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Predigt über II Petr 1,16-19

(gehalten am 31. Januar 2021, in der Friedenskirche Starnberg)

Liebe Gemeinde,

im chinesischen Taiwan gibt es an Neujahr eine auch in unserer Zeit noch gepflegte Zeremonie, die an der Statue des Küchengottes Zao Jun zelebriert wird. Zwar sind Teile des himmlischen Personals schon gar nicht mehr in Amt und Würden, aber die Tradition hält sich. Man ist dort davon überzeugt, dass der Küchengott – im eigenen Haus wohnend kennt der die Zustände daheim vermutlich gut – einmal im Jahr zum Obergott, dem Jadekaiser, marschiert, um Bericht zu erstatten. Was der Küchen- dem Himmelsgott über die Familie erzählt, entscheidet dann über das Schicksal der Familie im ganzen kommenden Jahr!

Küchengot Zao Jun, Taiwan
Bevor der Küchengott zu seiner Reise aufbricht, werden ihm zur Einstimmung auf seine Reise Süßigkeiten, Geistergeld und Papierpferdchen zur Erleichterung der möglichen Beschwer seines langen Marsches geboten. Soweit so üblich, oder? Kennt man ja auch aus heimischen Gefilden und von Urlaubsexkursionen. Sollen die Menschen doch glauben, was sie wollen, wenn es ihnen hilft, wie? Weil man ja nun ganz gewiss nicht in Teufels Küche kommen möchte, bestreicht die Familie die Lippen der Statue des Küchengottes sicherheitshalber mit Malzzucker, Honig und Marmelade. Denn nun sollten ihm doch eigentlich beim Bericht von der Familie nur noch süße Worte über die Lippen gehen, sodass die nächste Zukunft der Familie nicht nur in der eigenen Küche gesichert ist … dies alles sind Praktiken, die im AT unter den Propheten besonders treffend der zweite Jesaja (Jes 40ff) aufspießt, wenn er in spöttischem Ton die Menschen nach dem geschätzten Material fragt – Holz damals natürlich, Gips und Pappmaschee in Taiwan? – aus dem solche "Götterbilder" respektive Idole eigentlich gemacht sind. Der Prophet tut das, um klarzulegen, dass die Menschen, die so glauben und handeln, auf dem Holzweg einer schlicht erfundenen Religion zur Befriedigung eigener Bedürfnisse sind.

Der Apostel Paulus würde dazu seinen Röm bemühen und wie dort lästern, dass da wieder mal auf dümmliche heidnische Façon Schöpfer und Geschöpf völlig unzulässig und unentschuldbar miteinander vertauscht (Röm 1,23) worden sind. Nur ein menschenerdachtes und menschengemachtes Götzenbild kann man manipulieren. Freilich ist es irgendwie auch süß, was Menschen sich für einen Gott ersinnen und zugleich ist es beachtlich, was Menschen ihrem Götzen für Versprechungen machen, damit er ihre Bitten erhört …

Ist dies tatsächlich vor allem der Furcht geschuldet, es könnte im Familiensetting anders ins Jahr hineinlaufen, als man es in schweren Zeiten jetzt braucht? Natürlich kann es (nicht nur bei uns daheim) immer anders kommen, als wie es uns erhoffen. Die Sorge, dass uns Dinge und Entwicklungen bevorstehen, die wir nicht in den Griff behalten oder die uns durch ihre schlichte Dauer überwältigen, sie mag in unseren Tagen und Monaten viele von uns bewegen. Mich bewegt sie, ob den Menschen die Kraft und Geduld reicht, bis die zweite Impfung erfolgt ist. Und es gibt viele weitere Sorgen und Ängste vor dem, das wir nicht in der Hand haben.

Was gibt Orientierung und Halt? Gott traut uns zu, ihm zu vertrauen. Der Predigttext aus dem zweiten Petrusbrief, historisch dem jüngsten Text im ganzen NT, passt gut zu der Geschichte von Jesu Verklärung auf dem Berg (vgl. Mt 17,1-9 als Sonntagsevangelium), wo sich das Leben für die mitgenommenen Jünger endlich einmal so wohlig (17,4a) und gut anfühlt, dass man am liebsten gar nicht wieder in Tal und in die Niederungen des Alltags hinabsteigen möchte.

Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen. Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge.

