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Predigt über Hiob 19,19-27

(gehalten im März 2021, in der Friedenskirche Starnberg)

Liebe Gemeinde,

wir gehen auf die Karwoche zu, auf die wichtigste Woche im Jahr. Ich will versuchen, mich dem Leiden Jesu zu nähern, seiner Verlassenheit von den Freunden, seines Verrates durch engste Vertraute, seinen unendlichen Schmerzen und seinem Tod am Kreuz. Womit könnten wir diese tiefste, zugleich uns so heilsame Passion vergleichen? Die kirchliche Neuordnung der Predigttexte vor einigen Jahren bietet uns einen eigenartigen Bibeltext als Resonanzraum an.

Von Anfang an haben die Christen des Neuen Testamentes (NT) versucht, dem Leiden und Sterben Jesu durch die überlieferten Worte und Bilder ihrer hebräischen und griechischen Bibel (unser AT) näher zu kommen. Wäre unser Christus ein unschuldig leidender Gerechter wie der "Knecht Gottes" (Jes 53)? Jesus ist doch kein missratener Sohn, der, den Eltern ungehorsam, zur Strafe "am Holz hängt" (Dtn 21,23), wobei uns sein Tod vom Fluch des Gesetzes ja "freikauft" (Gal 3,13), wie Paulus den galatischen Gemeinden mit Nachdruck schreibt, um dem Gesetz jede Deutungsmacht über unser Leben zu entwinden. Oder wäre der Mann aus Nazareth ein am übergroßen Auftrag gescheiterter Bußprophet wie früher Jeremia (vgl. das Buch Threni mit seinen "Jeremiaden", Klagen über den Untergang Jerusalems und seines Tempels)? Oder ist der von den Römern aus Machtinstinkt gnadenlos Gekreuzigte schlicht ein missverstandener frommer Psalmbeter, der mit den Worten des im Tod gestammelten "mein Gott, warum hast du mich verlassen" (Ps 22,2) sein Leben aushaucht, wobei der 22. Psalm mit der Zuversicht endet, dass in der Gemeinde Gottes immer eine Zukunft für den Gerechten liegt …

kreuzigung

Heute ist es Hiob, den das NT eigentlich gar nicht zum Kronzeugen für Golgatha macht. Er soll uns helfen, das Leiden Jesu und unsere Passion im Licht Gottes zu deuten. Hiob gilt unserer Zeit als Prototyp des Menschen, der unschuldig leidet, mithin als eine sehr moderne Figur. Hiob hadert mit seinem Schicksal, er rauft verbal mit seinen Freunden, die versuchen sein Leid zu erklären und ihn zur Vorsicht im Blick auf seine angebliche Unschuld mahnen – und Hiob hadert auch mit Gott. Ein langes Buch des AT, mit prosaischem Rahmen (c. 1-2 und 42) und poetischer Füllung (c. 3-41) in Form vieler Gespräche über den Sinn des Lebens, ist proppenvoll mit klugen und ein wenig erschöpfenden Gedanken. Unser Text ist die sechste Antwort Hiobs auf die Vorhaltung eines seiner Freunde, konkret eines gewissen Bildad von Schuach. Dieser (vgl. 18,1-21) hatte Hiob warnend das Schicksal des Frevlers vorgehalten, dem es am Ende im Tod nicht anders geht als dem, "der sich um Gott nicht kümmert", der also kein Gottesleugner und Atheist, sondern ein durch mangelnde Frömmigkeit ausgezeichneter, "normaler" Mensch ist. Hiob möge beides nicht sein, bitte!

