Gottes Barmherzigkeit sorgt dafür, dass wir nicht in die Zukunft schauen können, was alles wirklich kommen wird. Wir werden auch das neue Jahr nach vorne leben und am Ende von hinten her zu verstehen suchen. Mit Gottes Barmherzigkeit als tragender Hand und mit unser, allen voran Deiner und meiner ausgestreckten Hand zu den anderen hin wird es, so Gott will, schon gelingen, auch das nächste Jahr als Gipfel zu erklimmen. Es wird gelingen, wo wir barmherzig miteinander und mit uns selbst bleiben, wie auch unser Vater barmherzig mit uns bleibt.

Amen.

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