Liebe Gemeinde, ja, man könnte auch heutzutage sehr persönlich das Empfinden haben, in düsteren Zeiten zu leben und zu wohnen, an einem etwa innerlich verdunkelten Ort, den auch der Schnee nur äußerlich heller, aber nicht wärmer oder lichter gemacht hat. Fühlen Sie sich derzeit wohl in dieser Welt? Viele sind gerade in einer Art Deckung und Winterschlaf. Wir haben freilich diese Hoffnung: das Licht wird sich durchsetzen, die Wärme, der Glanz, der auf Jesu Gesicht lag, als er auf dem Berg verklärt wurde, wird erneut dazu führen, das Leben zu erwecken und den Frühling und die Impfung zu bringen. Gottes Stimme vom Himmel hat es angekündigt und die Herrlichkeit des Höchsten hat es in helles Licht getaucht: Der Sohn Gottes ist erschienen, den Gott immer schon zu uns senden wollte, damit er uns die Augen und Herzen öffnen. Gemeint damit ist Jesus, der menschgewordener Sohn Gottes, der zu uns gekommen ist, um uns mit seiner Hoffnung zu imprägnieren und zum Leben anzustecken.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft greifen ineinander und verbinden sich im Predigttext, dessen Brief erneut wie schon eine erste Ausgabe (I Petr) dem alten Apostel Petrus zugeschrieben wurde, um Beachtung zu finden. Inhaltlich ist das ja wichtig, was da steht und gesagt wird, auch wenn gerade keine Augenzeugenschaft (aber eben auch keine unrealistische und unhaltbare Fabelei) besteht. Denn die Erinnerung an die innerer Stimme Gottes in unserem Leben, was wir bereits mit Gott in guten Zeiten vor Corona erlebt haben, das macht uns stark. Das trägt auch für Morgen. Das, was wir persönlich, jede und jeder von uns auf die ganz eigene Art, schon mit Gott erlebt und von Gott als Zuspruch und Segen fahren haben. Das wir so deuten können und mögen, dass wir erlebt haben, dass Gott an unserer Seite ging, als es zwielichtig wurde und dunkel um uns war und wir nicht wussten, wie es weitergehen würde.

Da ist zum anderen, neben dem persönlichen Erleben, neben unserer eigenen Erfahrung und Theologie, auch das, was andere vor uns mit Gott erlebt haben. Zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer, der sich im Berliner Gestapogefängnis am heutigen Erinnerungsort namens "Topographie des Terrors" zweifelnd fragt, da andere sich ihm mehr Selbstvertrauen abschauen, als er selbst in sich entdeckt: "Wer bin ich?" Der hin- und her schwankt zwischen einsamer Verzweiflung und den Mitgefangenen gegenüber offensichtlich hergezeigter Gelassenheit. Pendelnd zwischen dem Zorn auf sein Schicksal der Trennung von der Frau, die er liebt, und der Ohnmacht, ob seine Familie auch noch in den Schlund der Todesgefahr um das eigene Leben hineingezogen wird, in dem er schon steckt. Am Schluss legt Bonhoeffer was er von sich weiß und alles andere in Gottes Hände und sagt: "Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott."

Wir Christen sind nie alleine unterwegs auf dem Weg durchs Leben. Viele gingen vor uns diese Strecken. Andere gehen mit uns, wir gehören in die Gemeinschaft der Getauften. Es gab schon Christmenschen durch die Zeit seit Jesus, an ihnen können wir anknüpfen. Daran, wie sie Gott in Liedern gelobt oder in Psalmen beklagt haben. In ihr Vertrauen können wir einstimmen und wie sie den passenden Vers beten: "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln" (Ps 23,2). Andere sind mit uns gemeinsam unterwegs. Und es wird wieder die heute noch jungen Christen geben, die jetzt schon auf dem Plan sind und die dann in ganzer Größe noch nach uns kommen, die das Wort Gottes weitertragen werden in eine noch neuere Zeit, die dann nicht mehr unsere ist. Wir glauben nicht alleine. Wir haben den Trost und die Hoffnung unserer Geschwister, unserer Familie in Gott, für die wir keinen Küchengott als Beschwichtiger im Himmel oder auf wolkenumtürmten Bergeshöhen brauchen.

Natürlich neigt man als Protestant dazu, die eigene Beziehung zu Gott über alles andere zu betonen. Und es gibt zu jeder Zeit die Brüder und Schwestern, die nicht nur heute mit gewiss gutem, weil so empfundenem Recht betonen, sie seien ihrem (und unserem) Gott am nächsten, wenn sie alleine für sich hin durch den Wald gehen oder einen einsamen Spaziergang am Meer machen. In den letzten Wochen bin ich genauso selbst immer wieder unterwegs gewesen. Ich kenne und brauche auch die Momente der Stille in der Natur, der besonderen Atmosphäre im Winterwald und am Seeufer. So wie ich mir gerne daheim sehr laut Musik anmache, die dann durchs ganze Haus schallt, wo sie am Abend keine Nachbarn oder die tagsüber fleißigen Mitarbeitenden des Sozialpsychiatrischen Dienstes (SPDi) in den Büros nebenan stören kann. Das Putzteam, das oft abends erst sehr spät kommt, erfreut sich hoffentlich an diesen Klängen …

Ich denke gerne über Gott alleine nach. Aber auch meine eigene Erfahrung mit Gott braucht als Ergänzung und Korrektur Eure Gemeinschaft: zum Singen brauche ich die Gemeinde sowieso, aber auch zum gemeinsamen Beten des Psalms und des Vaterunser, zum verbindenden Hören der Worte der Lesung und der Predigt, und zum miteinander Bekennen des Glaubens, damit ich nicht ins Stottern und Stolpern gerate. Wo mein eigener Glaube einem klein und zerbrechlich scheint, tut es uns gewiss gut, uns gegenseitig zu bestärken.