Hiob hört das und kann nicht widersprechen. Aber er will weder in die Schublade des Ungläubigen, noch in die des nur halbgar Glaubenden gesteckt werden, fühlt sich missverstanden und gar gequält durch die Anwürfe. Er antwortet (19,1-29) dem Freund sehr direkt, statt Verständnis zu ernten immer nur Vorhaltungen zu bekommen (19,2-5). Hiob begreift nicht, wie es hat geschehen können, dass er sich Gott zum Feind gemacht hat (19,6-12) und seine eigene Familie und Freunde (19,13-16.18f) und sogar seine Frau (19,17) sich daraufhin von ihm abgewandt haben. Gott hilft ihm nicht, warum helfen ihm nicht wenigstens die Freunde (19,21), die ihn jetzt "wie Dämonen" bedrängen? Irgendwie sind wir in ein Tryptichon des Hieronymus Bosch, des Malers der unverstehbaren Grotesken gefallen:

Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt.
Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon.
Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, ihr meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen!
Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch?
Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden
als Inschrift, mit einem eisernen Griffel und mit Blei für immer in einen Felsen gehauen!
Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben.
Nachdem meine Haut noch so zerschlagen ist, werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen.
Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder.
Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

Der Mann, der noch vor kurzem mitten im blühenden Leben stand, 10 Kinder zeugte und auch sonst mit richtig viel Reichtum gesegnet war – Hiob wurde zeitgenössisch als Stoiker interpretiert, weil er sein Leben unaufgeregt fromm, gottesfürchtig und rechtschaffen gestaltet hat. Nirgendwo wird vermerkt, dass er Jude war, er taugt auch den anderen "Leuten des Buches" als Exempel, also ebenso uns Christen und den Moslems (vgl. Suren 38,44 und 21,83f).

In der Zwischenzeit ist Hiobs Leben in kieselgroße Stücke zerfallen. Erst sind alle seine Angestellten von Fremden ermordet worden. Durch ein Unwetter stürzt dann das Haus ein, in dem seine Kinder gerade ein fröhliches Fest feieren – kein Sohn und keine Tochter überleben. Dann wird Hiob selbst schwer krank, bösartige Geschwüre breiten sich am ganzen Körper aus, die verwesende Haut fällt von ihm ab, Hiob stinkt zum Himmel. Und auch das noch: seine Frau beschimpft ihn ob seines Glaubens. Alles, was ihn bisher getragen hat, ist zerbrochen. Hiob, will er es oder nicht, egal, er muss sich die Frage stellen: "Warum muss gerade mir das alles geschehen? Warum straft mich Gott so schwer?" Aber er findet keinen guten Grund für sein Leid. Und je tiefer er darüber nachdenkt, umso mehr gerät er an die Grenze dessen, was er verstehen kann, an den Horizont seiner Denkweisen und Logik.

Das Leid, das ihm widerfährt, empfindet und begreift er als Unrecht von Gott. Die drei Freunde, die ihn besuchen, darunter eben ein gewisser Bildad von Schuach, machen zunächst alles richtig – fast wie in einem Lehrbuch für Seelsorge: sie kommen, sie setzen sich mit Hiob auf den Boden und schweigen sieben Tage und sieben Nächte. Doch dann suchen auch sie nach Erklärungen: Hiob, wenn es Dir so schlecht geht, dann muss es seinen Grund haben. Denke daran: Gott straft die, die Unrecht tun und die ihn nicht achten! (vgl. 18,21) Doch Hiob wehrt sich gegen diese Deutungsversuche, die nicht ihn als Person betreffen, die nicht ihn als Mensch im Blick haben, die vielleicht klug klingen, aber nicht mit seinem Leben verknüpft und nicht in der Erfahrung mit Gott geerdet sind. "Wäre ich schuldig, dann wehe mir!" (10,15) "Ihr seid meine Freunde, aber ihr verspottet mich!" (16,20) "So merkt doch endlich, dass Gott mir Unrecht getan hat und dass er mich mit einem undurchdringbaren Netz umgeben hat!" (19,6)