Und was wären wir ohne die Geschichten und Stories und Erzählungen und Legenden und sogar Fabeln und Gleichnisse über Gott, die andere vor uns erlebt, verstanden, neu ausgelegt, dadurch kreativ erinnert und zur Sicherheit sogar noch aufgeschrieben und in heiligen Büchern bewahrt haben? In der Bibel des Alten und des Neuen Testaments, in der biblischen Tradition, aus der auch unser Predigttext mit seinem fiktiven Petrus im Brief schöpft, finden wir viele Narrative und Verse, die uns Hoffnung geben können.

Viele Menschen haben Lieblingsgeschichten und Lieblingsverse, im Starnberger Gemeindebrief haben wir schon vor einiger Zeit eine Reihe begonnen, sich darüber auszutauschen und zu erzählen. Eine neutestamentliche Parabel (so nennt man besondere, nicht alltägliche Beispielgeschichten), die ich sehr mag, ist die von der Heilung des blinden Bettlers Bartimäus vor Jericho (Mk 10,46-52). Ich habe diese Geschichte schon oft in Schulgottesdiensten anhand der Bilder des Kinderbibelmalers Kees de Kort erzählt. Diese Bilder zeigen besonders schön, dass der Blinde nicht locker lässt, sondern immer weiter und zur Not immer lauter schreit: "Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner" (10,47b.48b). Jesus hört ihn und ruft ihn zu sich. Und als der Blinde es noch einmal ausgesprochen hat, was er von Gott braucht, in diesem Augenblick kann er sehen. Auf eben diesem Bild der Heilung ist in der Kinderbibel Bartimäus mit derart aufgerissenen, staunenden Augen gemalt, die zum ersten Mal alles um sich herum sehen, ein Ausdruck von intensivstem Sehen liegt auf seinem Gesicht. So muss es sein, plötzlich alles, was vorher im Dunkel lag, mit eigenen Augen zu erfassen. So muss es sein, das befreiende Wort zu hören. So muss es sein, die Herrlichkeit Gottes zu schauen …
Vielleicht ist das auch ein einzelner Verses, die Sie begleitet? Für mich gibt es einige davon: die Herrnhuter Losung am Tag meiner Geburt am 5. August 1965; das Bibelwort, das einmal auf meinem Grabstein stehen soll (II Kor 12,9): "Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!" Oder mein Spruch zur Konfirmation am 9. April 1979: "Gott der Herr ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil" (Jes 12,2b). Manchmal geraten einem diese Sprüche in den Hintergrund und beschäftigen mich lange nicht, dann wieder sind sie präsent und sprechen zu mir und ich bin froh, sie mir nicht selbst ausgesucht zu haben, sondern auf den Kopf und das Herz zugesagt bekommen zu haben.

Das konkrete Wort der biblischen Botschaft, die unvermittelt heute spricht, ist ein Licht, das an einem dunklen Ort scheint, von einer Stimme erzählt der Petrus unseres verspäteten Briefes in seiner Erinnerung an Jesu Verklärung. Das Wort verscheucht das Dunkel, und mit seinem Glanz kommt Gott in unsere Welt. Damit wird das, was uns tagtäglich umgibt, inwendig hell und – wo wir es so begreifen – durchscheinend für Gott. Das passiert, wo Menschen einander begegnen und sich helfen. Wo wir einander schreiben, uns anrufen, uns online treffen oder auch nur intensiv genug aneinander denken.

Gottes Licht erreicht uns heute aus der Zeit von vor mehr als 2000 Jahren. Lange vor uns, mindestens 2000 Lichtjahre früher haben andere schon sein Leuchten gesehen und wurden dankbar. Heute scheint es uns. "Diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen", in dieses Audio-Bild fasst es der Predigttext. Heute erahnen wir einen Vorschein von einem solchen Licht, dessen Glanz und Wärme uns eines Tages ganz erfüllen wird. Schon heute will es uns erreichen und ermuntert uns, Mut zu fassen. Wir kommen her aus dem Licht und gehen hinein in das Licht. So schließt sich der Kreis unseres Lebens und wir sind ewig aufgehoben bei Gott.

Ein Lied begleitet mich in seiner schlichten Melodie seit einiger Zeit, ich habe mir angewöhnt, es auch beim Gehen draußen immer wieder einmal zu singen, es beschwingt mich zudem. Und es fasst unseren Predigttext auf eigene Weise und mit eigenen Worten gut zusammen: "Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht; es hat Hoffnung und Zukunft gebracht; es gibt Trost, es gibt Halt in Bedrängnis, Not und Ängsten, ist wie ein Stern in der Dunkelheit." (Liederheft "Kommt, atmet auf" Nummer 056) Ich freue mich, es nachher mit Ihnen zu singen.

Amen.

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