Hiob wehrt sich, er wehrt sich wie wir gegen vieles, was einfach nicht zu erklären ist: Warum gibt es immer wieder Menschen, die mich so verletzten, statt meine Not und Angst und Sorge zu sehen? Warum trifft gerade den Menschen diese schwere Krankheit, der mir so wichtig ist, sodass unser Leben miteinander unendlich mühsam wird? Warum lässt Corona keine Gelegenheit aus, die Schwächsten unter uns besonders hart zu treffen? Und Hiob bekommt auf diese Fragen keine Antwort, so wie wir. Es gibt darauf auch keine, findet er – und jeder noch so gut gemeinte Erklärungsversuch ist falsch und sollte uns im Munde zergehen. Hiobs Freunde versuchen es trotzdem immer wieder, sie bemühen all ihr Welt- und ihr in der Tradition verankertes Gotteswissen. Aber Hiob bleibt dabei, was gewiss ist, ist ihm gewiss: "Ich habe nicht gesündigt. Ich hielt meinen Fuß auf Gottes Bahn und ich wich nicht ab. Ich übertrat Gottes Gebote nicht, seine Worte habe ich bei mir bewahrt." (23,11)

Natürlich behält Hiob diese Gedanken auch vor Gott nicht für sich. Alleine schon darin, wie ernst er zweifelt und wie verbissen er Gott sucht, ist er ein großer Glaubender und ein riesiges Vorbild. Hiob schmeißt Gott seine Verbitterung, seine Enttäuschung, ja seine Wut vor die Füße. "Du bist es doch, der die Menschen schafft und der die Zeit bestimmt, wann sie wieder sterben müssen. Du bist es, der uns das Leben schenkt und uns wieder abberuft, wenn du unsere Zeit für gekommen hältst … Aber warum nur", so krawallt er, "lässt du uns in dieser kurzen Zeit, die du uns bemessen hast, nicht in Ruhe?" (14,5f) Lass uns leben, Gott, am besten ohne Dich!

Hiobs insistieren auf Gottes Bestimmung und Zugriff auf den Menschen – ist es das, was Jesus meint, als er am Kreuz "mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Mt 27,46) schreit? Anders als Hiob gibt Jesu Klage Gott nicht auf. "Man muss gegen Gott zu Gott fliehen", sagt Martin Luther dazu. Trotz allen Unglücks, mitten in der Verzweiflung und noch durch sein Leid flüchtet Jesus nicht in Ironie, Sarkasmus, Depression oder Schweigen. Und Jesus kommt auch nicht zu dem Urteil von Friedrich Nietzsche, nach dem Gott bekanntlich tot wäre und uns wohl nichts anders bliebe, als unser schlimmes Schicksal am Ende sogar zu lieben: ‚amor fati‘ nennt der Philosoph das und weiß, dass er "Übermenschliches" von einer Menschheit erwartet, die solches nicht vermag …

Jesus schreit nach dem Gott, der fern scheint. Hiob hingegen fordert Gott heraus. Wo man mit Gott hadert, da lässt man nicht los. Und wo wir mit Gott hadern, lässt auch Gott nicht von uns ab – nicht einmal da. So wendet sich Hiob an Gott gegen Gott. Und in dieser Haltung, sich mit Gott auch dann noch auseinanderzusetzen, wenn es keine Antworten gibt, findet Hiob den Mut zur Hoffnung. Mitten in seinem Ringen mit Gott und mit dem Unrecht dieser Welt und dieses Gottes findet Hiob zu diesem wunderschönen Satz, der aus unserem Bibeltext einen Predigttext macht: "Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, auch wenn er sich als der Letzte aus dem Staub erhebt" (19,25).

Im Buch des Hiob ist dieser Satz wohl erst später, vom Rand, wo er als Kommentar auf der Buchrolle stand, in den Text hineingewandert. In jedem Fall hat der Schreiber dieser Worte sehr genau erkannt, welche Kraftquelle uns in der Auseinandersetzung mit Gott entspringen kann. Wohin man sich durchringen kann, wenn man mit Gott den Kampf wagt wie ein Jakob oder eine Jakobine in der Nacht am Fluss Jabbok (Gen 32,23-33). Und wenn man nicht nachlässt, bis man den Segen bekommt, auch wenn es Schläge kostet, die man einsteckt.

"Ich weiß, dass mein Erlöser lebt". Ein solcher Satz, liebe Gemeinde, liegt einem nicht stets vorne auf der Zunge. Es hat bei Hiob lange gedauert – viele einsame und verzweifelte Sprech- und Klagestunden. Hiob hatte dafür keinerlei theologischen Vorbilder oder Vorredner. Die Texte des AT entwickeln noch keine Auferstehungshoffnung, weshalb unser Satz vom Leben des Erlösers auch nicht auf Hiobs ewiges Leben zielt. Der Satz ist auch keine tröstliche Vision der Zukunft in seligen Jagdgründen oder der hebräischen Sche‘ol. Und keine Rechtfertigung einer Seele vor einem himmlischen Gericht, wie in den ägyptischen Totenbüchern zuhauf.

In seinem Hadern mit Gott entwickelt Hiob die Kraft, eine irdische Spur der Hoffnung zu finden, die vorher nicht da war. Hiob wird am Ende gerechtfertigt werden, Gott wird für ihn eintreten (Hi 42). In seinem Herzen bildet sich jetzt schon ganz langsam diese Ahnung: "Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!" Der Satz, mit dem Hiob gegen jede Hoffnungslosigkeit daran festhält, dass Gott doch noch zu seinen Gunsten seine Unschuld attestieren wird, bleibt eine zarte Arie und ist gerade kein Halleluja mit Trompeten und Paukenschlag.

Dieser leise Satz hebt kein Leid der Welt auf. Aber gerade als ein leiser Ton kann er auch uns zur Quelle der Kraft werden: dem Leben, das wir schon längst verloren geglaubt haben, erneut entgegenzusehen und unserer Zukunft in der kommenden Zeit entgegenzugehen: stets suchend, immer tastend, aber auch wieder im Vertrauen, auf uns selbst und auf Gott. Denn wo ich einen Satz wie diesen mitspreche, da erhellt sich der Horizont um einen Hoffnungsschimmer – einen Lichtstrahl, der mein eigenes, oft so beängstigendes Leben langsam übersteigt wie die aufgehende Sonne an Ostern, in deren frühem Schein damals nach dem Karfreitag niemand mit jener Botschaft gerechnet hat: "Christus ist auferstanden".

Wo ich leise mitsprechen kann: "Ich weiß, dass mein Erlöser lebt", da öffnet sich mein Blick neu für die Chancen eines (oft nur klein wirkenden) Glaubens und für eine Gemeinschaft wie der Unseren, die trotz aller eigenen engen Grenzen eben doch bereit ist, wenn nötig mit Engelsgeduld gegen das Unrecht in der Welt anzutreten, sich als Friedenskirchengemeinde für Gerechtigkeit zu engagieren, beginnend mit dem, was wir bei uns daheim und in unserer Nachbarschaft für die Menschen tun können. Als eine Kirche, die Einspruch erhebt, wenn Menschen in unverschuldeter Not in die soziale Isolation gedrängt werden. Im Gedanken an mehr als 100 Verstorbene an oder mit Corona alleine in unserem Landkreis. Auch als eine Kirche, die nicht müde wird, ihr Gotteshaus verlässlich zu öffnen für die Menschen, die hier innen endlich still werden wollen oder auch ihre Klage vor Gott bringen wollen, weil sonst nichts mehr hilft. Die ihre Zettel voller Sorge an die Gebetswand heften in den Sprachen dieser Welt, eben auch auf Arabisch.

In der Karwoche, auf die wir zugehen, stellen wir uns dem Anspruch, das Leid, die Angst, die Einsamkeit, die Verzweiflung und sogar den Tod ohne jeden Krankheitsgrund ernst zu nehmen. Alles dies hat Jesus am eigenen Leib erfahren – als Mensch unter uns Menschen. In der Osternacht am dritten Tag können wir aber auch erleben, dass man gegen jede leidvolle Erfahrung mit Hiob und wie Hiob und zur Not als ein Hiob darauf vertrauen kann: "Ich weiß, dass mein Erlöser lebt und dass er sich vor dem am Ende über den Staub erhebt“.

Amen.

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